im Spiegel der Presse

Biennale Niederbayern 2019

Pressestimmen zu "2. LANDSHUTER S P E R R - tage"

Der Frust des Alterns
Achternbuschs „Arkadia“ bei den Sperr-Tagen im Kleinen Theater Landshut

Sie sitzen am Tisch und schweigen. In weißen Bademänteln, das Gesicht hinter weißen Masken, wirken Sokrates und Alkibiades, blutverschmiert, wie eine skulpturale Installation. Der Wind bewegt einen Vorhang hin und her, der Wasserkocher brodelt. Herbert Achternbusch verortet sein letztes veröffentlichtes Stück „Arkadia“, vor einem Monat in Ebersberg uraufgeführt, in der Antike und sich selbst in der Rolle des Sokrates im Dialog mit dessen Lieblingsschüler Alkibiades.

Den Berliner Theatermachern Lea Barletti und Werner Waas gelingt es, Achternbuschs komplexen, sprunghaften Text „Arkadia“ als existentielle Parabel à la Becketts „Warten auf Godot“, gleichzeitig als parodistische Synthese aus bayerischem Sprachkolorit und griechischem Mythos zu inszenieren. Wie aus einer Schockstarre erwachen Sokrates (Harald Wissler) und Alkibiades (Werner Waas), und in diese kehren sie am Schluss wieder zurück, als wäre alles dazwischen eine existentielle Fata Morgana. Im Gegensatz zur historischen Überlieferung verhilft bei Achternbusch Alkibiades Sokrates zur Flucht in ein ödes Arkadien fern jeglicher Idylle. Ohne Wein und Oliven vegetieren sie am Existenzminimum, zwei alte Freaks, die nur noch von verblassenden Erinnerungen leben. Vorbei sind die Zeiten der Lust einer homosexuellen Beziehung. Sie liefern sich verbale Kämpfe und Verletzungen, in denen sich die Frustrationen des Alterns spiegeln. Zusammen als Chor nur bayerisches Vollrauschgegröle zustande bringend, stehen sie kurz vor dem Aus.

Sokrates, „verfettet“, unbeweglich, leidet an der Flüchtigkeit des Denkens. Der Verstand wird ihm zum Feind, das Denken zur „Zerstörung des Gegebenen“. Melancholisch spielt er auf der Maultrommel. Erst als das Gift zu wirken beginnt, das er von Alkibiades erbittet, weicht das düstere Schwarz seines existentiellen Empfindens wieder dem Blau des Elysiums. Werner Waas, gebürtiger Niederbayer, zeichnet diesen Alkibiades als dürres, uriges, blutverschmiertes Männlein, das immer noch agil seine Runden dreht, mit Besenstil und kühnen Sprüngen wie ein Rumpelstilzchen Macht und Ruhm parodierend. Er übernimmt im Rahmen von Sokrates’ strukturierter Dialogtechnik den Part des naiven Nachfragers, der nichts kapiert, und schafft damit Raum für humorvolle Distanzierung und gewollte Irritationen. Achternbusch macht es den Zuschauern nicht leicht, er sprengt narrative Logik, vermischt Triviales und Philosophisches, knallt einen Gedanken hin, den nächsten gleich hinterdrein, ohne dass man den ersten reflektieren kann. Er glaubt, das Ganze noch durch herbe fäkalische Wortwahl, Sodomie-Gedankenspiele aufpeppen zu müssen, was das Ganze nicht unbedingt sympathischer macht, aber Achternbusch eben so zeigt, wie er ist: ein provozierender, deftiger Querdenker, der bestens ins Programm der Sperr-Tage passt.

Michaela Schabel, Landshuter Zeitung, 9. April 2019 und www.schabel-kultur-blog.de  9. April 2019

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Sperrigkeit genießen
Zweite Landshuter Sperrtage im Kleinen Theater begeistern das Publikum

Wenn Sven Grunert einlädt, dann weiß man, dass im Kleinen etwas Großes entstehen wird“, lobte Regierungspräsident Rainer Haselbeck den Intendanten am Freitag bei der Eröffnung der zweiten Landshuter Sperrtage im Kleinen Theater. Ganz im Sinne des kritischen Volkstheaters war von Freitag bis Sonntag bei der zweiten „Biennale Niederbayern“ wieder Einiges geboten. Mit Lesungen, Gesprächen, einer Kunstaktion und vielem mehr feierte man den Begriff des „Überbrückens“ (unter anderem am Sonntag mit der gleichnamigen Kunstaktion). Das von Dramatiker Martin Sperr, geprägte kritische Volkstheater befasst sich vor allem mit den Problemen der heutigen Gesellschaft, mit Ausgrenzung und Unverständnis. Mit den Sperrtagen wolle man sich mit diesen Problemen ein Wochenende „kritisch, realistisch und intellektuell“ auseinandersetzen, so Intendant Grunert bei seiner Rede zur Eröffnung.

