im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2016 / 2017

Pressestimmen zu "Alte Liebe"

Man hat einander, im besten Fall
Matthias Eberth inszeniert im Kleinen Theater Landshut „Alte Liebe“ 

Er hat seine Blumen, sie hat ihre Bücher – man kommt sich nach 40 Jahren Ehe nicht mehr groß in die Quere. Die angekündigte – inzwischen dritte – Hochzeit ihrer Tochter Gloria ist ein Anlass für Harry und Lore, wieder einmal ausführlicher miteinander zu reden. Über die Ideale von einst. Über den Sinn des Lebens. Wo wollten wir mal hin ? Wo stehen wir jetzt ?

Das ehemalige Ehepaar Elke Heidenreich und Bernd Schroeder hat mit dem Roman „Alte Liebe“ (2012) eine anrührende Beziehungs-Bestandsaufnahme geschrieben, Matthias Eberth hat sie im Kleinen Theater Landshut nun ebenso anrührend inszeniert. Stefan Lehnen sieht als Ruheständler Harry mit seinen langen grauen Haaren aus wie der gemütliche Gärtner in der Nachmittags-Servicesendung im Fernsehen: grüne Hose, die graue, etwas kurze Weste umspannt ein Bäuchlein, Pantoffeln (Kostüme: Irina Kollek). Wenn er nicht gärtnert und auch mal zwanglos in die Büsche pinkelt, spielt er Golf – Golf ! –, oder er trinkt genüsslich sein Weißbier an der Rampe. Dieser Harry ist ein zufriedener, in sich ruhender Bär. Die Affäre von damals ist schon fast vergessen, seine Frau glaubt ohnehin, es sei nur ein Flirt gewesen.

Petra Einhoffs Lore ist eleganter im rot-schwarzen Kleid, an die 68er erinnern noch der bunte Rock über dem Kleid und die Strickstulpen an Händen und Füßen. Sie arbeitet sehr engagiert in der Bibliothek. Doch die einst heiße Liebe zur Literatur kühlt allmählich ab, die Titel auf den Bestsellerlisten sind austauschbar, und auch mit dem „Martin“ – Walser, natürlich – ist es nicht mehr wie früher. Sackt der nach der Lesung doch einfach beim Italiener in sich zusammen.

Auf der erhöhten Bühne (eingerichtet von Luis Graninger) stehen die Symbole dieser beiden parallel gelebten Leben: zwei Haufen schwerer Brockhaus-Bände (die auch als Hocker dienen) und ein Paar Edel-Gummistiefel. Außerdem zwei wacklige weiße Türrahmen für die kleine Flucht aus der aktuellen Paar-Spielsituation. Harry gesteht dort vor dem Publikum, dass durch die Affäre auch alles hätte ganz anders kommen können. „Ich sollte glücklich sein. Eigentlich“, sagt Lore einmal traurig. Und Harry fragt zurück: „Was heißt das: Glück ?“

Lachen und Weinen, Trauer und Freude liegen in „Alte Liebe“ nahe beieinander. Hier findet ein Paar, das miteinander alt geworden ist, seine einstige Vertrautheit wieder, unter anderem, indem es sich geschlossen vom zunächst reichen Industriellen-Schwiegersohn distanziert. Das alles ist schön anzuschauen, und die Wende am Ende lässt einen dann doch schlucken, auch wenn man ja eigentlich schon von Anfang an wusste, wie es ausgeht. Was lernen wir aus dem Stück ? Auch wenn das Feuer der Liebe nicht mehr lodert, so glimmt es doch vielleicht – im besten Fall – immer noch und wärmt das Herz. Und man tut gut daran, sich an der Gegenwart des anderen zu erfreuen, bevor es zu spät ist.

Philipp Seidel, Landshuter Zeitung, 9. Januar 2017

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"Alte Liebe": Dem Leben so nah
Volles Haus am Freitag bei der Premiere im kleinen theater

Er nippt genüsslich an seinem frisch eingeschenkten Weißbier und blickt in die Ferne. Die grauen Filzpantoffeln hat Harry eingetauscht in graue Filzgummistiefel. Er war Architekt, nun ist er Hobbygärtner. In seinem grünen Reich findet er die Erholung und Ablenkung von den Alltäglichkeiten seines Lebens und seiner Ehe. Seit vierzig Jahren sind Harry und Lore verheiratet. Glücklich. Zumindest meistens. Klar, gibt es auch bei ihnen Zoff. Lore ist leidenschaftliche Bibliothekarin. Sie liebt die Lyrik und die Lyriker.

Einmal hat sie sich so in einen verliebt, dass Harry Angst hatte, Lore würde ihn verlassen. Liebesgedichte hat der andere Typ ihr geschrieben, eines nach dem anderen; Lore war hin und weg, schwelgte nur noch in den Zeilen, die ihr gewidmet wurden.

Harry, auf der anderen Seite, kann dieses Büchergedöns nicht ausstehen. Wenn er nur daran denkt, Martin Walser bei einer von Lores faden Lesungen zu hören, verfällt er in einen innerlichen Winterschlaf. Und trotzdem lieben sich Lore und Harry, auch nach vierzig Jahren. Sie führen eine solide, ehrliche Beziehung. Im Gegensatz zu ihrer Tochter. Die stürzt sich nur von einer unglücklichen Geschichte in die nächste. Nun heiratet sie zum dritten Mal: einen stinkreichen Unternehmer aus einer unsympathischen Industriedynastie. „Was haben wir nur falsch gemacht?“, fragt sich Lore immer wieder.

„Alte Liebe“ heißt das Buch von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder, das der Regisseur Matthias Eberth nun im Kleinen Theater Kammerspiele Landshut für die Bühne adaptiert hat und am letzten Wochenende vor vollem Hause Premiere feierte. Es ist ein intensives Pingpongspiel, ganz nah am echten Leben, das die Liebe zweier Personen erforscht und sich mal humorvoll, mal sentimental damit auseinandersetzt, was passiert, wenn man auf einmal alt ist und feststellt, es kommt nicht mehr so viel im Leben – eigentlich nur noch der Tod.

Lore, gespielt von Petra Einhoff, und Harry, Stefan Lehnen. Ein recht einfaches, glückliches Paar. Sie, der leicht affektierte Bücherwurm im orange gescheckten Wollrock; er, der Hobbybastler im grünen Anzug und Filzpantoffeln. Er stinkt und ist fett, sagt sie. Sie wird langsam immer mehr wie ihre Mutter, kommentiert er.

Oft leben sie aneinander vorbei. Lore in ihrem eigenen weißen Metallrahmen gefangen am rechten Bühnenrand, Harry auf der linken Seite in seinem Rahmen lehnend. Sie hockt auf einem Brockhausbücherstapel, er auf seinem alten Benzinrasenmäher. Ab und an treffen sie in der Mitte auf einander, liegen sich innig in den Armen, sitzen nebeneinander auf dem weißen Boden und starren ahnungslos vor sich hin.

Das Leben passiert, da kann man nicht viel daran rütteln. Nur eines ist sicher: Lore und Harry waren immer irgendwie glücklich. Der eine kennt den anderen besser als sich selbst und sie lieben sich, noch immer. „Alte Liebe“: Dem Leben so nah.

Julia Weigl, Wochenblatt, 11. Januar 2017

 

Fotos: (c) Stefan Loeber

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