im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2014 / 2015

Pressestimmen zu "DAS INTERVIEW"

Narbenschau
„Das Interview“ am kleinen theater Landshut

Ein knallharter, verdienter politischer Reporter soll ein Soap-Blondchen interviewen! Hier lässt van Gogh sein Stück beginnen, und sobald die beiden aufeinandertreffen, beginnt ein Rollenspiel, das den Zuschauer packt und fast zwei Stunden lang tüchtig durchschüttelt. Der Journalist – und der Zuschauer – geht mit einer bestimmten Vorstellung von einem Soap-Sternchen in das Interview; und am Ende stimmt fast nichts von diesen Annahmen mehr, vor allem, weil sich die TV-Blondine als Mensch herausstellt.

Pierre (Andreas Sigrist) und Katja (Stefanie von Poser) spielen ein Spiel von Erwartungen  und Enttäuschung, von Verletzen und Beschützen, von Intimität und Distanz, von Macht und Ohnmacht. Sie zeigen einander ihre seelischen und körperlichen Narben und fügen einander neue Verletzungen und künftige Narben zu. Die Rollen wechseln so schnell und so überraschend, dass man irgendwann nicht mehr weiß: Wer ist hier der Interviewer, wer der Interviewte? Wer Täter, wer Opfer? Wer hat recht? Und wer ist am Ende der Gewinner? Kann es den überhaupt geben in diesem Interview?

Regisseur Sven Grunert hat an seinem Kleinen Theater in Landshut aus einem starken Text ein starkes Stück gemacht, dass in der Kammerspiel-Atmosphäre noch einmal packender wird. Die Wohnung (Bühne: Helmut Stürmer) mit ihrer großen, glänzenden Ledersitzlandschaft und dem Schminktisch wird zur Arena. Andreas Sigrist als bissiger, zynischer Reporter ist ebenso fein besetzt wie Stefanie von Poser als attraktive Darstellerin, die es satt hat, von Journalisten auf ihr gutes Aussehen reduziert oder mit Schmutz überzogen zu werden. „Manchmal“, sagt sie, „komm ich mir vor wie eine Fassadenwand, die jeder anpissen darf.“

Hier darf dann jeder mal seine Klischees im Kopf überprüfen und feststellen: Jemand kann im Fernsehen eine Rolle spielen und auf diese reduziert werden. Er kann auch im echten Leben in eine Rolle gedrängt werden, die immer noch nichts mit dem eigentlichen Menschen zu tun haben muss.

Philipp Seidel, Landshuter Zeitung, 6.10.2014

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Die Vernarbten erkennen einander
„Das Interview“ in den Kammerspielen Landshut: Von Sven Grunert packend inszeniert und von Stefanie von Poser und Andreas Sigrist exzellent gespielt.

„Killing me softly“: Diese Methode beherrscht der Politikjournalist Pierre Peters bestens. Durch die Erfahrungen in der Kriegsberichterstattung und familiäres Chaos selbst ein psychisches Frack, reagiert er sich an seinen Interviewpartnern ab. „Das Interview“ mit Katja, einem Filmsternchen, passt ihm gar nicht. Arrogant presst er sie in das Klischee eine Soap-Darstellerin.

(...) Die ständig wechselnden Perspektiven schaffen Irritationen, entblößen die Figuren in ihrer Verletzlichkeit und ihrer Egomanie. Daran scheitern menschliche Beziehungen, sie scheitern mit dem Resümee, dass immer einer verliert. Wie das Sven Grunert in den Landshuter Kammerspielen mit   Andreas Sigrist und Stefanie von Poser auf die Bühne bringt, ist ein überaus spannender Enthüllungsprozess. Zwei vereinsamte, bis ins Mark verletzte Menschen nähern sich, spüren Seelenverwandtschaft in den Narben, die ihnen das Leben hinterlassen hat – und scheitern doch an der eigenen Durchtriebenheit, die ihnen das Leben beigebracht hat. Sie können nicht mehr lieben, sich nur gegenseitig quälen.

Großartig spielt Stefanie von Poser das Seifenopernstarlet mit den großen Brüsten, das mit seinen 29 Jahren über „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ regelmäßig die Gefühle von neuen Millionen Fernsehzuschauern bestimmt. Sie umgarnt den Journalisten und mit ihm das Theaterpublikum mit dem Klischee eines quotenstarken Soap-stars und bricht es auf. (...) Immer heftiger schlagen im gestylten Wohnambiente polierter Oberflächen (Helmut Stürmer) die Granaten der gegenseitigen Verbalinjurien ein. Das Interview wird zum Kriegsschauplatz der persönlichen Niederlagen in ihren gesellschaftlichen Verankerungen. (...)

