im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2012 / 2013

Pressestimmen zu "DIE WAHRHEIT"


Michel, erfolgreicher Geschäftsmann, gut in Schuss und Betrieb,
hat ein Verhältnis mit Alice, der Frau seines besten Freundes Paul, und versucht, diese heimliche Hotelbeziehung mit den Mitteln des Lugs und Trugs zu verbergen. Er kommt sich herrlich geschickt vor, wie er ständig den Alltag nach links dreht, Ausfluchten und Ausflüchtchen sucht. Michel zieht viel Selbstwertgefühl aus dem Bewußtsein, ein guter Lügner zu sein - bis sich die Wirklichkeit für ihn und die Zuschauer auf verblüffende Weise enttarnt.

In Florian Zellers Komödie ´Die Wahrheit´ kommt das Nachdenken über die Wirklichkeitsebenen des Alltags und den möglichen Wert des Lügens um des lieben Friedens willen in der Form einer Boulevardkomödie daher. Und so beginnt - logisch genug - Matthias Eberth seine Inszenierung mit der handelsüblichen Bettgeschichte, aus der er dann genüsslich den sich zwischen Un-, Halb- und Ganzwahrheiten verheddernden Plot entwickelt. Es ist amüsant, wie Michel da die Treffer des Lebens ständig aus unvermuteter Richtung erhält - und Eberth setzt diese präzise.

Dazu zeigt Hannes Liebmann einen Michel, der malerisch von seiner anfänglichen sehnigen Selbstsicherheit immermehr ins Selbstmitleid abrutscht. Er ist der tragische Held, der erkennen muss, dass er, der geglaubt hat, der große Manipulator zu sein, selbst ständig manipuliert worden ist. Aus dieser Tatsache speist sich ein großer Teil der Komik. Zeller lässt Personal und Zuschauer darüber reflektieren, wann und wo es eigentlich legitim ist zu lügen - wo schützt die Lüge das Miteinander und wo nur die eigene Bequemlichkeit?
Diese Frage ist ohnehin das Leitthema der Saison im ´kleinen theater´. In Goldonis ´Diener zweier Herren´ging es um den Betrug durch den Klugen zum Selbsterhalt, in Paul Kaisers ´Dr. Wahn´um verschiedene physikalische und philosophische Weltwahrnehmungs- und erklärungsmodelle.

Und jetzt eben ´Die Wahrheit´: ein kleines Moralseminar mit Stefan Lehnen als charismatischem, in sich ruhenden Freund Paul, Nicola Trub als zwischen Coolness und Zuneigung oszillierender Ehefrau Laurence und Stefanie von Poser als munterer, liebenswerter Alice. Alle drei gewinnen zunehmend an Souveränität, während Michael (Hannes Liebmann) an ihnen mehr und mehr abgleitet: eine Umkehrung der Verhältnisse. Zwischen wahr und unwahr passt eben eine ganze Menge Leben."

Christian Muggenthaler, Landshuter Zeitung, 23. Oktober 2012

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Es ist ein Kreuz mit der Wahrheit, gerade in Liebesdingen.
Wo ist die Wahrheit verlogen, wo die Lüge wahrhaftig?

Der Autor Florian Zeller aus Paris hat aus diesen ewigen Fragen der (lügenden) Liebenden eine flotte Komödie namens ´Die Wahrheit´ gezaubert. Wir lernen im kleinen theater den Schwerenöter Michel kennen. Seit 15 Jahren verheiratet mit Laurence. Mit Alice, der Frau seines besten Freundes Paul, im Bett. Diese will das Versteckspiel mit Schäferstündchen im Hotelzimmer nicht mehr länger mitmachen. ´Mich zerstört es, ihn zu belügen´, jammert sie. Michel beschwichtigt: ´Du belügst ihn nicht, du sagst ihm nur nicht die Wahrheit.´ Wie alle Schwerenöter glaubt Michel sein Doppelleben im Griff zu haben. Womit er sich längst selbst belügt. ´Ich liebe dich über alles´, flunkert er seiner Gattin vor. ´Warum schlafen wir dann nicht mehr miteinander?´, blafft sie schroff zurück.

Es kommt, wie es kommen muss in einer abgründig-guten Beziehungskomödie: Männlein und Weiblein belügen sich, dass sich die Balken biegen. Und all diese Lügen fliegen ihnen beinahe schneller um die Ohren, als sie ausgesprochen werden. Paul eröffnet dem total perplexen Michel, dass er wiederum eine Affäre mit Laurence hat. Was jene, zur Rede gestellt, natürlich abstreitet. Ob dieser unfreiwillige Partnertausch eher Komödie oder Tragödie ist? Michel: ´Das weiß man bei den Frauen nie.´ Zu leicht? Zu seicht? Ach woher! ´Die Wahrheit´ ist ein herrliches kleines Stück bester Boulevard- Unterhaltung. Rasant im Dialog, treffsicher in den Pointen, trotz der wenig überraschenden Zwei-plus-zwei- Konstellation lässig in der Lage, das Premierenpublikum eineinhalb Stunden bei Laune zu halten. Was natürlich auch ein Verdienst der Schauspieler ist. Allen voran Hannes Liebmannn, der einen herrlich naiven Möchtegern-Casanova gibt. Stefanie von Poser als nervenschwaches Blondchen Alice und Nicola Trub als abgebrühte Gattin Laurence sind wie geschaffen für diesen Intrigantenstadel. Und Stefan Lehnen als vermeintlich gehörnter bester Freund zeigt, was auf der Bühne und im wahren Leben eine Harke ist.

