im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2014 / 2015

Pressestimmen zu "DER VORNAME"

Gemeinheit des gemeinen Menschen
Vergnüglich boshaft: „Der Vorname“ im Kleinen Theater Landshut

In dieser brillanten, vergnüglichen, rundum empfehlenswerten Inszenierung einer Boulevard-Komödie als comédie humaine, als Kreuzfahrt über menschliche Untiefen, über heimtückische Drolligkeiten hinweg, beweist sich lehrbuchmäßig, wie Theater funktionieren kann, wenn alle beteiligten Ebenen perfekt übereinandergelegt und aufeinander abgestimmt werden.

Im Kleinen Theater in Landshut stimmen in der Aufführung von „Der Vorname“ Text, Inszenierung, Schauspiel und Technik wie ein weinseliges Schunkelteam zusammen: ein Rhythmus, eine Bewegung, eine Einheit. Das Publikum sieht ein familiäres Abendessen, das ständig größer werdende Wellen einer Bosheit erzeugt, die eigentlich schon wieder völlig alltäglich ist: die Gemeinheit des gemeinen Menschen. Alexandre de la Patellière und Mathieu Delaporte haben ein elegantes Stück geschrieben, das mit dem Alltagszenario einer kultivierten Gruppe spielt, die in Streit gerät und dabei Umdrehung für Umdrehung wie mit einer Pfeffermühle immer mehr Schärfe in die Auseinandersetzung bringt, fies, tückisch, schließlich offensiv verletzend.

Die Menschen, die sie zeigen, sind greifbar in ihrer Alltäglichkeit, weshalb der Witz, der aus ihren Auseinandersetzungen ständig hinauszischelt wie Silvesterraketen, so gut funktioniert: Man erkennt sich selbst. Schließlich ist jeder Mensch in Wahrheit höchstens halb so gut, wie er sich selbst sieht; in jeder gut gemachten Komödie also darf man über die eigenen Schwächen lachen, die man an anderen erkennt.

Sven Grunert, Regisseur und Intendant, weiß das. Er läuft zu Höchstform auf, wenn er in derartigen komödiantischen Steilvorlagen Untiefen ausloten kann. Im „Vorname“ macht er das mit jenem Charme und jener Eleganz, die der Text vorgibt.

Es ist in dieser Inszenierung nichts schrill über- noch schmal unterbetont, stattdessen verortet Grunert die Handlung subversiv in jener Alltäglichkeit, aus der die Gemeinheiten erst so richtig pointiert und treffsicher herausplatzen. Und man erkennt in jedem der Fünf, die sich da traktieren, einen deutlichen Unterstrom an tiefschwarzer, hinterkünftiger Bösartigkeit. Das gelingt, weil Grunert Schauspieler gefunden hat, die diese Unterströme perfekt anditzen können, weil sie immer nur einige wenige Prozente davon zeigen. Meister der Dosis. Auch hier also herrscht der Realismus der Menschlichkeit. Stefanie von Poser hat als Elisabeth herrliche Momente charismatischer Wut, Cornelia Pollak als Anna quillt fast über vor entzückender Fassungslosigkeit.

Auch Knud Fehlauer als geheimnisumwitterter Claude überzeugt in der grundsätzlichen Defensive seiner Figur. Die eigentlichen Antipoden sind zwei Schauspieler, die die Unwucht ihrer Rollen wuchtig auf die Bühne bringen: Stefan Lehnen als Pierre und Sebastian Gerasch als Vincent: rhetorische Ringer. Die Unaufgeregtheit der Inszenierung, vor der sich die aufgeregte Handlung so schön herausputzt, setzt sich in Bühnenbild (von Helmut Stürmer) und Technik fort: Da passt alles wie das letzte Stück des Tausend-Teile-Puzzles. Das Premierenpublikum war sehr beeindruckt.

Christian Muggenthaler, Landshuter Zeitung, 12. Januar 2015

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Jeder hat so seine Geheimnisse
Erfolgsstück „Der Vorname“ präsentiert sich im Kleinen Theater als scharfsinnige Gesellschaftskomödie

Am Ende schließt sich der Kreis. Pierre, Literaturprofessor, und Elisabeth, Vorortlehrerin, Hausfrau und Mutter, lieben sich nach zehn Jahren noch wie am ersten Tag. Doch der Theaterbesucher weiß am Schluss um die pure Ironie dieser Erzählhypothese aus dem Off. Nach dem marokkanischen Essen mit Vincent, seiner Freundin Anna und Claude, dem Freund des Hauses, ist nichts mehr wie zuvor. Witzige Provokationen öffnen Abgründe. Intellektuelle Spielereien enthüllen psychische Abgründe. Liberalität zerschellt an den Fronten persönlicher Eitelkeiten.

