im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2017 / 2018

Pressestimmen zu "Der goldene Drache"

Böser Zahn in der Suppe

Als Roland Schimmelpfennig 2009 in Wien die Uraufführung seines eigenen Stücks "Der goldene Drache" inszenierte, befand er sich gerade auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Noch heute gilt er vielen als der meistgespielte deutschsprachige Autor, damals war er es sicherlich. Gleichzeitig tat der Regisseur Schimmelpfennig dem Autor Schimmelpfennig sehr gut, weil er aufzeigte, wie das hinskizzierte, sprunghafte, fast nervöse Geflecht der vielen auf engem Raum verwobenen Geschichten Theater werden kann. Nun hat Jochen Strodthoff das Stück am Kleinen Theater Landshut inszeniert und damit gezeigt, dass es kein Moos angesetzt hat. Und dass man auch an einem kleinen, liebenswerten Haus wie dem in Landshut über die Mittel verfügt, den gar nicht leicht zu bewältigenden Text gelungen auf die Bühne zu bringen.

Viele Jahre lang war Jochen Strodthoff die Hälfte des Münchner Performance-Duos "Hunger & Seide", seine Landshuter Inszenierung erinnert daran aber wenig. Sie ist blitzsauberes, rasantes, gut gebautes Stadttheater. Der goldene Drache ist ein China-Vietnam-Thai-Schnellrestaurant, in dem und in den Wohnungen darüber die Geschichten zusammenlaufen, die hier angerissen werden. Konkret sind es Geschichten von der Liebe natürlich, besonders von deren Ende, von Untreue und Selbstbetrug, von unendlicher Einsamkeit und großer Sehnsucht.

Mit diesen Geschichten holt Schimmelpfennig die Zuschauer herein in sein Lokal, in dem bei Strodthoff die fünf Darsteller in der Küche mit Furor herumfuhrwerken, obwohl es hier gar keine Küche gibt, sondern nur die Wand eines Häuschens mit vielen Tür- und Fensteröffnungen. Und einen Drachen. Strodthoff forciert Chinawitz und Bühnenaktion und trifft sehr gut den Rhythmus des Textes, aus dem sich zunächst der Aberwitz herausschält, bereits gepaart mit Gesellschaftkritik - der Zahn eines illegal arbeitenden Küchengehilfen muss raus und landet in der Suppe einer Stewardess. Immer stärker werden Stück und Aufführung dann zu einer bösen Parabel, von Schimmelpfennig vielleicht ein bisschen zu gnadenlos auserzählt: Es geht um das Märchen von der Ameise und der Grille; die Ameise ist fleißig, die Grille macht den ganzen Sommer über nur Musik, hat im Winter nichts zu essen und muss sich bei der Ameise prostituieren. Wie die Arbeitsmigranten im Lokal. Ein Mädchen wird von einem Besoffenen zusammengeschunden wie "ein Ding". Der Grat zwischen Lachen und Grauen ist scharf bei Strodthoff und seinen fünf präzisen Darstellern. Da ist viel Wahrheit drin.

Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung, 17. Januar 2018

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Hin­ter den Ku­lis­sen des Le­bens
Dy­na­mi­scher Spiel­auf­bau: „Der gold­ene Dra­che“ am Klei­nen Thea­ter Lands­hut

Die Gesellschaft zermalmt ihre Schwächsten: Maja Elsenhans, Knud Fehlauer, Nicola Trub, Martin Müller und Andreas Mayer im Kleinen Theater Landshut.

Wie eigentlich gerät ein kariöser Schneidezahn in die Thai-Suppe mit Hühnerfleisch, Kokosmilch, Thai-Ingwer, Tomaten, Champignons, Zitronengras und Zitrusblättern (scharf) beim Asia-Imbiss „Der goldene Drache“ ? Eine Frage, die sich so brisant möglicherweise gar nicht stellt, gleichwohl aber im Mittelpunkt des atemlosen Theatertextes von Roland Schimmelpfennig steht.

Dieser 1967 in Göttingen geborene Schriftsteller knackt in seinen Stücken regelmäßig die Strukturen des Realismus und baut Bezüge der Wirklichkeit hinter ihren Kulissen völlig neu auf. In „Der goldene Drache“ erzählt er die Geschichte eines chinesischen Geschwisterpaares, das sich aus den Augen verliert und in Deutschland zugrunde geht; aber wie der Text dazu ohne jegliche Sozialkritik auskommt, wie er stattdessen Geschichten rund um einen asiatischen Schnellimbiss und den Kunden erzählt, die sich seines Services bedienen, bedingt besagte Atemlosigkeit. Denn so, wie der Zahn eher zufällig in die Suppe gerät, so verschlingen sich in jedem Moment die Biografien verschiedenster Menschen nach dem großen Zufallsmuster miteinander; in dem Stück verflechten sich diese Schicksale und ergeben ein großes Ganzes – mal witzig, mal traurig, mal brutal. Weshalb Schimmelpfennig, gerade weil er Strukturen des Realismus auseinandernimmt, schlussendlich genau in diesem Realismus ankommt. Und man dem Text eigentlich nur Raum, Spieler und die nötige Geschwindigkeit geben muss, um Fahrt aufzunehmen.