Sehr subtil werden unter der Regie Sven Grunerts menschliche Annäherungen und gegenseitiges Sich-Erkennen spürbar. (...) Wie Feinde trauen sich die beiden nicht über den Weg. Er nimmt sie auf Diktiergerät auf, sie ihn auf Video. Doch der dokumentarische Charakter wird angesichts der dahinter stehenden Lebensdramen pervertiert. Nichts stimmt in diesen medialen Oberflächen, außer dem gegenseitigen „Killing me softly“. Das ist Theater, das unser Leben spiegelt, eine kleine mitreißende Produktion über menschliche Beziehungsdefizite, berufliche Ausbeutungs- und gesellschaftliche Manipulationsprozesse.

Michaela Schabel, Mittelbayerische Zeitung und Landshut aktuell, 07./08.10.2014

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Narben auf zwei verlorenen Seelen
Sven Grunert inszeniert „Das Interview“ im Kleinen Theater

(...) Mit Theodor Holmans „Das Interview“ – entstanden nach dem gleichnamigen Film des niederländischen Regisseurs und Publizisten Theo van Gogh – hatte Intendant Sven Grunert ein brisantes zeitgenössisches Kammerspiel angesetzt, das exemplarisch alles widerspiegelt, was man sich im Rottenkolberstadel seit Jahren auf die Fahne geschrieben hat und mit Herzblut und bewundernswerter Konsequenz Spielzeit für Spielzeit weiterentwickelt.

(...) nach fast jedem Satz tut sich ein wahrer Abgrund auf und Minute für Minute werden die Narben auf diesen beiden verlorenen Seelen immer mehr entblößt. Schon bald ist nicht einmal mehr klar, wer hier wen interviewt. (...) Eigentlich bräuchte „Das Interview“ zwei Chamäleons, so vielschichtig und abgrundtief sind die Charaktere. Stefanie von Poser und   Andreas Sigrist agieren beide auf unglaublich hohem schauspielerischen Niveau und gestalten ihre Rollen mit bewundernswerter Intensität und Sensibilität. Von Poser, die gekonnt eine Katja zeigt, die es satt hat, nur auf Oberweite und attraktives Äußeres reduziert zu werden und Sigrist, hinter dessen vordergründig knallharten Reporter- Sprüchen sich ein zutiefst verletzter Mensch versteckt. Es ist eine echte Sven-Grunert- Inszenierung mit Momenten außergewöhnlicher Personenführung und atemberaubender Spannung wie in einem Psycho-Thriller. Speziell das Anziehen und Abstoßen seiner beiden   Protagonisten hat Grunert meisterhaft in Szene gesetzt, das Knistern zwischen den Darstellern ist mit Händen zu greifen. Und ja, bei dieser Produktion ist er auch da wieder weiter gegangen, wo manch anderer Regisseur schon zufrieden gewesen wäre. (...)

„Das Interview“ im Kleinen Theater bietet eineinhalb Stunden dichtes, hochspannendes, überwältigend gespieltes und mit messerscharfer Präzision inszeniertes zeitgenössisches Theater der Extraklasse. Die enorm hohe Erwartungshaltung im Vorfeld konnten Sven Grunert und die Seinen mit einer in jeder Hinsicht bemerkenswerten Eröffnungspremiere mehr als erfüllen. Prädikat „Sehr empfehlenswert“ – mehr gibt es dazu eigentlich nicht mehr zu schreiben.

Thomas Ecker, Wochenblatt, 8.10.2014

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Im Spiegelkabinett der Egoisten
Intendant Sven Grunert inszeniert „Das Interview“ im kleinen theater in Landshut als zermürbendes Psychoterror-Drama.


Dann ist man da plötzlich mittendrin, in diesem Psychokrieg, kann sich ihm gar nicht entreißen, sondern einfach nur stillschweigend alles hinnehmen, wie es kommt. Was zunächst wie ein modernes Großstadtloft aussieht, verwandelt sich schnell in diesen Kriegsschauplatz. (...)

Theo van Goghs „Das Interview“, inszeniert von Intendant Sven Grunert, ist Kritik an der heutigen Gesellschaft, das Bild einer Zeit, in der man sich nicht mehr vertrauen kann oder will, man nur mehr ans sich denkt und der Liebe keine Chance mehr geben möchte. In den Landshuter Kammerspielen wird das Drama zum dynamischen und zugleich intimen Psychoterror. Grunert legt dabei viel Wert auf Körperlichkeit und Affekte. Auf der Bühne wird gekokst, geschlagen, gevögelt. Andreas Sigrist spielt Pierre als ambivalenten Egomanen, der ständig zwischen seinem eigenen Kummer und dem Drang nach der großen entblößenden Story hin und her rudert. Traurig, einsam, bleibt er immer ein Egoist. In seinem Outdoor-Safari-Outfit wirkt er von Anfang an wie ein Fremdkörper in diesem Spiegelkabinett der Eitelkeiten. Die High Heels in einer Linie fein aufgereiht, das Schminktischchen mit teurem Make-up auf der einen Seite, eine edle Chaise Longue aus schwarzem Leder auf der anderen, darüber eine schwarze Pelzdecke. Verspiegelte Böden, verspiegelte Fassaden im Flur. Für Katja, gespielt von Stefanie von Poser, zählen nur die äußeren Werte, so scheint es. Ihr Innenleben kennt niemand. Ist es wirklich sie, die hier spricht, oder ist das gerade wieder nur eine ihrer Rollen? Man weiß es nicht, Pierre weiß es nicht. Beide haben viel durchmachen müssen in ihrem Leben. Pierres Frau ist tot, Pierres Tochter ist tot. Tod, Tod, Tod. Darin scheint die Gemeinsamkeit zu liegen. Im Tod. (...) Wahrheit und Lüge? (...) Was bleibt ist die Einsamkeit der beiden. Sie versuchen sich gegeneinander auszuspielen, kommen sich zwischen durch näher, um sich letztlich immer wieder verletzen zu können.

