im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2013/2014

Pressestimmen zu "Die Glasmenagerie"

Ein Tresor voll Licht
Tennessee Williams’ „Die Glasmenagerie“ am Kleinen Theater Landshut

Melancholisch, sehnsüchtig, traurig, ungemein berührend: Sven Grunert, Intendant des Kleinen Theaters Landshut, hat in seiner großartigen Inszenierung von Tennessee Williams’ „Die Glasmenagerie“ das Stück auf den Punkt gebracht, an seinen kristallinen Kern geführt. Das Märchenhafte dieser Erzählung, die von einer gescheiterten Familie und einer schmerzhaft scheiternden Liebe handelt, wird zum ruhigen, intensiven Bühnenmärchen um Menschen, die in ihrem Wesenskern Wunden tragen. Es ist Williams’ Absicht, in seiner „Glasmenagerie“ die Geschichte einer (seiner) Familie im Rückblick zu erzählen. Der Erzähler ist der Nestflüchter Tom Wingfield.

Es geht um eine Mutter, die sich in veralteten Vorstellungen einer idealen Familie verfangen hat und verzweifelt versucht, die Wirklichkeit mit diesem Ideal in Einklang zu bringen – und daran scheitert. Und es geht um eine Schwester, die verkrüppelt und sehr zurückgezogen, aber eigentlich ein Tresor voll Licht und Glück ist. Tom führt das Publikum von außen an die Geschichte heran. Dieses Unterfangen benötigt einen Blick der Distanz, einen Anlauf, der das Geschehen dann umso näher bringen kann.

Hier setzt Grunerts Inszenierung punktgenau und völlig logisch ein: Sie spielt sich ab hinter einem Maschendrahtzaun (Bühne: Helmut Stürmer), einem Mitmenschenzoo, vor dem eigentlich nur Tom (souverän: Sebastian Gerasch) sich in Freiheit bewegen kann. Dahinter die Mutter (etwas sehr gespreizt: Julia Jaschke) in unechter, greller Schminke, sich zumeist vor dem Spiegel zurechtmachend und damit doch nie fertigwerdend, zeichenhaft ihr konsequent falsches Leben führend. Die Menschen in dieser Inszenierung hinterm Zaun sind Inseln, sie berühren einander kaum, halten Distanz, weil alles längst zu Bruch gegangen ist: Grunert unterstützt Williams’ Distanz noch, indem er auf dessen Angebote zur Realitätsnähe fast gänzlich verzichtet und stattdessen einen Märchenraum öffnet. In dessen Zentrum nun und im Zentrum der gesamten Inszenierung sitzt Toms Schwester Laura, sitzt im Bühnenzentrum auf einem Lichtkasten, inmitten ihrer glitzernden Glasmenagerie.

Was für ein Bild: Sie ist ja selbst so zerbrechlich wie die Exponate, die sie umgeben. Grunert fährt viel auf – Musik, Unterlicht, traumähnliche Tanzsequenzen –, um Laura als feenhaftes Zentrum der Geschichte zu präsentieren. Er meidet auch einen Schuss Kitsch nicht. Aber das funktioniert. Und wie. Die Inszenierung mit ihrem notwendigen Anlauf biegt jetzt auf die zentrale, von Julius Bornmann und Cornelia Pollak grandios gespielte, intime, geduldig aufgebaute Szene eines großen Missverständnisses ein: Wie er ihr Selbstbewusstsein geben will und sie in ihm die große Liebe erkennt. Wie dabei ein kurzer Moment des Glücks aufleuchtet. Und wieder endet. So etwas hat man in dieser Intensität in Landshut lange nicht mehr gesehen.

Christian Muggenthaler, Landshuter Zeitung, 25.11.2013

-----

Eine berückend poetische „Glasmenagerie“
Tennessee Williams’ Bühnenklassiker in den Landshuter Kammerspielen: Sven Grunerts Inszenierung lässt darin das kleine Lebensglück sanft erstrahlen.

Nein, sie ist keine indische Gottheit, die auf funkelnden Schätzen thront. Laura hat ein kleines Handicap. Sie ist schüchtern. Statt in die Schule zu gehen, flüchtet sie in Traumwelt ihrer Glasmenagerie, kleine Glastierchen, in denen das Licht sich bricht – so wie eine Vision, wie das Leben auch sein könnte.

Tennessee Williams ist ein Meister in der Darstellung menschlicher Frustrationen. Und Sven Grunert, Intendant der Landshuter Kammerspiele, ist als Regisseur ein Meister im Entdecken der Poesie. Seine Inszenierung der „Glasmenagerie“ ist ein Kleinod schauspielerischen Ausdrucks geschundener Figuren. Ein bisschen Glück erleben sie alle. Sven Grunerts Kunst entdeckt dieses Glück und beleuchtet es wie einen Schatz.

