im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2011/2012

Pressestimmen zu "Die Dreigroschenoper"


Im Landshuter kleinen Theater wird die "Dreigroschenoper" jetzt mit dem Feldstecher herangezogen. Das Stück von Bertolt Brecht mit der Musik von Kurt Weill, das am Freitag Abend Premiere hatte, landet sicher auf der Bühne in dem Haus, das mit dieser Inszenierung an die Grenzen des Machbaren gegangen ist. Und das beweist, dass dieser Klassiker der Moderne, an größeren Bühnen auch schon mal leicht angestaubt und museal oder massiv überfrachtet daher kommend, in der Intimität eines eher kleinen Umfelds ausgesprochen gut funktionieren kann: Weil man hier den Schurken so schön auf die Finger schauen kann. Weil Nähe Demaskierung bedeutet. Und der ungetrübte Blick auf die Verkleidungen letztlich zu Transparenz und Bloßstellung führt.

Deshalb tut Intendant und Regisseur Sven Grunert gut daran, die Nähe von Publikum und Darstellern zu einem – durch Spiegel erleichterten – Blick hinter die Szenerie und auf die Maskerade der Protagonisten konsequent als Effekte der Verfremdung zu nutzen. Das gibt Brechts Text sowieso vor, dieses auffallend drastische Spiel mit Äußerlichkeiten: Bettler mit künstlicher Elendsausstattung oder lächerliche Zitate von Bürgerlichkeit bei der Ganovenhochzeit, denn der böse Strolch tarnt sich halt gern mit falscher Haltung. Und so trieft denn im kleinen Theater ganz logisch und ganz konsequent diese Falschheit pfundweise herab: Die Huren gebärden sich so rollig hurenhaft, die Frauen sind so grell überschminkt und die Gangster so hingeschnöselt, dass man in dieser Feldstecher-Inszenierung bald begreift, dass es um diese pittoresken Oberflächen im Grunde gar nicht geht.

Denn Handlung und Milieu sind erstrangig ironische Staffage für die in den Songs verpackte Grundhaltung des ganzen Unternehmens, nämlich Brechts extrem skeptischen Blick auf die Möglichkeit moralisch korrekter Haltung in einem im Großen und Ganzen unmoralischen gesellschaftlichen Umfeld.

Und auch hier funktioniert die Fokussierung im kleinen Theater gut: Die Songs erzeugen ihre Wirkung, sind fein eingerichtet für kleine Besetzung von Manfred Manhart, und vor allem die Mädchen – Nathalie Schott als Polly Peachum, Stephanie Marin als Lucy und Monika Lachenmeir als Spelunkenjenny – erfüllen die musikalische Abteilung überzeugend. Im Spiel ist es vor allem das sehenswerte Ehepaar Peachum, das für Unterhaltung sorgt. Ursula Berlinghof als Celia, ausgestattet mit dem Temperament einer mit allen Wodkas gewaschenen Unterschichten-Tigerin, und Oliver Koch als Jonathan Jeremiah als augenrollender, morgenbemäntelter Bettlerkönig, cool wie Pfefferminz, bilden ein prima Team, das letztlich alles im Griff hat. Der Eingang zu ihrem Reich ist ein – wie drollig – Müllcontainer (Bühne Helmut Stürmer), wie überhaupt der Ausstattung eine starke Liebe zum Detail eignet – dem Schwipp-Schwapp-Urinbeutel am Rollstuhl von Polizeichef Brown (Christoph Krix) inklusive. Julius Bornmann als Macheath schließlich ist ein Gossen-Casanova nach dem schönen Stile eines Neukölln-Prolls – mit, so viel Stil muss sein, dem Messer im Knauf seines Spazierstocks.

Christian Muggenthaler, Landshuter Zeitung, 10.10.2011

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Der Intendant treibt Ensemble, Publikum und sich selbst zu Höchstleistungen…fast verschwenderisch die Spiellust, beinahe selbstvergessen der Gesang… Das Premierenpublikum feierte die Dreigroschenoper mit tosendem Applaus, johlte klatschte und trampelte das Publiku-m immer wieder zurück auf die Bühne.