Die Intimität, die zwischen Andreas Sigrist und Stefanie von Poser entsteht, ist fast schon erschreckend. Sie schmiegen sich aneinander, brechen einsam – isoliert voneinander – zusammen. Sie stehen still, ganz emotionslos und enttäuscht. (...)

Julia Weigl, freie Journalistin, 8. Dezember 2014

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Duell am Abgrund
"Das Interview" auf den 11. Wasserburger Theatertagen 2015

"Du bist wirklich sehr gut im Verletzen", sagt der politische Journalist Pierre zur Soap-Darstellerin Katja, die ihn mit taktlosen, gemeinen Fragen traktiert. Doch auch Pierre, der für dieses Interview eingesprungen ist, hat keine Hemmungen, die scheinbar selbstsichere, materiell erfolgreiche Frau bloßzustellen und zu erniedrigen. Tatsächlich fühlen sich beide einsam und als Versager, sehnen sich nach Liebe, entlarven sich aber bald wieder als psychisch gestörte, gefühlskalte Egoisten.

In einer aufwühlenden Inszenierung hat Regisseur Sven Grunert "Das Interview" von Theodor Holman mit den Kammerspielen Landshut im Theater Wasserburg bei den 11. Wasserburger Theatertagen in Szene gesetzt. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen fiktiven Film des Niederländers Theo van Gogh, der 2004 ermordet wurde.

Stefanie von Poser als Filmsternchen Katja Stuurman und Andreas Sigrist als Journalist Pierre Peters spielten den erbitterten Kampf um ihre Selbstbehauptung mit subtiler Perfidie, zeigten aber zugleich beklemmend glaubwürdig ihre große Sensibilität und Verletzlichkeit. Während sich die beiden gegenseitig belauern, belügen und verführen, bröckelt ihre mühsam aufrecht erhaltene Fassade abgebrühter Professionalität. Pierre hat am Bauch Narben durch einen Granatsplitter, ist traumatisiert von Kriegsgräueln, die er in Jugoslawien erlebt hat und leidet am Unfalltod seiner Tochter. Katja war zwar mit vielen Männern im Bett, wurde aber von der eigenen Mutter nicht geliebt. Auf Knopfdruck kann sie Nettigkeit oder Verzweiflung spielen, ist aber in ihrer Schickimicki-Wohnung, in der eine Buddhastatue auf dem Fernseher thront, nur eine Kranke, Getriebene, die sich mit Alkohol und Kokain betäubt. Eindrucksvoll zeigte Stefanie von Poser die Verwandlung Katjas von der scheinbar erfolgsverwöhnten Verführerin hin zu einer von Wutausbrüchen und Depressionen zerrütteten Frau, die ihr seelisches Gleichgewicht verloren hat. Katjas Stimmungsschwankungen wirkten jedoch mitunter recht abrupt, ihre Vulgarität bisweilen allzu laut und schrill.

Andreas Sigrist verkörperte facettenreich den eitlen, verbitterten Journalisten, der sich über Katjas "Silikongedanken" lustig macht und für eine reißerische Story vor nichts zurückschreckt. Passend war das Bühnenbild. Katjas sterile Designerwohnung mit Glastisch, schwarzen Stühlen und aufgereihten Schuhen spiegelte hervorragend nicht nur die Verlassenheit der Protagonistin, sondern wirkte hermetisch wie ein Gefängnis, in dem Fernsehstar und Journalist einander bedingungslos ausgeliefert sind. Hin und wieder erzeugte leise Saxofonmusik zusätzlich eine bedrückende Stimmung. Sehr effektvoll, aber etwas dick aufgetragen wirkte der Schluss, als Katja Pierre noch einmal raffiniert übertrumpft. Für ihr eineinhalbstündiges verbales Duell am Abgrund erhielten Stefanie von Poser und Andreas Sigrist vom Publikum anhaltenden, verdienten Applaus.

OVB online, Kultur in der Region, 5. Mai 2015

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Fotos: Regine Heiland

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