Regisseur Jochen Strodthoff gelingt das sehr gut in seiner Inszenierung im Kleinen Theater Landshut, die trocken ist wie ein Martini: Auf Saftigkeit wird verzichtet, stattdessen gibt es einen puristischen Blick auf die Vorder- und Hintergründe des auf der Bühne dargestellten Lebens. Die prägt – als Spielfeld – die Fassade eines mehrstöckigen Wohnhauses, vor und in dem es beständig wuselt und das irgendwann umgelegt wird, um tatsächlich hinter die Kulissen des Lebens zu blicken. Die Inszenierung lebt vor allem von ihrer Dynamik. Weil die fünf Schauspieler keine festgelegten Rollen haben und – als Spielfiguren – wie menschliche Brettspielsteine in ihrer Kleidung (Kostüme: Irina Kollek) fünf Farben repräsentieren, springen sie von Rolle zu Rolle, vermengen so die Geschichten immer mehr miteinander. Zwei zentrale Erzählstränge handeln in der Schnellimbissküche, die Strodthoff schön mit einem akustischen Signal und einer eindeutigen Bewegungschoreografie abhebt, und in einer aktualisierten Fabel von der Ameise und der Grille.

All diese Geschichten erscheinen auf den ersten Blick beliebig, bis sich immer deutlicher ein großer Aha-Effekt über einen großen Zusammenhang einstellt: Die Gesellschaft zermalmt ihre Schwächsten. Dass dieser Aha-Effekt zustandekommt, verdankt sich neben der Inszenierung den fünf hochkonzentrierten und zugleich quicklebendigen Schauspielern, die dauerhaft präsent sein müssen für jede Figur, in die sie teilweise sogar ganz sichtbar schlüpfen. Maja Elsenhans, Knud Fehlauer, Andreas Mayer, Martin Müller und Nicola Trub tun dies beeindruckend sicher und erwecken emotionale Dimensionen, die hinter der Spielordnung stehen. Wir sehen ein Labor der (Un-)Menschlichkeit. Und da fliegt er hin, dieser Schneidezahn, und macht sich auf den Weg in die Suppe (scharf).

Christian Muggenthaler, Landshuter Zeitung, 16. Januar 2018

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Vom Schmerz des Lebens
Schimmelpfennigs „Goldener Drache“ im Kleinen Theater

Fünf Menschen sitzen dicht gedrängt im Kreis schnippeln, schaben, rühren, kochen. Eng ist es in der asiatischen Küche des Asia-Restaurants „Goldener Drache“. Das abstrahierte Giebelhaus dahinter verortet die Küche irgendwo im bürgerlichen Milieu. In dem Sozialdrama werden die Geschichten unterschiedlichster Menschen zu einem faszinierendenKaleidoskop zusammengefügt. Leitmotive, wie das Schicksal illegaler Einwanderer verleihen dem Stück inhaltliche Vielschichtigkeit und metaphorische Kraft. Rasant wechseln im Schnellrestaurant Liebe und Streit, wächst die Unzufriedenheit, das ökonomische und emotionale Elend. Der Zahnschmerz des Küchenjungen wird zum existenziellen Schrei. Der Schneidezahn wird mit einer Zange in der Arbeit gerissen, der Mann verblutet und wird in den Fluss geworfen. Der Zahn landet aus Versehen in der Thai-Suppe einer Stewardess, seine Leiche treibt Richtung China, ein skurril-poetisches und sehr trauriges Ende.

Regisseur Jochen Strodthoff reduziert das Stück rein auf den Ausdruck der Schauspieler, untermalt nur ganz dezent mit zwei zeitkritischen Songs und balanciert geschickt zwischen Hektik und Innehalten, Zappelei und Thai-Chi, entwirft Schimmelpfennigs Geschichten zwischen grotesker Realität, burlesker Komödie und Pantomime, zwischen Parabel und exotischem Märchen, wenn die fleißige Ameise die musizierende Grille ausbeutet. Für etwas Verwirrung sorgt die entgegengesetzte Besetzung der Schauspieler auf der Bühne – alt spielt jung und männlich weiblich und umgekehrt.

