im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2018 / 2019

Pressestimmen zu "BILDER DEINER GROßEN LIEBE"

Schutzlos der Welt ausgeliefert
Julia Koschitz brilliert in „Bilder deiner großen Liebe“ am Kleinen Theater Landshut

Nein, man weiß bis zum Schluss nicht, was eigentlich wahr ist an dieser wilden, romantischen, fantastischen Erzählung und was nur erfunden. Wolfgang Herrndorf schickt in seinem letzten, unvollendeten Roman die Heldin barfuß auf eine Reise von Station zu Station, lässt sie auf Menschen treffen und immer wieder auf sich selbst. Diese Isabel, genannt Isa, ist mal die Herrscherin des Universums, mal ist sie verloren in der Welt.

Diese enorme Spannung zwischen dem großen Ganzen und dem kleinen Ich hat Herrndorf in Worten vorgegeben, Robert Koall hat sie in eine dramaturgische Form gebracht – und Julia Koschitz verkörpert sie nun in Sven Grunerts Inszenierung am Kleinen Theater Landshut auf ergreifende Weise. Sie steht da in den Kammerspielen Landshut, ohnehin schon in intimer Nähe zum Publikum, und zeigt die Isa in ihrer Unangepasstheit, vor allem aber in all ihrer Verletzlichkeit.

Da ist nichts, was diese Isa zwischen sich und die Welt stellen kann, in der viel Schönes ist, aber auch die ständige Gefahr: vor allem die des sexuellen Missbrauchs. Immer wieder erzählt sie davon: von der Autofahrerin, die ihre Hand zwischen Isas Beine legt, von fremden Männern, die sie berühren, ja selbst ein taubstummer Knirps attestiert ihr sexuelle Attraktivität.

Wir blicken mit ihren großen Augen in die Welt, staunen über alles und auch wieder nichts. Wir halten mit ihr den Lauf der Sonne an, entkommen aus der psychiatrischen Anstalt, betrachten mit ihr die Sterne, brechen in den Supermarkt ein. Das Ganze in einem Wechsel aus Atemlosigkeit und Ruhe, immer wieder: „Ich renne“ und „Ich schlafe ein“.

Verrückt ist die Isa aber kaum. Wir sehen vielmehr eine sensible junge Frau, die dem Wahnsinn der Welt schutzlos ausgesetzt ist, die sich in all ihrer mädchenhaften Zerbrechlichkeit durch sie hindurchbewegt. In der Bühnenfassung von „Bilder deiner großen Liebe“ fehlt eine Besonderheit des Buches: die Schnittstelle mit „Tschick“, die Müllhalde, auf der Isa die beiden jugendlichen Helden von Herrndorfs Buch- und Bühnen-Hit trifft. Doch man vermisst diese Begegnung nicht. Im Gegenteil: Dadurch, dass diese Herrndorf-Stars (die zur Handlung ohnehin nicht viel beizusteuern haben) nicht auftauchen, gewinnt die Erzählung von Isa noch mehr an Gewicht, an Eigenständigkeit.

Und diese Isa braucht wahrlich keinen Tschick und keinen Maik Klingenberg, um zu glänzen. Sascha Gross hat die Bühne, Boden und Rückwand, mit schwarzer Plastikfolie verkleidet und einen Einkaufswagen hineingestellt, der mit vielen schwarzen Müllbeuteln behängt ist, was ihn aussehen lässt wie der Korb eines Gasballons mit ihren Sandsäcken. Ein Schlüsselmoment ist die Begegnung mit einem alten Bauarbeiter, der Isa von der Kraft der Erinnerungen und der Endlichkeit des Lebens erzählt. Diese Episode spricht Koschitz‘ aufgezeichnete Stimme, während sie selbst stumm am Boden kauert: „Was du heute erlebst, ist eine zukünftige Erinnerung“ und „weil du nicht weißt, was Zeit ist, aber bald wirst du es wissen, und dann liegst du einen Meter fünfzig unter der Erde“.

In einem wütenden Akt reißt Koschitz die Müllbeutel auf – Fotos und Erde fallen heraus: Erinnerung und Vergänglichkeit. Das Kleine Theater, Sven Grunert und Julia Koschitz, das war schon immer eine ganz intensive Verbindung. Dieser Abend zeigt eine Schauspielerin, die zu ihren Wurzeln zurückkehrt: Koschitz steht seit einigen Jahren fast nur noch vor der Kamera, Ende Februar läuft „Wie gut ist deine Beziehung?“ mit ihr im Kino an. In „Bilder deiner großen Liebe“ kehrt sie einmal wieder mit einem ganz starken Auftritt in ihre eigentliche Spiel-Heimat zurück: die Bühne.