Lesung mit Josef Bierbichler

Schon im Vorfeld habe er viel Zuspruch sowohl von der Stadt als auch von der Regierung von Niederbayern bekommen. „Das hat mir das Gefühl gegeben, dass wir damit wirklich etwas für das Gemeinwesen tun“, so Grunert. Schon am Freitag, dem ersten Abend, ging die Eröffnung beinahe nahtlos in den ersten Programmpunkt der Sperrtage über: die Lesung mit Schauspieler Josef Bierbichler, der aus dem Roman „Zwei Herren im Anzug“ las. Doch damit nicht genug: An den folgenden beiden Tagen hielt das Programm noch allerlei anderes für die Besucher bereit, wie zum Beispiel das jüdisch-arabische Puppenmusical „Isaak und der Elefant Abul-Abbas“ am Samstag oder die Kunstaktion „Über/Brücken“, die seit Sonntag an der Isar zu sehen ist. Dank des großen Erfolgs, den die Sperrtage schon beim ersten und jetzt auch zum zweiten Mal feiern konnten, habe sich das Kleine-Theater-Team fest vorgenommen, die Sperrtage künftig immer im Zweijahresrhythmus abzuhalten, sagte Grunert. Wer also die Sperrtage dieses Mal noch verpasst hat, kann sich schon auf das nächste Mal 2021 freuen.

-fra-, Landshuter Zeitung, 8. April 2019

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Sperr-Tage bauen Brücken
Der dreitägige Kultur-Marathon im Kleinen Theater provozierte zum Nachdenken

 

Waren sie sperrig die Sperr-Tage im Kleinen Theater, die von Freitag, 5. April, bis Sonntag, 7. April, gingen? Die Antwort ist ein klares Ja. Mit Anspielung auf Martin Sperr, dem niederbayerischen Querdenker, der in seiner Heimat nie die Anerkennung fand, die sein Denken verdient hätte, entwickelte Intendant Sven Grunert vor drei Jahren ein überzeugendes Konzept, um Dialoge in Gang zu bringen. 160 Baumscheiben – von Martina Kreitmeier gesägt und miteinander wie zu einem Trampelpfad über die Isar verbunden – symbolisieren derzeit unterhalb vom Maxwehr, dass wir Menschen alle aus einem Stamm sind.

Mit Josef Bierbichler und seiner Lesung aus seinem Roman „Mittelreich“ und dem daraus abgeleiteten Drehbuch „Zwei Männer im Anzug“ war der Auftakt extrem publikumswirksam. Unterhaltsam, gespickt mit persönlichen Kommentaren schilderte Josef Bierbichler die Umwandlung vom Roman in ein vierstündiges Drehbuch und schließlich in ein marketingmäßig erzwungenes zweites Drehbuch im 135-minütigen Standardformat. Lesend, singend, erzählend zog er das Publikum in den Bann seiner Familienchronologie, in der sich 70 Jahre deutsche Geschichte spiegeln. Er erklärte die Metaphern des Films, in denen sich Opfer und Täter, Schuld und Vision in ihrer Komplexität enthüllen. Entsprechend begeistert reagierte das Publikum bei der Filmpräsentation. Im Gespräch, von Kulturjournalist und Theaterkritiker Christoph Leibold fundiert moderiert, offerierte sich Josef Bierbichler als Künstler ganz im Geist von Martin Sperr, den er mit Oskar Maria Graf, Achternbusch und Fassbinder zu den großen geistigen Rebellen zählt, die allesamt zu Lebzeiten gesellschaftlich isoliert, regelrecht „hinausgetreten wurden“ und jetzt wieder als Aushängeschild benutzt werden.

Bei allen anderen Veranstaltungen vermisste man trotz der interessanten Autoren die Präsenz von mehr Zuschauern. Enis Maci vertrat mit ihrem Essayband „Eiscafé Europa“, kleine Geschichten aus der multikulturellen Perspektive in digitaler Assoziationstechnik, die neue Generation junger Autoren.

Aufgrund facettenreicher autobiografischer Erfahrungen der Gäste vermittelte „Fremdgemacht und reorientiert“, benannt nach dem Sammelband über Denkansätze jüdisch-muslimischer Verflechtungen, erlebte Ressentiments sehr authentisch. Armin Langer, Autor, Publizist, Soziologe, näherte sich rhetorisch sehr gewandt und charmant dem Thema aus der religionswissenschaftlichen Perspektive. Shlomit Tulgan, Kunstpädagogin, Puppenspielerin, Mitarbeiterin im Jüdischen Museum Berlin, setzte ihre autobiografische Lesung zwischen Religionen und sozialistischen Ideologien wie bei ihrem Puppenspiel in unterschiedlichen Stimmlagen mit einer großen Portion Humor und vielen Bildern in Szene. Im Gespräch ergänzt durch den Landshuter Migrationsbeirat Ahmet Karaman fokussierten die Kuratorinnen Julia Weigel und Anna Steinbauer auf „hartnäckige Feindbilder: von Juden, Muslimen und sperrigen Querdenkern“, um den Kopf aufzusperren, für eine subtilere Wahrnehmung im alltäglichen Umgang miteinander.

Anhand von acht Kapiteln aus Gerlind Reinhagens „Die Frau und die Stadt“, gelesen von dem renommierten Regisseur Alfred Kirchner, und vier Texten aus Feridun Zaimoglus „Die Geschichte der Frau“, von Schauspielerin Sarah Grunert in Szene gesetzt, erlebten die Zuschauer nicht nur die Wehrhaftigkeit von einzelnen Frauen, sondern auch zwei extrem unterschiedliche und expressive Interpretationsstile.

Achternbuschs letztes veröffentlichtes Stück „Arkadia“ sorgte zum Abschluss der Sperr-Tage für Irritationen. Es war ein kompaktes Festival mit Musik (Maxi Pongratz, Akkordeon und Kontrabassist Wilbert Pepper) und leckerem Essen. Wer nicht dabei war, hat schon etwas verpasst. Die dritten Landshuter Sperr-Tage finden 2021 statt.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 10. April 2019

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