im Spiegel der Presse

2. Landshuter S P E R R - tage

Pressestimmen zu "Arkadia"

Der Frust des Alterns
Achternbuschs „Arkadia“ bei den Sperr-Tagen im Kleinen Theater Landshut

Sie sitzen am Tisch und schweigen. In weißen Bademänteln, das Gesicht hinter weißen Masken, wirken Sokrates und Alkibiades, blutverschmiert, wie eine skulpturale Installation. Der Wind bewegt einen Vorhang hin und her, der Wasserkocher brodelt. Herbert Achternbusch verortet sein letztes veröffentlichtes Stück „Arkadia“, vor einem Monat in Ebersberg uraufgeführt, in der Antike und sich selbst in der Rolle des Sokrates im Dialog mit dessen Lieblingsschüler Alkibiades.

Den Berliner Theatermachern Lea Barletti und Werner Waas gelingt es, Achternbuschs komplexen, sprunghaften Text „Arkadia“ als existentielle Parabel à la Becketts „Warten auf Godot“, gleichzeitig als parodistische Synthese aus bayerischem Sprachkolorit und griechischem Mythos zu inszenieren. Wie aus einer Schockstarre erwachen Sokrates (Harald Wissler) und Alkibiades (Werner Waas), und in diese kehren sie am Schluss wieder zurück, als wäre alles dazwischen eine existentielle Fata Morgana. Im Gegensatz zur historischen Überlieferung verhilft bei Achternbusch Alkibiades Sokrates zur Flucht in ein ödes Arkadien fern jeglicher Idylle. Ohne Wein und Oliven vegetieren sie am Existenzminimum, zwei alte Freaks, die nur noch von verblassenden Erinnerungen leben. Vorbei sind die Zeiten der Lust einer homosexuellen Beziehung. Sie liefern sich verbale Kämpfe und Verletzungen, in denen sich die Frustrationen des Alterns spiegeln. Zusammen als Chor nur bayerisches Vollrauschgegröle zustande bringend, stehen sie kurz vor dem Aus.

Sokrates, „verfettet“, unbeweglich, leidet an der Flüchtigkeit des Denkens. Der Verstand wird ihm zum Feind, das Denken zur „Zerstörung des Gegebenen“. Melancholisch spielt er auf der Maultrommel. Erst als das Gift zu wirken beginnt, das er von Alkibiades erbittet, weicht das düstere Schwarz seines existentiellen Empfindens wieder dem Blau des Elysiums. Werner Waas, gebürtiger Niederbayer, zeichnet diesen Alkibiades als dürres, uriges, blutverschmiertes Männlein, das immer noch agil seine Runden dreht, mit Besenstil und kühnen Sprüngen wie ein Rumpelstilzchen Macht und Ruhm parodierend. Er übernimmt im Rahmen von Sokrates’ strukturierter Dialogtechnik den Part des naiven Nachfragers, der nichts kapiert, und schafft damit Raum für humorvolle Distanzierung und gewollte Irritationen. Achternbusch macht es den Zuschauern nicht leicht, er sprengt narrative Logik, vermischt Triviales und Philosophisches, knallt einen Gedanken hin, den nächsten gleich hinterdrein, ohne dass man den ersten reflektieren kann. Er glaubt, das Ganze noch durch herbe fäkalische Wortwahl, Sodomie-Gedankenspiele aufpeppen zu müssen, was das Ganze nicht unbedingt sympathischer macht, aber Achternbusch eben so zeigt, wie er ist: ein provozierender, deftiger Querdenker, der bestens ins Programm der Sperr-Tage passt.

Michaela Schabel, Landshuter Zeitung, 9. April 2019

Foto: Baletti Waas

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