Wie viel von diesem flotten Spiel von den Mimen kommt, wie viel von Regisseur Matthias Eberth und Dramaturgin Maja Nemere? Egal! Hauptsache, es funktioniert. Ein leichtfüßiger Spaß, in dem Michel/ Hannes Liebmann seiner Frau sogar noch einen Satz wie Donnerhall um die Ohren hauen darf: ´Ich verspreche dir, dich ab heute besser zu belügen!´"

Christian Blümel,  Wochenblatt, 24. Oktober 2012

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Wahrheit oder Lügen?
Zellers Beziehungskomödie ´Wahrheit´ im kleinen Theater

Wer liebt hier wen? Alice liegt seit sechs Monaten regelmäßig heimliche mit Michel im Bett, sein bester Freund Paul hat schon zweimal so lang, wie sich allmählich herausstellt, ein Verhältnis mit dessen Frau Laurence. Das klingt nach trivialer Beziehungskiste, ist es auch, doch das neueste Stück ´Wahrheit  des französischen Autors und Romanciers Florian Zellers im kleinen Theater Landshut spiegelt in der Oberflächlichkeit der Beziehungen seiner Figuren und den rhetorisch geschliffenen Dialogen nicht nur französische Frivolität, sondern heutigen Zeitgeist, Liebe in Verwechslung mit Sex und Selbstdarstellung, wobei Sehnsucht nach Nähe nicht gelingt, weil letztendlich jede Figur an der eigenen Egomanie scheitert. Im Beziehungsknäuel zweier fremdgehender Paare kristallisiert Regisseur Matthias Eberth die Frage nach dem Stellenwert der Wahrheit als roten Faden heraus.

Wie viel Wahrheit darf man den anderen zumuten? Gäbe es überhaupt noch Paare, wüssten sie um die Wahrheit? Lügen aus Respekt, um Verletzungen erst gar nicht entstehen zu lassen? Matthias Eberth gelingt eine packende Inszenierung zwischen Komödie und Kammerspiel, Witz und Ernst im designt reduzierten Wohnambiente zwischen Bett, Schreibtisch und Spiegelflächen. Nacktheit offeriert sich in voyeuristischer Spiegelung, Verführungsrituale werden charmant, subtil überzogen parodiert. In den symbolisch angelegten Bühnenbauten leuchten psychologische Untiefen auf. Umnebelt erscheint plötzlich Paul wie Mephisto aus der Fallluke, um mit Michel zu saunen. Jeder für sich in einen Hängekorb wie in einem Kokon schaukelnd signalisiert das Gesprächs-Wir unter Freunden das Gegenteil: zwei Ichs gefangen in der eigenen Denkweise (Bühne/Kostüm Luis Grüninger).

Die Figuren sind als Zeitgeisttypen angelegt, wobei Nationalitätenklischees aufgrund der Optik und Musik amüsant mitschwingen und gleichzeitig dezent wahrnehmbare psychologische Wesensveränderungen zu entdecken sind. Michel, von Hannes Liebmann als hyperaktiver, egozentrischer und effektivitätsorientierter Manager, typisch deutsch dargestellt, muss feststellen, dass er der am stärksten Belogene ist. Er glaubt alles zu managen, über Siege und Niederlage zu entscheiden, ohne zu merken, dass er schon längst von den anderen fremdbestimmt ist. Vor dem Absturz in tragisch komischer Fallhöhe schützt ihn nur die Lüge seiner tatsächlich besseren Hälfte. Stefanie von Poser als Alice weitet den Blick auf den modernen Frauentyp, zwischen lebenslustiger, aber zickiger, weil unbefriedigenden Geliebtenrolle und dem Bedürfnis nach Authentizität verändert die Wahrheit ihre Persönlichkeit in eine unterkühlte, distanziert beherrschte Frau.

Wesentlich sympathischer offerieren sich Laurence und Paul. Ihre Liebe scheint in der absoluten Heimlichkeit einen gewissen seelischen Nährboden zu haben. Laurence, von Nicola Trub mit französischem Charme in Szene gesetzt, unterdrückt die Tränen und behält konsequent das Geheimnis um ihre Affäre für sich, als sie erfährt, dass Paul endlich wieder eine Arbeit gefunden hat und ins Ausland geht. Paul, durch Stefan Lehnen mit italienischem Patrone-Charisma a la Mario Adorf mit Sympathiebonus, vordergründiger Verlierer geht aus diesem Lügengespinst als stoischer Sieger hervor, weil er mit der Wahrheit spielt, sie im rechten Moment strategisch einsetzt. Bei einer beschwingten Runde Salsatanz endet die Beziehungssoße komödienhaft in oberflächlicher alter Konstellation. Wahrheit oder Lügen? Diese Frage bleibt im Figurenquartett wie im Leben offen.  Matthias Eberth gelingt eine spannende Inszenierung der ´Wahrheit´, an der Michel (Hannes Liebmann) und Alice (Stefanie von Poser) scheitern."

Michaela Schabel,  Landshut aktuell, 24. Oktober 2012


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