Zwischen Pierre und Vincent schaukelt sich die Diskussion um den Vornamen „Adolphe“ zum Politikum. Nichts ist heute mehr neutral. Selbst Vornamen sind ideologische Bekenntnisse oder tiefenpsychologische Erkenntnisse. Aus der banalen Diskussion um einen Vornamen gelingt Alexandre de La Patellière und Mathieu Delaporte, den Autoren des Stücks, eine Gesellschaftskomödie, das liberales Denken an den eigenen Denkklischees konterkariert. Unter dem eingespielten Alltag und der Aufklärungskultur im Sinne Kants lauern die Untiefen persönlicher Deformationen, intellektueller Arroganz, unbewältigte Vergangenheiten, Verletzungen und Unzufriedenheiten.

Aggressive Verbalangriffe formieren sich zum Stellungskrieg, der genau so schwarz-weiß polarisiert wie die Schwarz-Weiß-Bilder im Laissez-faire der liberalen Intellektuellenwohnung des Bühnenbilds (Helmut Stürmer). Das ist ein Paradestück für Regisseur Sven Grunert, Intendant der Landshuter Kammerspiele.

Im Megaschatten eines Türspalts beginnt das Spiel wie ein Hitchcockkrimi, der hinabführt vom Alltag in die menschlichen Psychosen. In der Endlosschleife sirtakimäßiger Soundemotionalisierung branden im Smalltalk verbale Wellenbrecher hoch. Die Mimik entlarvt die Worte. Die kleinen Gesten offerieren die Wahrheit der Vorwürfe.

Vorrangig das Männerteam spielt mit subtiler Authentizität. Stefan Lehnen gibt einen charismatischen Literaturprofessor ab, hinter dessen liberalen Fassade sich geistige Intoleranz im cholerischen Nahkampf Platz macht. Sebastian Geraschs Vincent ist weniger ein Egoist und Narziss als ein lebensfroh smarter Bonvivant, lässig und doch immer bis auf jeden Hemdknopf perfekt und adrett, eine souveräne Spielernatur, der nur kurz die Contenance verliert, als er erfährt, das Claude, sein Jugendfreund ein Verhältnis mit seiner Mutter hat.

Durch Knud Fehlauer bekommt dieser Claude die magische Aura der Schüchternheit, die diese Figur in ihrer harmonisierenden Fähigkeit zuhören zu können, individuell leben zu wagen zum geistigen Mittelpunkt des Stücks macht und mit schweizerischem Akzent zuweilen neutrale Positionen humorvoll ironisiert. Ganz traditionell kämpfen die Alphamännchen mit Intellekt und Faust, während sich die Frauen in hysterische Hyperventilation katapultieren. Stefanie von Poser spiegelt in Elisabeth die undankbare Rolle der Frau zwischen Kinder, Küche und verpasster Karriere, abhängig von äußerlichen Komplimenten, zu klug, um die eigene Misere nicht zu durchschauen, zu eingefahren, um sie zu durchbrechen. Cornelia Pollak zeichnet die schwangere Freundin schon wesentlich selbstbewusster mit kabarettistischem Charme, zuweilen arg überzogen, als Farbtupfer im Figurenquintett boulevardmäßig belebend, als Mitwisserin Claudes für kurze Momente sehr authentisch.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 14. Januar 2015

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Beim emotionalen Flaschendrehen lässt jeder die Hose herunter
"Der Vorname" im Kleinen Theater: Bösartige Komödie, bei der zum Glück niemand die Notbremse zieht.

Gute Freunde kennen sich in- und auswendig - und niemand kann sie trennen.
Es sei denn, die Freunde reißen sich selbst die Masken herunter, um dann feststellen zu müssen, dass irgendwie alles doch ganz anders ist. „Der Vorname“ im Kleinen Theater führt uns vor Augen, wie schnell die heile Welt aus den Fugen geraten kann.

Ein falsches Wort, ein schlechter Witz – und schon verabschiedet sich der gesellige Abend schnurstracks in die völlig verkehrte Richtung. Das müssen die fünf guten Freunde Elisabeth (Stefanie von Poser), Anna (Cornelia Pollak), Pierre (Stefan Lehnen), Claude (Knud Fehlauer) und Vincent (Sebastian Gerasch) während eines marokkanischen Menüs feststellen, ohne jedoch die Notbremse ziehen zu können.

