im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2017 / 2018

Pressestimmen zu "Die Nibelungen"

Brunhilde inmitten der „blonden Bagage“ der Nibelungen
Barbara Katz interpretiert nach einem Text von Diana Anders „Die Nibelungen“ gegen den Strich

Groß ist der Mythos der „Nibelungen“. Im Literaturkanon der Schulen als wichtiger Bildungsbaustein fest verankert, werden über diesen ersten mittelalterlichen Versroman schon in jungen Jahren Rollenklischees verankert und der Niedergang der barbarischen Völkerwanderungszeit veranschaulicht.

Im Mittelpunkt steht der Held Siegfried, der von Hagen im Auftrag seiner Herrin Brunhilde ermordet wird. Krimhilds Rache führt im Teil zwei zum vollständigen Untergang der Nibelungen. Vorbei ist die Zeit der Barbaren, die Zeit von bedingungsloser Treue und Rache. Eine neue Ära, das katholische Mittelalter kann beginnen.

Barbara Katz macht im Kleinen Theater daraus „Eine mordsmäßige Bühnen-Show, 5000 Mitwirkende“ von ihr selbst dargestellt und der Clou ist, dass sie die ganze Geschichte aus der Perspektive Brunhildes schildert. Wie bei der originellen Inszenierung von „Frau Luther kocht“, erzählt Barbara Katz aus dem Rückblick einer starken Frau, die das Leben voll durchschaut, schnoddrig abgeklärt, mit Witz, Charme und Charisma die Nibelungensaga.

Der Text mit seiner erfrischenden oppositionellen Sicht der Dinge stammt wieder aus der Feder von Diana Anders. Unter ihrer Regie, nicht zuletzt durch die originell wandelbaren Kostüme (Hedi Katz) und die ironischen Requisiten, gelingt ein amüsanter Theaterabend mit ganz neuen Einsichten.

Brunhilde, stärkste Frau der Welt, sinniert über ihre Jugendjahre. Alt und arm hat sie das Leben gemacht. Als Mischung von Marketenderin und Pennerin zieht sie mit ihrem altersschwachen Pferd Grane durch die Lande und lässt vor einem Tableau aus Vorhängen à la Wanderbühne die Reise vom Isenstein (Island) über das Meer und rheinaufwärts nach Worms lebendig werden. „Die Götter antworten einfach nicht“ und die „blonde Bagage“ der Nibelungen ist schon lange tot. Sie packt Gunther, Hagen, Kriemhild und Siegfried als Stroh-Handpuppen von der Pferdeattrappe und schon beginnt die amüsante Nibelungenparodie.

Keines der bekannten Szenarien fehlt: weder Dreikampf noch Brautnacht. Das Interessante ist, dass diese Brunhilde die Szenen wie tradiert spielt, aus der Perspektive der Wissenden, gleichzeitig kritisch kommentiert und entsprechend parodiert. Gunthers Dreikampf ist durch Siegfried gedopt, nicht minder die Brautnacht, die letztendlich in einer Vergewaltigung ausartet. Die Antwort ist nicht eine feministische Tragödie, sondern eine komödiantische Groteske als erheiternde Unterhaltungsshow.

Pferd Grane wird zur Discokanzel, auf der Barbara Katz per Mikrofon oder via Keyboard Live- und Karaokeatmosphäre zaubert, mit Wagners Arien wird die Heldenhaftigkeit der Nibelungen unterminiert. Mit dem „Walküren-Ritt“ parodiert Brunhilde selbst ihre göttliche Abstammung. Heerscharen von Reitern nähern sich akustisch. Gute-Laune- und Herz-Schmerz-Schlager decouvrieren die nicht vorhandenen Liebesbeziehungen, zwischendurch vereinzelt mittelhochdeutsche Formulierungen und Sprechduktus à la Poetry-Slam.

Herzerfrischend wandelt sich Barbara Katz immer wieder selbstironisch in einen ganz neuen Frauentyp. Als die Sinnesfreude Brunhilde die kämpferische Kraft nimmt, wird aus der mächtigen Königin in Schneeweiß ein üppiges Weib in roter Korsage mit romantischem Blumenrock, schließlich reduziert auf den schrägen Sex-Appeal einer aufgepeppt schrillen Schönheit. Das Alter ersetzt Sinneslust durch materielle Gier. Männliche Trieblust wird nur noch befriedigt, wenn es eigene Interessen durchzusetzen gilt. Das alles inszeniert Barbara Katz mit großem Augenaufschlag, clownesker Mimik, sinnlicher Körpersprache, tänzerischer Eleganz, frech und keck, unterfüttert mit einer großen Portion Altersgelassenheit.

Am Schluss bleibt Brunhilde übrig, aber sie kommt im zweiten Teil ohnehin nicht vor, weshalb er sich im Gegensatz zum Original ganz kurz und knackig erzählen lässt. „Es geht mir gut“ resümiert sie am Schluss voller Schalk, und braust auf Grane als Rockerlady in ein neues Leben davon.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 22. November 2017

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