im Spiegel der Presse

Gastspiel in der Spielzeit 2019 / 2020

Pressestimmen zu "ALTES LAND"

Unfreiwillige Heimat
Die Theaterei Herrlingen mit der Uraufführung von „Altes Land“ nach Dörte Hansens Roman im Kleinen Theater Landshut

Altes Land“ von Dörte Hansen war das in Deutschland meistverkaufte Buch des Jahres 2015. Die Autorin schafft es meisterhaft, einen Landstrich und seine Bewohner lebendig werden zu lassen und dabei die Verstrickungen der Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden. Wie aber lässt sich ein solches Werk unbeschadet auf die Bühne bringen?

Die Theaterei Herrlingen hat sich daran gewagt, ein Stück daraus zu machen, das dem epischen Stil der Vorlage folgt. Am Freitag erlebte „Altes Land“ als Gastspiel im Kleinen Theater Landshut seine Uraufführung vor ausverkauftem Haus. Agnes Decker, Lisa Wildmann und Ursula Berlinghof lassen unter der Regie von Edith Ehrhardt ein Haus, ja, ein ganzes Dorf und seine Menschen im Alten Land erstehen – jener vom Apfelbaumanbau dominierten Landschaft in der Elbmarsch zwischen Hamburg und Niedersachsen.

In einem Altländer Bauernhaus finden Frauen verschiedener Generationen unfreiwillig Heimat. Der Zustand des Hauses ist eine Allegorie auf seine Bewohner: Es ächzt und knarzt und leidet und hält doch stoisch stand im Wirbel des Daseins. Dorthin hat es 1945 die aus Ostpreußen vertriebene Hildegard von Kamcke mit ihrer fünfjährigen Tochter Vera verschlagen, unerbeten und gehasst von der Bauersfrau Ida Eckhoff, die aber sogar ihre Schwiegermutter wird, als Hildegard deren vom Krieg seelisch zerstörten Sohn Karl heiratet. Den sie schließlich auf dem Hof zurücklässt, ebenso wie ihre Tochter Vera, „das Polackenkind“.

Lauter Menschen, deren eigentliches Lebensziel zerschlagen wurde, die nicht glücklich sein können und schon gar nicht miteinander. 60 Jahre später kommt Veras Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn aus Hamburg auf der Suche nach einem neuen Leben auf den Hof im Alten Land. Sie will weg von ihrem Lebensgefährten, der sie nicht mehr liebt, vom Öko-Terror ihres Hamburger Stadtteils, ihrer gescheiterten musikalischen Karriere. Die beiden Frauen werden zu einer Schicksalsgemeinschaft, und mit ihnen lebt auch das alte Haus von Ida Eckhoff wieder auf.

Mehr als die Bühnenversion ist das Buch von einer heiteren Grundstimmung, weil die Autorin so leicht mit Schwerem umgeht. Schalk und Sprachwitz blitzen aber auch auf der Bühne auf. Und weil der Dialekt nun mal die Sprache des Herzens ist, wird das Altländer Plattdeutsch auch in einem niederbayerischen Theater verstanden.

Die rund dreistündige Inszenierung vergeht für die Zuschauer wie im Flug, stellt aber an die Darstellerinnen hohe Anforderungen, da sind manche Hänger im Text entschuldbar. Denn nicht nur, dass fortlaufend nach dem Buchtext erzählt wird: Jede ist mal jede(r). Die Schauspielerinnen werden zu Erwachsenen und Kindern, zu Alten und Jungen, Frauen und Männern – und das sehr überzeugend. Die erste Premiere in diesem Jahr hätte kein besseres Beispiel für großes Theater im Kleinen Theater sein können.

Rita Neumaier, Landshuter Zeitung und Abendzeitung, 14. Januar 2020 

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Dörte Hansens „Altes Land“ in einer Produktion der Theaterei Herrlingen in den Landshuter Kammerspielen

Mitreißendes Gastspiel der Theaterei Herrlingen  von Dörte Hansens „Altes Land“ im Kleinen Theater  

Das alte Haus stöhnt und wispert, als erzählte es selbst die Geschichte von drei Generationen, von den Flüchtenden vor sich selbst, von der Vereisung der Menschen und ihrem Kälteschutz, den sie sich zulegen und der durch Charakterzüge, Umfeld und Erfahrungen weitergereicht wird.