Im Gegenteil: Intendant und Regisseur Sven Grunert gibt seinen Schauspielern punktgenaue Gemeinheiten als Munition mit auf den Weg – und die tief- schwarze Komödie nimmt Minute um Minute Fahrt auf. Die Lawine rollt. Zum Beispiel bösartige Szenen, die einem bei Familienfestivitäten, Firmenfeiern oder Geburtstagspartys selbst widerfahren sind, oder etwa Witze, über die man nur selbst lachen kann – und die eine Veranstaltung den Bach hinuntergehen haben lassen.

Man ist nicht nur dabei, sondern mittendrin.

Der werdende Vater Vincent sorgt mit seinem Plan, seinen Sohn nach einer der größten literarischen Figuren der französischen Romantik „Adol-PHE“ zu taufen, für den großen Aufschrei. Als Pierre seinen langjährigen Freund daraufhin als Rassisten tituliert – Wer tauft sein Kind schon Adolf? – beginnt das rasante und vergnügliche emotionale Flaschendrehen.

Wenn Elisabeth zwischen Küche und weinendem Kind die Handbremse der Beherrschung schnalzen lässt und ihrem Liebsten, Pierre, ordentlich die Meinung geigt, duckt man sich reflexartig in der Stuhlreihe ab... Das Ungesagte wird endlich ausgesprochen Wenn sich Pierre und Vincent mit dem feinen rhetorischen Florett Hieb für Hieb in die seelische Intimzone vorarbeiten, ist sofort klar: Schadenfreude ist die schönste Freude!

Klar ist aber auch, dass es jeden von uns genauso gut selbst erwischen kann. Im nächsten Moment könnte man höchstpersönlich irgendwo ganz vorne auf der Bühne stehen und müsste es zulassen, dass tiefste Geheimnisse nach draußen geholt werden. „Der Vorname“ kann jeden Moment im heimischen Wohnzimmer oder im Partykeller des Nachbarn aufs Neue beginnen. Und der Abend eskaliert, und nichts bleibt, wie es war. Und doch: Irgendwie ist man froh, dass das viele Ungesagte endlich ausgesprochen wurde.

An erster Stelle, warum „Der Vorname“ funktioniert, stehen jedoch die Akteure auf der Bühne, die sich herrlich ergänzen, gegenseitig anstacheln und eben diese enge Familie sind, die sie sein müssen, um die bösen Pointen präzise abzufeuern. Und Grunert lässt sein Ensemble genau dies tun... Eine schwarze Komödie, die auch die Hemmschwelle vor einem Theaterbesuch auf Niveau null senkt. Jeder, der den Flimmerkasten mal aus lässt, die Sonntagshose aus dem Schrank holt, sich schnäuzt und kämmt und die heimische Couch mit dem Theatersessel eintauscht, hat alles richtig gemacht.

Tobias Grießer, Wochenblatt, 14. Januar 2015

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Unverhoffte Familienbande und entgleisende Scherze
Die schwarze Komödie „Der Vorname“ in Landshut


Familientreffen könnten so schön sein… KÖNNTEN! Aber wie wohl die meisten auch schon am eigenen Leib erfahren haben, verlaufen die trauten Zusammenkünfte in der Regel nie ganz ohne Reibereien und Diskussionen. So müssen auch die Protagonisten der französischen Komödie „Der Vorname“ von Alexandre de La Patellière und Mathieu Delaporte erfahren, dass es mit der lieben Familie nicht immer ganz so einfach ist, vor allem wenn auch noch Ehepartner und Freunde mit von der Partie sind. Élisabeth, eine Vollblut-Lehrerin, -Hausfrau und -Mutter, lädt ihren Bruder Vicent, seine schwangere Frau Anna und ihren besten Freund Claude zu einem marokkanischen Abendessen ein. Ihr Gatte Pierre steht ihr dabei meist im Weg und stellt das perfekte Klischee des verplanten Literatur-Professors dar.

An sich beginnt das Treffen völlig harmonisch und scheinheilig, allerdings kippt sie Stimmung, als Vincent den Namen seines Sohnes verkündigt: Adolphe. Pierre findet diesen Namen unmöglich, erinnert er doch sehr an einen österreichischen Diktator. Und schon beginnt unter den Anwesenden eine heiße Debatte um Moral, negative Belegung von Namen und das Recht auf freie Entscheidungen. Als sich der Name lediglich als dummer Scherz von Vincent herausstellt ist die Stimmung jedoch schon so gereizt, dass immer wieder neue Diskussionen in Streitereien und Handgreiflichkeiten ausarten. Dabei verbünden sich selbst Personen, die zehn Minuten zuvor noch in verschiedenen Lagern kämpften. Und selbst der gutmütige Claude lässt am Ende des Abends eine Bombe platzen…

Das Stück erinnert mich etwas an „Der Gott des Gemetzels“, denn gerade die permanent wechselnden Fronten und die Protagonisten, die sich drehen wie Fähnchen im Wind, machen den Charme beider Komödien aus.

