im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2012 / 2013

Pressestimmen zu "ARLECCHINO. DER DIENER ZWEIER HERREN"

Von der Kunst, zwei Herren zu dienen.
"Arlecchino" im kleinen Theater.


Venezianische Kulisse, die Schauspieler hinter einem Gazevorhang, umspielt von italiensicher Filmmusik ist man mitten drin im nächtlichen Bella Italia.

Ein Lichtwechsel entführt aus der romantischen Illusion in den knallharten, witzig überzogenen Alltag, wie ihn die Commedia dell´Arte Goldonis als Belustigungsspektakel zeichnet. Dieses Genre beherrscht Sven Grunert, Intendant des kleinen Theaters, meisterlich. Burlesk vermischt er die Zeitebenen und Figurentypen zu einer bunt gewürfelten Gesellschaftssatire und lässt gleichzeitig seine Regielaufbahn von Marivaux bis Brecht aufblitzen.

Michaela Schabel, Ostbayrisches Magazin Lichtung, Januar 2013/1

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Eine Frau in Männerklamotten, ein Cowboy, ein hungriger Schlawiner, der zwischen beiden steht, und ein Mafioso – fertig ist die Verwechslungskomödie.

Mit Carlo Goldonis „Arlecchino. Der Diener zweier Herren“ hat das Kleine Theater seine Spielzeit sehr unterhaltsam eröffnet.

Diener Arlecchino reist mit Beatrice nach Venedig. Sie gibt sich als ihr eigener, verstorbener Bruder aus – der von ihrem Geliebten Florindo ermordet wurde, der wiederum nach Venedig geflohen ist. Beatrice sucht den noch immer Geliebten und stürzt damit Pantalone in Verzweiflung: Ihr Bruder hätte dessen Tochter heiraten sollen – was nun freilich abgesagt wurde. Wenn er noch lebt, müssen alle Pläne umgeworfen werden. Arlecchino nun dient sich auch Florindo an: Er will doppeltes Geld und doppeltes Essen. Natürlich darf keiner seiner Herren vom anderen wissen. Das ist gar nicht so leicht, und der pfiffige Diener verstrickt sich in sein Lügengebilde.

Im Kleinen Theater funktioniert das Stück, weil die Inszenierung schlüssig ist, das Bühnenbild schön und praktisch gedacht, und weil die Schauspieler überzeugen. Auf der Bühne (wieder von Helmut Stürmer, mit Lucie Hofmüller) steht ein Holzpodest für einen Platz in Venedig, von zwei Seiten über Bretter zu erreichen. Wer sie verfehlt, landet im Wasser: buchstäblich, denn hinter der Bühne steht eine flache Wasserwanne. Im Hintergrund eine halbtransparente Wand, auf die venezianische Fassaden samt Gondeln projiziert werden. Und zum Gasthaus geht’s kurzerhand durch eine Luke im Boden.

Vor diesem Hintergrund nun wird Commedia dell’arte mitsamt ihrer Stereotypen gespielt, ohne sie starr und maskenhaft zu zeigen. Stattdessen verkleidet sich Beatrice (schön überzogen: Nathalie Schott) in Westernhose, Lederjacke und Hut, und spielt das Klischee vom Mann immer schön breitbeinig und rotzig.
Der Pantalone krächzt im schwarz-glänzenden Anzug heiser wie der Pate, der Hut gibt ihm dazu bisweilen etwas von Udo Lindenberg – das ist großartig. Wunderbar gespielt auch von Sebastian Gerasch, der sich nervös die Lippen leckt und mit der Hand zuckt, als er seine neuen Pläne platzen sieht. Das Stück trägt allerdings Arlecchino. Julius Bornmann überragt in dieser Rolle seine durchweg sehr sehenswerten Schauspielkollegen. Er hat eine ungeheure Präsenz, wenn er zwischen Tölpel und Schlawiner hin- und herspringt, zwischen sympathischem Trottel und unsympathischem Depp.

Es wird naturgemäß viel gerufen, gepoltert und gerannt in diesem Stück, manches Mal bangt der Zuschauer, dass die Schauspieler bei der Verfolgung nicht vom Podest fallen. Die Komödie lebt von Schnelligkeit, und mit einigen Einfällen treibt Grunert das sogar noch auf die Spitze. Etwa, als Arlecchino damit überfordert ist, zwei Herren gleichzeitig zu bedienen. Von allen Seiten hallt sein Name, von allen Seiten her muss er etwas auffangen, muss sich hin- und herdrehen, dazu Konfettiregen – ein wunderbares Bild.