... Amanda (Julia Jaschke) ist als Mutter ... die schrille Inkarnation ständiger disziplinarischer Anweisungen in Endlosschleife – kaum zum Aushalten ... Hinter einem Theaterspiegel der Maske, regelrecht eingerahmt, wechselt Julia Jaschke zwischen Jugend- und Jetztzeit. Im roten, engen Kleid, die Haare für die Perücke unter dem Haarband kaum sichtbar, wird sie statt zur „sabbernden Hexe“ zur Verführerin von der traurigen Gestalt. Doch sie hat den Zauber des Lebens zumindest geträumt. Das ist Julia Jaschkes sympathische Interpretation, mit der sie schon als Blanche verzauberte.

Kein Wunder, dass Tom sich mit Kino und Alkohol zudröhnt. Sebastian Gerasch wechselt gekonnt zwischen dieser Loserrolle und der distanzierten Erzählerfunktion. Über das Mikro bekommt seine Stimme eine suggestive Milde, die die Geschichte in ihrer subtilen Emotionalität heranzoomt, intensiviert wird das durch Sven Grunerts ausgesprochenes Gespür für Musikeinspielungen, unter anderem mit der pulsierenden Eindringlichkeit von René Aubreys Kompositionen.

Herzstück ist die Begegnung Laura mit Toms Arbeitsfreund Jim. Als Verkupplungsversuch inszeniert, entwickelt sich tatsächlich ein Frühlingserwachen magischer Anziehung von zwei Außenseitern, in dem sich die mütterlichen Lebensstrategien zu erfüllen scheinen. Laura, die eingesperrte Prinzessin, unter der Bühne im beleuchteten Rechteck gegen die gläserne Oberfläche ihrer Glasmenagerie hilflos tastend, wagt den Aufstieg. Sie klettert die Feuerwehrleiter hoch, entspannt in Jim Armen bei ein paar Tanzschritten. Das sind hinreißende Sequenzen. Wie Phönix aus der Asche gelingt Cornelia Pollak die Verwandlung vom Krüppel in ein hübsches Mädchen. Die Schulter hochgezogen, die Arme spastisch verquer, beginnt sie Kraft aufkeimender Gefühle zu wollen, zu küssen, neu zu bewerten. Dass Jim das Einhorn zerbricht, macht ihr nichts mehr aus. Endlich ist sie wie alle anderen Mädchen.

Julius Bornmann zeichnet diesen Jim überaus sensibel. Auch er wiederholt die Rosenkranzlitaneien der Mutter, doch mit wieviel Feingefühl! Was ist schon ein Handicap? Laura hat dafür ganz andere Vorzüge, weil sie anders ist als die anderen. Ja, so könnte ein Happy End gelingen. Aber der amerikanische Lebenstraum gelingt bei Tennessee Williams nie. „Die Zukunft wird Gegenwart und die Gegenwart Vergangenheit und Vergangenheit zur Reue, wenn man die Zukunft nicht plant“ bleibt eine leere Floskel ...

Die atmosphärische Poesie, hier märchenhaft schön zwischen safranfarbenen Kleidchen Lauras, Kerzenflackern und Glasgefunkel, wird von der Realität schachmatt gesetzt. Jim durchschaut den Plan. Doch als er geht, ist ihm das Herz schwer. Auch Tom kann in der Ferne seine Schwester nicht vergessen, die wie eine indische Prinzessin getötet auf dem Altar der Glasmenagerie liegt und als Symbol der Poesie in den Herzen bleibt.

Michaela Schabel, Mittelbayerische Zeitung, 25.11.2013 und Landshut aktuell, 27.11.2013

-----

Eine Wohnung, vier Menschen und purer Seelenstriptease
Sven Grunert inszeniert Tennessee Williams' Glasmenagerie im Kleinen Theater

Was für eine Ausgangssituation: Eine quasi von der Außenwelt abgeschnittene Wohnung, vier in sich zerrissene Menschen und purer Seelenstriptease – für einen außergewöhnlichen Regisseur wie Sven Grunert zweifellos ein wahres Paradies. Tennessee Williams' Erstlingswerk „Die Glasmenagerie“, vom Autor melancholisch als „Spiel der Erinnerungen“ untertitelt, zeigt auch fast 70 Jahre nach der Uraufführung noch immer auf geradezu exemplarische Weise das qualvolle Sterben von Sehnsüchten, Träumen und Wünschen im Mikrokosmos einer die Realität beständig unter den Teppich kehrenden Familie.

Sven Grunert inszeniert Williams‘ Textbuch überaus subtil, fast schon poetisch, nimmt sich sehr viel Zeit und seziert die Charaktere auf messescharfe Weise. Langsam, ganz langsam dreht Grunert im Lauf des Stücks an der Eskalationsschraube und fordert von seinem erlesenen Schauspielerquartett wie auch von seinem Publikum innerhalb der pausenlosen zwei Stunden brillanter Psycho-Studien volle Konzentration. Faszinierend, wie Grunert mit seinem langjährigen Bühnenbildner Helmut Stürmer die titelgebende Glassammlung zum Zentrum des Bühnenbildes gemacht hat. Inmitten von unzähligen Exponaten sitzt eine schüchterne junge Frau auf eineinhalb Quadratmetern Lebensraum, innerlich so zart und zerbrechlich wie ihre Glasmenagerie.