Das fünfköpfige Ensemble unter der Regie des Kammerspiel-Intendanten Sven Grunert spielt gerade diese Aspekte hervorragend aus. Eigentlich sind ja alle rational denkende Menschen, doch im Inneren brodelt es und nach dem ersten Streit reichen nur Kleinigkeiten, um wieder zu einem Ausbruch zu führen.

Vincent, der Erzähler und selbsternannte Held der Geschichte wird hervorragend von Sebastian Gerasch dargestellt. Er schafft es, seiner Figur den verschmitzten aber oft niveaulosen Humor zu verleihen, der es dem Zuschauer schwer macht zu entscheiden, ob man Vincent nun leiden kann oder nicht. Weitaus stiller und gutmütiger ist da Knud Fehlauers Figur Claude. Er ist nicht nur bei den „Ehefrauen“ des Stücks der Sympathieträger und lässt trotzdem durchscheinen, dass mehr hinter der netten Kumpel-Fassade steckt. Stefan Lehnen zeigt herrlich den pedantischen Akademiker, der sich über unbedeutende Kleinigkeiten über die Maße aufregen kann.

Relativ ruhig erscheint anfangs Pierres Ehefrau Elisabeth, gespielt von Stefanie von Poser, die alles daran setzt, ihr „perfektes Dinner“ wenn möglich auch mit aggressiveren Mitteln durchzusetzten. Sehr spießbürgerlich kommt auch anfangs Vincents Gattin Anna daher. Cornelia Pollak lässt ihre Figur zwar nach außen hin zufrieden wirken, jedoch auch schnell klar werden, dass sie mit ihrer Ehe nicht mehr ganz so glücklich ist.

Die Inszenierung von Grunert ist für viele möchtegern-intellektuelle Theatergänger wohl zu brav, aber für diese Komödie mehr als passend und von Anfang bis Ende kurzweilig und unterhaltsam. Dies ist einer der positivsten Aspekte des Hauses, dass es noch nicht dem Trend des Provokations-Zwangs folgt ein einfach verständliche und gelungene Inszenierungen zeigt. Das Publikum scheint dies wohl auch zu schätzen. Vor allem als die Wortgefechte der Protagonisten des Stücks Handgreiflichkeiten weichen bleibt wohl keine Auge im Zuschauerraum trocken. Der Humor ist stückbedingt zumeist sehr derb und sicher nicht für jedermann etwas. Ich persönlich hatte große Freude daran.

mako89, theatertogo, 16. Januar 2015

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Probenbericht von Jürgen Moises

Was ist schlimmer? Verbale oder physische Gewalt? Letztere besteht in „Der Vorname“ aus einem Knieschlag in die Weichteile und einem Kinnhaken, der zu einer blutigen Nase führt. Beim vorletzten Probendurchlauf des französischen Bühnenstücks in den Kammerspielen Landshut wird die zugehörige Szene noch einmal im Detail geprobt. Inszeniert wird sie als ein genau choreographierter Dominoeffekt. Als Kettenreaktion, bei welcher der Schlag in die Weichteile eher als „Kollateralschaden“ passiert. Vincent springt auf und um den Tisch herum, um Claude eine Ordentliche zu verpassen, Pierre gerät dazwischen, mit genannter Konsequenz. Diese ist aber nicht der einzige Kollateralschaden der letzten Probentage. Eines der Weingläser aus der Requisite ging kaputt. Und Knud Fehlauer, der Claude spielt, hat sich am Tag zuvor auf der Bühne seinen rechten Arm verletzt. Wirklich verletzt. Weswegen er nun, kaum sichtbar unter seinem Ärmel, eine weiße Binde trägt. Spielen kann er trotzdem. „Da habe ich echt Glück gehabt.“

 
Regisseur Sven Grunert sieht in dem Vorfall dennoch ein gewisses Trauma, das an diesem Nachmittag über der Probe hängt. Seine Strategie, um damit umzugehen: schwarzer Humor. „In fünf Minuten fangen wir mit dem kompletten Durchlauf an – bis zum nächsten Unfall.“ Humor als Strategie zur Linderung des Traumas? In Alexandre de La Patellières und Mathieu Delaportes Bühnen- und Kinohit „Der Vorname“ verläuft die Richtung genau anders herum. Hier steht ein böser Witz am Anfang der erst verbalen und schließlich körperlichen Verletzungen.