Dennoch gab es einige Längen. Die Inszenierung hätte eine Straffung ganz gut vertragen. Vor allem nach der Pause zieht sich die Auflösung bis zum Happy End arg hin. Am Schluss aber tanzen sie alle auf der Bühne: Die Liebenden finden zueinander, alles ist gut. Und auch der Zuschauer sieht dann kaum noch auf die Uhr, weil er am Ende doch drei Stunden schönste Theaterkunst gesehen hat.

Katrin Filler, Landshuter Zeitung, 8. Oktober 2012

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Zum 20-jährigen Jubiläum des kleinen theaters inszeniert Sven Grunert "Arlecchino - Der Diener zweier Herren" und beeindruckt mit rasantem Spieltempo, genialem Bühnenbild und tollen Ensemble...

Stücke, die als Jubiläumsinszenierung angesetzt werden, darf man durchaus ganz besonders hinterfragen. Spannend, dass sich Sven Grunert zum 20-jährigen Jubiläum „seines“ kleinen theaters keinen Ibsen, Sophokles, Williams, Marber oder Beckett ausgesucht hat, Autoren, bei deren Werken sein meisterhaftes Gespür für Dichte, Dramatik und Seelenstriptease so überwältigend zum Tragen kommt.

Grunert hat sich für Carlo Goldonis Komödie „Arlecchino – Der Diener zweier Herren“ entschieden und so wie wir ihn kennen, war das mit Sicherheit eine tausendprozentig überlegte Wahl. Gerade er – der ja einige Zeit Assistent des legendären Giorgio Strehler am Piccolo Teatro in Mailand war – kennt die Commedia dell‘Arte wie die Innentasche seines Tweedsakkos. Und dennoch, die Möglichkeiten, einer Produktion als Regisseur seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken, sind bei Goldoni wesentlich geringer als bei den oben genannten Dramatikern.

Genial einfache Bühne von Helmut Stürmer

Sven Grunert löst „Arlecchino – Der Diener zweier Herren“ in Helmut Stürmers genial einfachem bzw. einfach genialem Bühnenbild letztendlich dann doch aus dem Commedia dell’Arte-Korsett heraus, ohne die so typischen Charakteristiken der Figuren komplett außer Acht zu lassen. Sie bleiben als Basis im Hintergrund stets präsent. So entstehen – unterstützt durch Julia Borcherts plakativ gestalteten Kostüme – mal grelle, mal bewusst überzeichnete, mal klischeebeladene, mal stinknormale Figuren. Alles griffige Charaktere, zu denen der geneigte Theaterbesucher deutlich mehr Zugang findet als zu den Kunstfiguren der Urfassung. Wenn Aktualisierungen, dann bitte so – „Commedia dell’Arte 2012“ sozusagen. Julius Bornmann als furioser Arlecchino durchbricht in Grunerts Inszenierung immer wieder die vierte Wand zum Publikum, das er an seinen aberwitzigen Schelmenstücken teilhaben lässt. Bornmann zeigt rasantes, schweißtreibendes und absolut bewundernswertes Körpertheater in des Wortes wahrster Bedeutung. Eine Meisterleistung.

Atemberaubendes Sprach- und Spieltempo

Doch auch dem restlichen Ensemble verlangt Sven Grunert zuweilen ein atemberaubendes Sprach- und Spieltempo ab. Nathalie Schott und Marcus Widmann haben damit nicht das geringste Problem und zeigen als Liebespaar Beatrice/Florindo zwei höchst gelungene Rollenporträts mit starker Präsenz. Ebenfalls eine Klasse für sich ist Sebastian Gerasch mit seiner großartigen Persiflage auf Udo Lindenberg. Schön, dass auch kleines-theater- Urgestein Rudi Knauss in dieser Produktion als Brighella zu bewundern ist. Er ist und bleibt ein ganz großer Mime. Cornelia Pollak und Steffen Nowak zeigen als Clarice und Silvio Kostproben ihres Potentials, ohne es im Rahmen ihrer Rollen ganz ausschöpfen zu können und Christoph Krix vervollständigt das Ensemble als skurriler Dottore, der durchaus auch Francis Ford Coppolas Mafiaepos „Der Pate“ entsprungen sein könnte. Nach der Pause wurde es in der Komödie dann noch richtig dramatisch und das lag am realen Leben, das auf der Theaterbühne einzog. Größte Hochachtung vor Cristina Andrione, die sich auf offener Bühne an der Hand verletzte und die Vorstellung trotz erheblicher Beeinträchtigung hochprofessionell zu Ende spielte. Es soll an dieser Stelle auf gar keinen Fall unerwähnt bleiben, dass ihre gewitzte Smeraldina ein Pluspukt der Produktion ist.

