im Spiegel der Presse

Pressestimmen zu "1. LANDSHUTER SPERR-tage"

Sperrige "SPERR-tage" mit neuen Perspektiven
Ein neues Festivalformat im Kleinen Theater in Landshut

Die große Nachfrage zur Auftaktveranstaltung zeigte: Der 1. „SPERR-tage“ im Kleinen Theater zeugte von Interesse. Der populäre Namenspatron Martin Sperr machte dabei sicherlich einiges aus. Sperrig sollten die Theatertage sein, so Intendant Sven Grunert bei der Eröffnung. Ein Festival aus der Mitte des Volkes, was Felizitas Sperr-Burger – neben der Freude über die Hommage an ihren Vater als Festivallabel – mit weiteren Eigenschaften unterstrich. „Ein Festival, bunt und frech, humorvoll, mit Tiefgang. Mit Herz und Verstand – das gesellschaftliche Themen auf den Prüfstand stellt.“

„Volksverstärker“ ironisiert

Diesen Anspruch thematisierte Tine Milz und Philipp Reinhardt mit der Installation „Volksverstärker“ in einer Blackbox im Theaterfoyer. Wie der Kultfilm „Die Schweizermacher“ (1978) ironisierten sie die Integrationspolitik. Statt die Menschen auf der Straße zu beschützen, werden sie wie Kamele hinter der Schweizer Fahne ghettoisiert. In einem sphärischen Umfeld aus Beirut-Projektionen im Vorfeld, und arabischer Musik zwischendurch, eingerichtet von Sven Grunert, ließ Schauspielerin Charlotte Schwab einen um etwa zwei Drittel eingekürzten Reisebericht mit ihrer charismatischen Stimme lebendig werden. Lenz, in Anlehnung an die Stürmer und Dränger Lenz und Goethe, und Büchners „Lenz“ – ein junger Kerl auf Sinnsuche –, erlebt in Beirut und einem Flüchtlingslager neue Innenwelten, lässt sich vom Islam begeistern, glaubt Liebe zu spüren und kehrt mit offenem Ausgang in die winterdunkle Bundesrepublik zurück. Mit vielen Additionen, Neologismen, Assoziationen literarisch aufgepeppt wird Ostermeiers Roman zur Parabel des vereinsamten Großstädters. Schade: Das angekündigte Gespräch mit Albert Ostermeier musste wegen dessen kurzfristig anberaumter Frankreichreise mit Außenminister Steinmeier entfallen.

Musik definiert Heimat neu

Ein absoluter angenehm „sperriger“ Hörgenuss und Höhepunkt des Festivals war das Klavierkonzert des marokkanischen Jazzpianisten Amine Mesnaoui. Ihm gelingt Heimat in der Musik als Ort akustischer Poesie hörbar zu machen, der sich dort entwickelt, wo multikulturelles Erbe zu neuen Harmonien und Perspektiven fusioniert und zum ganz genauen Zuhören zwingt. Amine Mesnaoui wagt die tonale Stille, lässt Töne klingen wie ein Glasperlenspiel, in dem man plötzlich ganz andere Instrumente wahrnimmt. Geprägt von den afrikanischen Rhythmen, den traditionellen Melodien seiner marokkanischen Heimat und seiner Free-Jazz-Ausbildung in Rabat und Paris entsteht Emotionalität, die alle Vorbehalte gegenüber der arabischen Kultur vergessen lässt. Unbewusst liefert Amine Mesnaoui ein szenisches Spiel. In kafkaesker Verkrümmung sitzt er am Klavier, als krieche er in die Töne, entspannt sich sichtlich in der Region der hellen Harmonien und wehrt sich mit seiner ganzen Physiognomie gegen die Bedrohlichkeit der dunklen Tiefen, deren Wucht er immer wieder mit einzudämmen weiß. Womit während der „SPERR-tage“ zumindest musikalisch das auftaucht, was dem Menschen immer mehr fehlt: emotionale Geborgenheit.

Von der Intoleranz der Menschen

Im Anschluss holte Peter Fleischmanns inzwischen weniger provokanter, aber immer noch unwahrscheinlich beeindruckender Film „Jagdszenen aus Niederbayern“ das Publikum wieder in den Niederungen der Intoleranz. Über 50 Jahre alt ist der Film, aber nach wie vor eine eindringliche Milieustudie, wie soziales Unvermögen Menschen in den Abgrund treibt. Martin Sperrs „Die Jagdszenen aus Niederbayern“ am zweiten Festivaltag als szenischen Lesung anzubieten, war ein interessanter Schachzug Sven Grunerts. Zwischen sonntäglichen Mittagsläuten der Kirchenglocken unter weißen-blauem Himmel lag der Fokus im Spiel der sieben Darsteller in verdichteter, reduzierter Form auf der Tragödie der diskriminierten Mutter und ihres homosexuellen Sohnes. Ein schwieriges Unterfangen, im Vergleich zu den intensiven Filmbildern, dem nur Leonie Thelen und Maja Elsenhans Paroli bieten konnten. Doch der Kernsatz in Endlosschleife hakte sich fest und provozierte. „Wer weniger arbeitet, hat mehr Zeit zum Denken.“ Wirklich in Zeiten, in denen soziale Netzwerke und Konsum die größten Zeiträuber sind?