Ergreifend erzählen und spielen Ursula Berlinghof, Agnes Decker und Lisa Wildmann Dörte Hansens subtilen Roman „Altes Land“. Aus Rückblenden kristallisieren sich zwei Familiengeschichten zwischen Zweitem Weltkrieg in der Provinz und hippem Hamburg 2017 heraus, die in Talentwahnsinn und  Ökotourismus satirisch aufleuchten.

Ein Jahr lang hat sich Regisseurin Edith Ehrhardt, Intendantin der privaten Theaterei Herrlingen mit dem Roman „Altes Land“ auseinandergesetzt. Als einzige bekam sie von Dörte Hansen die Aufführungsrechte, weil sie sich bereit erklärte den Text überhaupt nicht zu verändern, nur auf zweieinhalb Stunden Spielzeit einzukürzen. Überaus sorgsam castete Edith Ehrhardt die drei  Schauspielerinnen, die durch ihre unterschiedliche Aura und ihre vielen Darstellungsfacetten vortrefflich zusammenpassen und deshalb gleichzeitig in mehreren Rollen bestechen. Vom greinenden Kleinkind über die feine Dame bis zum Tattergreis brilliert Ursula Berlinghof als schauspielerisches Feuerwerk und Kraftzentrum. Lisa Wildmann zeichnet ihre Rollen bewusst subtiler, distanzierter  bis zur psychischen  Erstarrung.  Agnes Decker gibt den Figuren einen jugendlichen Schmiss.

Die  kurzen Szenen, den Romankapiteln genau folgend, fügen sich zur verschlungenen Familiencollage, aus denen sich die tragischen Schicksale der Familienmitglieder empathisch zwischen Verinnerlichung und Rebellion, verzweifelten Innenansichten und satirischer Außenansicht Schritt für Schritt entwickeln, wobei Dörte Hansens wunderbar präzis originelle Formulierungen bestens zur Wirkung kommen. 

Die Inszenierung, eine reine Frauenproduktion, trifft mitten ins Schwarze. Bereits 45 Mal aufgeführt  hat sie nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren, vielmehr an spielerischer Intensität gewonnen. Zwischen  ständig wechselndem Erzählmodus und extrem schnellem Rollentausch gewinnt Dörte Hansens Roman eine ungewöhnliche Plastizität und sprachliche Dynamik. Ihr finales Sprachbild von der Vereisung der Apfelblüten als Kälteschutz wird von Beginn an  zum roten Faden der feinfühligen Personenregie. 

Es ist  Krieg. Als Altbäurin Ida Eckhoff in sechster Generation die stolze Hildegard von Kamcke mit einem über 300-jährigen ostpreußischen Stammbaum im Rücken mit  ihrer 5-jährigen Tochter Vera als Flüchtlinge zugewiesen werden,   beginnt der private Krieg durch Ausgrenzung und Selbstschutz, Kriegs- und Talenttraumata. Hildegard verlässt den Hof und ihr Kind Vera, hat mit einem anderen Mann eine zweite Tochter, Marlene. Die heranwachsende Vera weiß davon nichts,  heiratet Idas Sohn Karl, der traumatisiert aus dem Krieg heimkehrt. Ida  bringt sich um, als Vera das Regiment im Haus übernimmt. Vera wird Zahnärztin im Dorf. Nach vielen treuen Jahren erlöst Vera ihren Karl von seinen Traumata durch ein Schlafmittel und vereist selbst immer mehr. Erst als ihre Nichte Anne, vom eigenen Bruder als Musiktalent überrundet, aus Frustration Schreinerin geworden, dann Mutter, vom Mann betrogen  mit ihrem Kind bei Vera auf den Hof Zuflucht sucht, beginnt Tauwetter und das Haus hört auf zu stöhnen (Sound Julia Klomfaß).

Das ist eine Inszenierung die Lust auf Literatur macht und weitere Gastproduktionen.

Michaela Schabel, www.schabel-kultur-blog.de, 11. Januar 2020 und Landshut aktuell, 15. Januar 2020

Foto: Andreas Zauner

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