Schauspielerisches Zentrum ist Maja Elsenhans, farbsymbolisch mit roten Accessoires hervorgehoben (Kostüme Irina Kollek). Sie gibt das Arbeitstempo vor, wuselt in chinesischen Trippelschritten als nimmermüde Ameise über die Bühne und versklavt die Grille, die sich immer wieder prostituieren muss, um den Winter zu überleben, ohne die Freier von ihren Leiden befreien zu können. Martin Müller spielt die Grille mit Sensibilität. Wenn er mit dem Violinbogen über ein Sägeblatt streicht, erklingt wehmütig die verloren gegangene Poesie. Knud Fehlauer setzt stimmlich und mimisch subtile Akzente. Mit einer hochgezogenen Augenbraue ironisiert er die exzentrische Art der Stewardess, Andreas Mayer gibt seinen kleinen Rollen eine authentische Natürlichkeit. Auch wenn man bei Nicola Trub schärfere Rollenprofile vermisst, und ihr Intermezzo als Kölner Lebensmittelhändlers als unnötige Soloeinlage den Spielfluss stört, sind Stück und Inszenierung von beachtlicher Nachhaltigkeit.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 17. Januar 2018, Mittelbayrische Kulturnachrichten, 14. Januar 2018

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Ein szenisches Sushi-Fließband
Jochen Strodthoff inszeniert "Der goldene Drache" im kleinen theater

Es gibt Theaterstücke, da ist der Zuschauer ganz besonders gefordert, den immer wieder davonflutschenden roten Faden nicht zu verlieren, außer er ist nur ins Theater gegangen, um sich berieseln zu lassen. Roland Schimmelpfennigs „Der goldene Drache“ ist so ein Stück. Die kurzen Szenen fahren – wie bei einem bunt zusammengestellten Fließband – ruckizucki vorbei und ehe man sich versieht, ist schon das nächste szenische Häppchen da. Und manches Häppchen ist durchaus schwer verdaubar... Die Abgründe der menschlichen Existenz Schimmelpfenning, seinerseits der aktuell meistgespielte deutsche Autor und einer der erklärten Lieblinge der Feuilleton-Elite, haut in „Der goldene Drache“ gewaltig auf die Globalisierungskritik-Pauke. Das Stück zeigt die Abgründe der menschlichen Existenz, die Parallelwelt von Migranten und das Schicksal von Sexsklavinnen auf plakative wie schonungslose Art und Weise. Wie in einem verschachtelten David-Lynch-Film führt eine Szene zur nächsten und gibt den Raum frei für ein neues menschliches Drama, bei dem sich die Zuschauer immer wieder komplett neu justieren müssen.

Wo sind wir? Um wen geht es? Wer spielt denn jetzt wen? Keine Frage, Schimmelpfenning will mit seinem Text irritieren – und das gelingt ihm auch. Alles an und in diesem Stück ist bizarr und unwirklich. Männer werden von Frauen gespielt, die Frauen von Männern, Alt und Jung ist gegen den Strich besetzt und auch Tiere spielen eine symbolische, ja fast schon allegorische Rolle, wenn es um Geschäftstüchtigkeit und sexuelle Ausbeutung geht. Ein kluger Schachzug, denn mit diesem grotesken, verfremdeten und überzeichneten Ansatz tarnt Schimmelpfennig geschickt den für meinen Geschmack etwas zu sehr präsenten erhobenen moralisierenden Zeigefinger. Denn auch Globalisierung gibt es halt nicht ohne Nebenwirkungen, persönliche Schicksale und Leid.

Zentrum der Handlung ist das turbulente China-Vietnam-Schnellrestaurant „Der goldene Drache“. Hier „arbeiten“ unter unzumutbaren Bedingungen Menschen, die zwischen der hektischen Zubereitung von Thai-Suppe, Glasnudeln, Sushi, Frühlingsrollen, Morcheln und Kokossauce verzweifelt versuchen, einem jungen Chinesen ohne Aufenthaltsgenehmigung mit einer Rohrzange einen schmerzenden Zahn zu ziehen. Letztendlich landet dieser Zahn in der Suppe einer Stewardess und erlebt wie die anderen handelnden Personen eine turbulente Odyssee mit zum Teil tragischem und erschütterndem Schicksal.

Schon das Erzählen des Inhalts von „Der goldene Drache„ ist eine Kunst für sich. Und wenn Sie jetzt bei meinem „Versuch“, den Inhalt ein klein wenig anzureißen, die Stirn runzeln, ist das ein Vorgeschmack auf das Stück selbst.
Hervorragende Ensembleleistung
Für das Ensemble ist „Der goldene Drache“ Schwerstarbeit. Maja Elsenhans, Knud Fehlauer, Andreas Mayer, Martin Müller und Nicola Trub agieren unter der Regie von Jochen Strodthoff mit bewundernswerter Hingabe und bewältigen auch die kunstvollsten Satzkaskaden des Textbuches souverän. Auch das ständige, zum Teil schweißtreibende Hin- und Herspringen zwischen den Rollen gelingt hervorragend. Jochen Strodthoff inzeniert mit ruhiger, fast ordnender Hand und klarer Struktur und gibt dem Zuschauer immer wieder ganz kleine Fingerzeige bei den Requisiten, die zur Szenenentschlüsselung wertvoll sind.

Fazit: „Der goldene Drache“ im Kleinen Theater ist durchaus schwere Theaterkost – zum Teil berührend, zum Teil philosophisch, zum Teil mysteriös, zum Teil verstörend und brutal. Regie und Ensemble zeigen Bestleistungen bei diesem szenischen Sushi-Fließband im Rottenkolberstadel.

Thomas Ecker, Wochenblatt, 17. Januar 2018

Fotos: Regine Heiland

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