Ein überaus gelungener Start

Am Sonntagabend punkteten die „SPERR-tage“ mit einer Lesung Christoph Nußbaumeders, um 18 Uhr leider nur vor kleinem Publikum. In Kooperation mit Schauspielerin Anna Eger kamen die Texte, darunter auch Auszüge aus „Eisenstein“ und „Liebe ich nur eine Möglichkeit“ großartig zur Wirkung. Christoph Nußbaumeder spricht die Dinge an, wie sie sind, bringt sie markant auf den Punkt, markiert soziales Milieu, macht Menschen aus der Volksmitte zu Parabeln der Intoleranz und lässt sie sich von sich selbst befreien. Seine Texte fügen sich zu Perspektivsplittern der Veränderung. Mit der „Sperrfundgrube“, für die Landshuter Literaturtage 2014 recherchierte Texte von Martin Sperr, vorgetragen von Sperr-Spezialist Christian Muggenthaler und Schauspieler Wolf Zehren, endete das Festival mit einer Hommage für den Namensgeber. „Ein richtiges Festival“ freute sich Intendant Sven Grunert, ständig in Gespräche vertieft. Zweifelsohne sind die „SPERR-tage“ konzeptionell eine große Bereicherung für das Programm des Kleinen Theaters, weniger als Theaterfestival, mit szenischen Lesungen ohnehin kaum vertreten, als unter dem anspruchsvollen Aspekt „Die Kunst ein Mensch zu sein“. Den Organisatoren und Mitwirkenden wünschte man sich allerdings eine größere Breitenwirkung.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 22. Juni 2016

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Das große Festival-Experiment
Die „1. Landshuter Sperrtage“ im Kleinen Theater

Nein, die Frage nach dem richtigen Umgang mit den Flüchtlingen wurde auch in Landshut nicht gelöst. Drei Tage lang hat sich das Kleine Theater mit dem kritischen Volkstheater befasst, und da bietet sich das Thema Flüchtlinge, Identität, Ausgrenzung und Aufnahme natürlich an. Namenspatron ist Martin Sperr, dessen kritisches Volksstück „Jagdszenen aus Niederbayern“ (1965) den Bezirk weiträumig bekannt machte. Freilich nicht zur Freude der Niederbayern, die als hinterwäldlerischer Haufen dargestellt wurden, die ausgrenzen, was ihnen fremd ist.

Das von Julia Weigl zusammengestellte Programm begann am Freitag mit einer Lesung von Charlotte Schwab (die für Albert Ostermaier einsprang) und einem Klavierkonzert mit Amine Mesnaoui. Am Samstag wurden die als „Theaterexperiment“ angekündigten „Jagdszenen aus Niederbayern“ (Spielleitung: Sven Grunert und Jochen Strodthoff) aufgeführt: eine Kurzfassung der Jagdszenen, als eine Art Lesung mit Zwischengerumpel dargeboten. Angekündigt war es „mit 6 Schauspielern und 6 Flüchtlingen“. Von letzteren saßen dann nur zwei auf der Bühne. Beim Experiment weiß man vorher ja nie. Deutlich wurde immerhin: Das Thema Ausgrenzung des Fremden ist nach wie vor aktuell, der Text funktioniert noch beklemmend gut.

Anschließend las der Bestseller-Autor Pierre Jarawan, der im Alter von drei Jahren auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg im Libanon mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen war, aus seinem Roman „Am Ende bleiben die Zedern“. Nebenbei stellte er ein kleines Mittelmeerland vor, von dem man wenig wusste. Erhellend.

Unterhaltsam war die Gesprächsrunde „Check Zyklus“ mit dem Titel „Volkstheater – Spurensuche im Hinterland“ mit Peter Felixberger (als charmanter Moderator), der Bloggerin Tunay Önder, Matthias Weinzierl vom Bayerischen Flüchtlingsrat und erneut mit Pierre Jarawan. Zwar wurde kein Wort zum Volkstheater gesagt, aber viel darüber, wie man den Flüchtlingen am besten begegnen kann: indem man zum Beispiel angstlos auf sie zugeht, statt sie auszugrenzen. Gestern standen noch zwei Lesungen auf dem Programm, an allen drei Tagen außerdem der Film „Jagdszenen aus Niederbayern“. Man brauchte schon Ausdauer, um das langgestreckte Programm zu absolvieren. Das Haus war gut gefüllt – und das bei Fußball und Sonnenschein am Samstag. Es ist erfreulich, wenn sich ein Theater auch abseits des Schauspiels als politischer Raum öffnet; vielleicht würden mit sanfter Straffung des Angebots künftig auch zwei Tage reichen.

Philipp Seidel, Landshuter Zeitung, 20. Juni 2016

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Das Rudelgesetz
Die 1. Landshuter Sperr-Tage zeigen: Martin Sperrs Niederbayern ist heute fast überall

Niederbayern ist Sperr-Gebiet. Hier wurde der Dramatiker 1944 geboren. Hier fand er Stoff für sein Schreiben. Schon mit seinem ersten Stück „Jagdszenen aus Niederbayern“ (1965), verhalf Martin Sperr seiner Heimat zu literarischer Bedeutung. Allerdings auch zu eher zweifelhaftem Ruhm. Eigentlich hat das Präfix „Nieder-“ ja lediglich… mehr

Christoph Leibold, Theater der Zeit, Sept. 2016

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