Philipp Seidel, Landshuter Zeitung, 28.Januar 2019

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Der gehetzte Atem der Zeit
Herrndorfs Romanfragment kommt mit Julia Koschitz im Kleinen Theater bestens zur Wirkung

Großartig spielt Julia Koschitz das pubertierende Mädchen Isa.

Sie atmet tief ins Mikrofon, schwer, leidend, als würde der Herzschlag jeden Moment stillstehen. Der Atem, seine Weiterführung als atmosphärisches Hintergrundgeräusch wird zum pulsierenden Leitfaden der Inszenierung von Wolfgang Herrndorfs „Bilder deiner Liebe“. Das Romanfragment zeigt eine kurze Lebenssequenz eines pubertierenden Mädchens. Doch in diesen wenigen Tagen leuchten die grundsätzlichen Lebensfragen von Zeit, Liebe, Verstehen auf.

Unter der Regie von Sven Grunert gewinnt Julia Koschitz, von ihm entdeckt und inzwischen eine nachgefragte Filmschauspielerin, ihre großartige Bühnenpräsenz zurück. Damals noch in großen Rollen als Antigone, Nora, Virginia Woolf, spielt sie jetzt das pubertierende Mädchen Isa. Sven Grunert weiß Koschitz’ Stärken in immer neuen Positionen überraschend und wirkungsvoll in Szene zu setzen. Mit ihrem leisen, subtilen Spiel, rhythmisierenden Sprachduktus und gezirkelt pantomimischer Bewegungsdynamik zieht Julia Koschitz das Publikum in den Bann dieser fiktiven Outdoor-Figur.

Eine schwarze Plastikfolie genügt für den Wald, eine weiße als Sinnbild für ein Bett aus Moos, ein Einkaufswagen gepolstert mit Plastiktüten als Erdmulde und gleichzeitig als unterschwellige Kritik am Konsumterror, der doch keine innere Lebensbefriedigung gibt. Die findet Isa nur in der Natur, unter dem Kosmos der Sterne, den sie glaubt zu verstehen, um im nächsten Moment zu erkennen, dass dieses Verstehen schon dem Unverständnis gewichen ist. Diese Isa mag verrückt sein, zumindest hat die Gesellschaft sie so stigmatisiert, aber bescheuert ist sie nicht. Sie will nur wissen, was eigentlich das Leben ausmacht. In einem günstigen Moment flieht sie aus der Anstalt, dann vor der Frau, die sie per Autostopp mitnimmt, aber gar keine Frau zu sein scheint. Isa läuft durch die Wälder, und wird, als sie sich ihr Menstruationsblut bei einer Sprenkelanlage abwaschen will, vom Trainingsbeginn einer hämischen Fußballmannschaft überrascht. Sie lernt einen Schiffer kennen, der ein Bankräuber war und trotz des möglichen reichen Lebens sich mit einem bürgerlich spießigen Leben begnügte. Dazwischen tauchen die Erinnerungen an ihren Vater auf, von dem sie nie wusste, wer er war, und in dessen Armen sie immer noch beschützt „morgenlichtklar“ aufwacht. Das sind die Bilder ihrer großen Liebe.

Julia Koschitz erzählt nicht nur Isas Geschichte und darin verwoben, die Geschichten der Menschen, die Isa trifft, mehr noch: Julia Koschitz singt und lebt Isa aus der Perspektive von Gershwins mitreißendem „Summertime“ zwischen nostalgischen Kindheitserinnerungen und bitterer Realität. Nicht die Liebe ist entscheidend, sondern der Weg, nicht die Handlung, sondern das innere Erleben.

Julia Koschitz lässt tief in die subtile Seele dieser Isa blicken, zeigt sie aufrecht mutig, sympathisch, macht Isa zum Exempel einer Gesellschaft, die menschliches Miteinander aus dem Leben katapultiert hat.

Isa führt Tagebuch. In großen Lettern stellt Julia Koschitz „Anosognosie“ in den Mittelpunkt, die Unfähigkeit Isas, die eigene Erkrankung wahrzunehmen und schafft damit eine latente Anspielung auf die Anosognosie unserer Gesellschaft, die unser Leben in ein Plastikleben verwandelt, dahinter nur die Slums aus Kartonagen (Bühne Sascha Gross).

Muss man in dieser Welt überhaupt noch leben? Ist es nicht einfacher von oben in den Abgrund hinabzustürzen in die Zeitlosigkeit?

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 3. April 2019
und www.schabel-kultur-blog.de, 4. April 2019

Foto: Stefan Geyer

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