Verortung beginnt im Augenblick

Wenn ich mich in den Kräften verorte, mich gegen den Strom bewege, entsteht Auftrieb. Sofort entsteht das Bild der Welle. Verdrängung gibt Auftrieb. Mit der Welle entsteht Energie, Resonanz, Durchlässigkeit... Kultur ist ein Kraftwerk und Kunst der Treibstoff. Das sind Kernaussagen unseres menschlichen Denkens. Kultur sollte das Floss sein, das uns alle trägt. Kunst sollte ästhetische Sensibilisierung sein, Initiation, räumlich, visuell, auditiv.

Kunst und Kultur richtet uns als Menschen immer wieder auf, Kultur verortet uns in uns durch uns. Zu sich kommen heißt zur Sprache kommen, zur Sprache kommen heißt zur Welt kommen (Sloterdijk). Kunst erzählt uns immer davon, was jenseits von dem liegt, was uns schon zugänglich ist. Ein Raum? Eine Stadt? Eine Welt? Eine Verbindung? Wo befinden sich neue Räume für neue Sichten und Sichtungen? Eine Betrachtung wird eine Perspektive, eine Sicht wird zu einer neuen Form. Ein gestalterisches Kräftespiel. Die Schale entspringt der Geste des Trinkens (Sartre). Neue Denk- Gefühls- und Lebensräume tun sich auf, immer und immer wieder. Geht es nicht immer um dieses Heureka, den kurzen Moment der hellsichtigen Erleuchtungen, das Staunen, die Erkenntnis. Alte Vorstellungen, in die man gefesselt war, lösen sich wie ein gordischer Knoten durch das Erleben der Kunst. Oder das Verständnis einer Komposition in Bild, Ton oder Gedanken.

Verortung von Kultur setzt erst einmal Verortung des Menschen in sich selbst voraus: Geht es bei Fragen der Verortung von Kultur nicht vor allem um die analoge Verortung im Kopf, im eigenen Erkennen? Geht es nicht vielmehr um die Verortung von Bewusstsein im eigenen Denken, das neuronales Wachstum ermöglicht? Was nützt das Instrument der Kommunikation, wenn Wahrnehmung nicht stattfindet, nicht Inhalte kommuniziert werden, sondern Menschen nur noch Nichtkommunikation austauschen? Sprache verweist auf etwas Außersprachliches, aber nicht jede digitale Kommunikation auf ein analoges Signal. So schweben wir auf Textteppichen und in Bedeutungswüsten. Darin liegen die Gefahren einer nicht-analogen Welt. Die Produktion von Sinnblasen.

Wir als Theater beschäftigen uns seit 2002 mit der Frage nach der Verortung der Kultur im Zeitalter der Globalisierung und Internetkommunikation, setzen uns mit dem Ort, von dem aus und mit dem wir agieren auseinander. Mit unserer k-Performance wurden Landshuts Straßen, Gebäude, Baustellen und die Isar zur Bühne. Dabei ging es immer um die elementare Verortung von künstlerischen Ereignissen, die die Öffentlichkeit mit neuen Sinnräumen konfrontierten. Die Isar diente uns als Bühne, als Performance-Raum, um mit der Bedeutung der Kultur, den Zeichen und Formen spielerisch umzugehen.

Die Ausstellung der Linzer Künstlergruppe c/o: K heißt Stromaufwärts ´09. Die Städte Linz, Passau, Landshut vernetzt durch Isar und Donau. Waren die Flüsse nicht das Internet der Vorzeit? Ein Gedanke. Es wurde auf den Flussstraßen mit Waren und vor allem mit Information gehandelt. Kultur hat sich durch Informations- und Wissenstransfer durch die Flusswege gebildet, aufgelöst, assimiliert, assoziiert im Panta Rhei. Das alte Flusssystem Europas als Vorläufer des Internets?

Stromaufwärts erinnert uns aber daran, dass sich Kultur immer gegen den Strom gerichtet hat, denn Verdrängung gibt Auftrieb und es entsteht ein Kräftespiel, das sich aus der Natur heraus bildet. Stromaufwärts ist aber auch der Weg zur Quelle, zum nie endenden Beginnen, ständigen Wechsel. Weit ist der Weg von der Information zum Gedanken, der Gedanke benötigt die gelebte Erfahrung, nur so lernen wir. Verortung von Kultur ist erst einmal eine Frage des Sich-auf-sich-selbst-besinnen-könnens. Verortung beginnt im Augenblick.

 

Sven Grunert, Intendant des kleinen theaters – KAMMERSPIELE Landshut
(Landshut, 2. März 2009)


Anlässlich der Ausstellung "stromaufwärts 09" im Kunstverein Passau und in der Großen Rathausgalerie der Stadt Landshut als gemeinsames Projekt mit c/o:K - Institut für Kunstinitiativen Linz