Ein gigantischer Theatermoment, von Licht und Ton auf Staatstheaterniveau unterstützt. ... Julia Jaschke gelingt als Amanda das Kunststück, der nur vordergründig als Nervensäge gezeichneten Mutter Tiefe und Tragik zu verleihen – und diese Rolle ist wahrlich nicht leicht zu spielen. Sebastian Gerasch zeigt als zwischen Familie, Job und Kino-Traumwelt pendelnder Sohn Tom mit einer sympathischen und dennoch geheimnisvollen Aura ein vielschichtiges und sehr glaubhaftes Rollenporträt. Cornelia Pollak als Laura besticht zunächst vor allem im stummen Spiel durch enorme Bühnenpräsenz und bietet im zweiten Teil, wenn ihr angeblicher Verehrer Jim (Julius Bornmann mit gewohnt starker Performance) die Szene bereichert, einen berührenden Einblick in die Seele der Figur.

Jetzt nähert sich das Geschehen seinem unstrittigen Höhepunkt, denn just in dem Moment, als sich Laura und Jim im Tanz begegnen, vereinigen und wieder trennen, hat Grunerts Inszenierung wirklich etwas magisches und man spürt, wie die Zeit für einen Moment stillsteht. ... Regie und Darsteller agieren auf enorm hohem Niveau und zeigen das auch in bewundernswerter Virtuosität. ... Das Premierenpublikum applaudierte heftig und sehr lang.

Thomas Ecker, Wochenblatt, 27.11.2013

------

Zerbrechliche Wesen – “Die Glasmenagerie” von Tennessee Williams in Landshut

Bereits am 22. November feierte Sven Grunerts Inszenierung von Tennessee Williams’ bekanntem Bühnenwerk „Die Glasmenagerie“ in Landshut Premiere. Das Drama wurde im Jahr 1944 uraufgeführt und erzählt die Geschichte der Familie Wingfield aus der Sicht des Sohnes Tom, der es seinem Vater gleichgetan hat und spurlos verschwunden ist. Zusammen mit seiner Schwester Laura und seiner Mutter Amanda lebte er in einer ärmlichen Wohnung. Nachdem sie vom Vater verlassen wurden, musste Tom die Familie als Arbeiter in einer Schuhfabrik ernähren. Laura ist kaum merklich körperlich behindert und traut sich deshalb nicht in die Öffentlichkeit; ihre Mutter Amanda lebt nur in ihrer Jugend und will unbedingt einen Liebhaber für ihre Tochter finden, der die Familie unterstützen kann. Tom lädt deshalb Jim ein, einen Kollegen und Freund aus der Fabrik. Laura kennt Jim bereits aus ihrer Schulzeit und war verliebt in ihn. Auch er scheint sich zu dem schüchternen Mädchen hingezogen zu fühlen, hat jedoch bereits eine feste Beziehung.

Die Inszenierung Grunerts kommt ohne große Gesten aus. Die Figuren sind anfangs sehr in ihre eigene Welt verkapselt. Die Mutter macht sich hinter dem Spiegel zurecht, Laura sitzt auf einem Glasboden, umgeben von ihren geliebten gläsernen Sammlerstücken. Alleine Tom bricht öfter aus der beengten Wohnung aus und redet vor der „Wand“ zum Publikum.

Problematisch war für mich ab und zu das Bühnenbild, da das Bühnenbild von Helmut Stürmer. Vor der Bühne war eine Wand aus Maschendraht mit Fenstern und Türen. Jedoch versperrten die Rahmen der einzelnen Elemente zumindest mir oft die Sicht auf die Gesichter mancher Darsteller, wenn sie an dem Spiegel oder Lauras Glasboden saßen. Ein kleines aber großartiges Detail ist die Feuerleiter, die den – in ihrer Welt eingesperrten – Figuren oft als einziger Fluchtweg zu dienen scheint, wenn sie einer unangenehmen Situation ausweichen wollen. Beeindruckend ist auch die Szene, in der Amanda und Tom sich über Laura unterhalten und sie unter ihrem Glasboden erscheint.

Das kleine Ensemble kann ganz klar die Spannungen zwischen den vier Figuren darstellen. Cornelia Pollak spielt eine zurückgezogene Laura, die kaum aus ihrer eigenen kleinen Welt aus Glastieren Glasmenagerie 1herauskommt und erst in Gegenwart von Jim aufzublühen scheint. Julius Bornman als ebender ist das genaue Gegenteil, er geht ohne Scheu auf das junge Mädchen zu. Doch während es zu Beginn ihrer Begegnung Laura ist, die mit den Worten ringt, wechseln perfektes Leben aufzwingen will. Sie versucht immer als ihm damit seine Freiheit von der strengen Mutter winkt. Er gibt den Lebemann und versteckt dahinter doch nur die Unzufriedenheit mit seinem ganzen Leben. Die Inszenierung ist auf jeden Fall sehr sehenswert und nicht alltäglich! Das Stück ist sicher keine leichte Kost, aber eines der besten Werke Williams’!

mako89, theatertogo, 12. Dez. 2013

undefinedzur Inszenierung

 

 

Amanda (Julia Jaschke) und Laura (Cornelia Pollak)

« Zurück | Alle Nachrichten »