Wochenblatt, 12.10.2011

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Das Ensemble mit jugendlichem Temperament, exzellente Stimmen, pfiffig gedresst zeichnet eine sympathische Unterwelt, sexy, mit Flitter und Glitzer die Huren, pomadisierte Gigolos der Kreis um Mackie Messer … Julius Bornmann spielt ihn mit unwiderstehlichem Dandycharme… Ein Feuerwerk von Ideen, Varieté, Moritat...

Landshut Aktuell, 12.10.2011

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Unmoralische Gesellschaft

Spritzig-witzig, frech-modern, aber dennoch der Aussage gerecht werdend, präsentiert sich die Dreigroschenoper in der Inszenierung von Sven Grunert im Jakobmayer-Kulturzentrum.

Der Intendant des kleinen Theaters der Kammerspiele Landshut war mit seinem ansteckend spielbegeisterten Ensemble für zwei Aufführungen zu Gast im Jakobmayer-Kulturzentrum und entfachte Begeisterungsstürme – auch wenn der Saal nicht immer ausverkauft war.

Bert Brecht hat seine Dreigroschenoper, eine prunkvolle Bettleroper, in das zwielichte Rotlichtmilieu Londons gelegt und bereits 1928 für Furore gesorgt. Die Figuren und Typen, allen voran der vielfach besungene Mackie Messer, sind zeitlos, Sinnbild für Bestechlichkeit, Betrug und falsche Freundschaft, also bestens transportierbar in unsere unmoralische Gesellschaft. Der Sumpf und Dreck, in dem sich die Protagonisten suhlen, spiegelt sich im Bühnenbild der Landshuter wider, eine große, verdreckte Mülltonne, schmuddelige Plastiktüten und verschmierte Graffiti-Wände sind die Heimat des elendigen Geschmeißes. Es geht um Liebe, Verrat, Gier und Sex.

Die Protagonisten: Peacham (diabolisch: Oliver Koch) ist Chef der Londoner Bettler, seine Frau Cecilia (herrlich: Ursula Berlinghof) grell geschminkt, versoffen, intrigant, seine Tochter Polly (überzeugend: Nathalie Schott) naives, geiles Brünettchen, der pomadige Mackie (unwiderstehlich: Julius Bornmann), Oberhaupt der Londoner Einbrecher, Zuhälter, Mörder, Womanizer und zugleich Peachams größter Konkurrent.

Die Handlung: Als Mackie Polly heiratet, will ihn Peacham am Galgen sehen. Es beginnt die Schlacht der Unterwelt-Schurken, keineswegs brutal-abstoßend, sondern amüsant, sympathisch und liebenswert, bei dem auch die Polizei chaplineske und unmoralisch durch den Sumpf stapft. Gespickt mit viel schmutziger Erotik, unverblümten Sexszenen und Kurt Weills eingängiger Musik, arrangiert von Manfred Manhart, singt sich das Ensemble schnell in die Herzen des Publikums. Vor allem Mackies erste Frau, Lucy (Anna Takenaka) mit ihrem herrlichen Sopran, sorgt für Sonderapplaus. Durch Stahlgerüst, Spiegeldecken und Mülltone entstehen auf der kleinen Bühne Kriegsschauplätze, die effektvoll eingesetzt werden, ebenso wie die ironischen Requisiten, verschrammte Arm- und Beinprothesen, braunsuppige Urinbeutel, grinsende Schweinsmasken oder schlabbrig heruntergeschlungene Spargelstengel.

Die Darsteller nutzen alle Möglichkeiten, rennen durch die Empore, winden sich durch den Publikumsraum und ziehen so die Zuschauer in ihr Stück. Laut schreiend, singend, springend, sabbernd ist für Überraschungs- und Verfremdungeffekte ebenso gesorgt wie für Voyeurismus. Musikalisch umrahmt von Pianist und Percussionist entsteht ein rundes Ganzes, ein äußerst unterhaltsamer Abend.

Die Dreigroschenoper feierte schon einmal Erfolge in Dorfen. Kein Wunder, dass sich einige der damaligen Darsteller, unter ihnen Thomas Thalmeier und Peter Breth, diese Aufführung nicht entgehen und sich von der fulminanten Inszenierung mitreißen ließen.

Birgit Lang, merkur-online, 15.4. 2014

undefinedzur Inszenierung

 

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