Nach der Premiere ist vor der Premiere Fazit: Sven Grunerts Jubiläumsinszenierung zum 20jährigen des kleinen theaters bietet einen mit leichter Hand, griffigen Charakteren, gekonnten Aktualisierungen und mitunter enormem Tempo inszenierten Klassiker der Commedia dell’Arte. Begeisterter Applaus war ihm und den Seinen am Premierenabend sicher.

Doch nach der Premiere ist vor der Premiere.

Und so darf man sich schon jetzt auf Grunerts Inszenierung von Tennessee Williams „Glasmenagerie“ im Frühjahr 2013 freuen. Als Komödienregisseur ist Sven Grunert zweifellos ein Ass, als Regisseur von Psycho- Dramen ist er allerdings so gut wie unerreicht.

Thomas Ecker,  Wochenblatt, 10.Oktober 2012

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Von der Kunst zwei Herren zu dienen. Bella Italia mit Goldonis ´Arlecchino´ im ´kleinen Theater´Landshut.

Venezianische Kulisse, die Schauspieler hinter einem Gazevorhang, umspielt von italienischer Filmmusik ist man mitten drin im nächtlichen bella Italia. Ein Lichtwechsel entführt aus der romantischen Illusion in den knallharten, witzig überzogenen Alltag, wie ihn die Commedia dell´Arte Goldonis zeichnet.
Dieses Metier beherrscht Sven Grunert meisterlich. Ein Holzpodest mit Falltür genügt als Spielort. Dazu ein paar Requisiten. Auf der einen Seite ein Wasserbecken und einen Haufen Müllsäcke, für die weiche Landung springlebendiger Schauspielkunst im Müll jahrhundertjähriger Requisitengeschichte und gleichzeitigem Querverweis auf soziales Elend, ein Seil und Treppen bis in den Dachgiebel hinauf auf der anderen (Bühne: Helmut Stürmer). Das gibt Raum und Freilauf für ein rasantes Spiel und zitiert ganz nebenbei Sven Grunerts Regielaufbahn von Marivaux bis Brecht zwischen unbändiger Spiellust und latenter Sozialkritik.

Dieses Entdecken von Anspielungen mach den Reiz dieser ´Arlecchino´- Inszenierung im ´kleinen Theater´ Landshut aus, besser bekannt als ´Der Diener zweier Herren´. Aus Hunger dient Arlecchino zwei Herren, verwechselt dabei so manches und steckt deshalb doppelt so viel Prügel ein. Burlesk vermischt Sven Grunert die Zeitebenen und Figurentypen zu einer bunt gewürfelten Gesellschaftssatire. Sebastian Gerasch kreiert einen herrlich mafiosen Pantalone in Udo-Lindenberg-Optik und nasalierenden Sprechduktus. Töchterchen Clarice verleiht Cornelia Pollak den unschuldig kindlichen Liebreiz Julijas Tymoschenkos mit Hysteriepotential und Steffen Nowak ihrem Geliebten Silvio den Charme eines linkischen Intellektuellen. Beatrice und Florindo, das sich suchende Liebespaar lässt in Italo-Western aufleuchten, wobei Nathalie Schott witzige Bewegungsparodien gelingen, ihr funkelnder Blick betört, Marcus Widmann allerdings die charismatische Sympathie des Westen-Helden schuldig bleibt.

Dazwischen leuchten die traditionellen Figuren auf. Mit italiensichem Akent und fröhlicher Mimik ist Rudi Knauss ein ausgesprochener Sonnenschein-Brighella.
Cristina Andrione mit bunten Lockenwickeln und Blümchemkleid trotz kleiner Rolle Inkarnation italienischer Weiblichkeit (Kostüme: Julia Borchert). Star des Abends ist Julius Bornmann. Seine facettenreiche Arlecchino-Interpretation begeistert durch expressive Körperlichkeit, rhetorische Eloquenz, charismatischem blick. Sein Arlecchino ist in erster Linie eine geschundene Kreatur, aber auch ein Stehaufmännchen, das sich nicht unterkriegen lässt, ein dumm naiver Tropf, der dennoch intuitiv die Gunst der Stunde zu nutzen weiß.
In originellen Spielszenen, im flotten Hinab, Hinauf und Rundherum entdeckt Sven Grunert das Spielpotential seines jungen Ensembles im Stil der Commedia dell´Arte. Es wird mit Peitsche gefochten, in die Fluten gestürzt, mit Melonen geworfen, geküsst und geliebt.

Wo Goldonis Text ausdünnt, verdichten Tanz und Musik, hautnah oder in autistischen Nebeneinander emotional. Und wie die Geschichte sich aus dem Gazevorhang geisterhaft entfaltet, entschwinden die Figuren wieder dahinter ins Reich der nächtlichen Fantasie. Das ist poetisches Spiel a la Sven Grunert. Bravissimo!

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 17. Oktober 2012

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