Das gemeinsame Abendessen ist von nun an aus dem Lot. Eine verbale Kettenreaktion aus bisher aus Freundschaft zurückgehaltenen Wahrheiten und Beleidigungen setzt ein und nimmt die bald darauf folgenden Tief- und Kinnschläge vorweg. Pierre beleidigt Vincent und Vincent Pierre. Elisabeth (Stefanie von Poser) ist auf Vincent, Pierre und später auch auf Claude sauer. Auch Vincents noch dazugekommene Freundin Anna (Cornelia Pollak) ist beleidigt, sie beleidigt aus einem Missverständnis heraus wiederum Pierre. Und Claude muss sich anhören, dass fast alle anderen ihn seit Jahren schon für schwul halten. Was tut mehr weh? Die verbalen oder körperlichen Schläge? Die blutige Nase jedenfalls ist schnell versorgt, auch Pierre kann schon bald wieder normal gehen. Und wie sieht es mit den verbal zugefügten, psychischen Wunden aus? Die heilen auch, wenn auch ein bisschen später. So deutet das eine von Vincent erzählte, trotz Ironie vielleicht doch etwas zu versöhnliche Schlusswendung an. Zumindest in der Originalfassung des Stücks.
Sven Grunert spart in seiner Inszenierung, das zeigt der ohne weiteren Zwischenfall gelingende Probendurchlauf, das Happy-End als kategorischen Imperativ des Boulevards nicht aus. Auch er lässt Sebastian Gerasch als Vincent den Schlussmonolog des Stücks sprechen, lässt ihn dann aber einfach weitermachen – mit dem Anfangsmonolog des Stücks. Das Happy End wird damit unterlaufen, das böse Spiel beginnt als Circulus vi(ncen)tiosus von neuem. Die Menschen machen weiter wie bisher. Vincent, den Gerasch als durchaus charmanten Sprücheklopfer und kindischen Trotzkopf spielt, wird – so sieht es aus – also von neuem seine Sprüche klopfen. Und Pierre, in Stefan Lehnens Verkörperung ein Trotzkopf und besserwisserischer Prinzipienreiter, wird wieder sein moralisch hohes Ross erklimmen, und viel zu spät wieder herunterkommen. Sein Selbstbild, seine vor sich her getragene (Ein-)Gebildetheit sind ihm wichtiger als Gefühle, auch als die Gefühle seiner Frau.

Helmut Stürmer hat ihm dazu das passende Bühnenbild gebaut: mit einer Pop-Art-Variante von Leonardos Abendmahl an der Wand und darunter zwei identischen Porträtbildern. Der darauf nur mit schwarzen Linien angedeutete Mann mit selbstbewusst verschränkten Armen sieht Stefan Lehnen wohl nicht zufällig recht ähnlich. Pierres Verliebtheit in die eigene Bildung spiegelt sich genauso wie Vincents Vernarrtheit in den eigenen Witz aber auch noch auf anderer Ebene wieder, nämlich: im ganzen Stück. Ähnlich wie Pierre und Vincent geilen sich, dieser Eindruck drängt sich manchmal auf, auch die Autoren Alexandre de La Patellières und Mathieu Delaportes zuweilen zu sehr an ihrer eigenen Gewitztheit auf. Zu Lasten wirklicher Tiefe oder einer überzeugenden Psychologie.

Jeweils den richtigen Ton zu finden, das passende Timing, die richtige Pause oder Position; die Komik auszukosten, sie an anderen Stellen aber genauso auszubremsen: genau darum geht es dann auch noch in der Teambesprechung nach der Probe. „Das Zögern an der Stelle war total in Ordnung.“ „Hier stimmt der Anschluss nicht.“ „Sehr schön gesagt.“ „Das hatte nicht die richtige Temperatur.“ Hier war zu viel Psychologie, und da zu wenig. „Sei aktiv-passiv, nicht aktiv-dynamisch.“ Das Publikum selbst soll die Absurdität bemerken. Oder den Ekel spüren. So lauten Kritik, Lob und Ratschläge von Regisseur Sven Grunert. Damit das Stück nicht nur die Zuschauer gut unterhält, sondern ihnen vielleicht doch noch die ein oder andere Botschaft liefert? Etwa dass Humor (und manchmal auch die Lüge) zur Waffe werden kann, aber genauso auch zum Schutzschild gegen die Schrecken der Welt oder der Wahrheit? Das wäre, zugegeben, keine sehr neue, aber durchaus aktuelle Erkenntnis.

Jürgen Moises

Foto: Iko Freese

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