im Spiegel der Presse

inszenierte Lesung der Spielzeit 2019 / 2020

Pressestimmen zu "DIE GESCHICHTE DER FRAU"

Sarah Grunert lässt im Kleinen Theater Landshut „Die Geschichte der Frau“ als szenische Lesung aufleuchten

Aus dem Glasfenster eines alten Schrankes lächelt Sarah Grunert. Sie öffnet die Schranktür, steigt heraus, und beginnt im Scheinwerferspot fünf geschickt ausgewählte Frauenschicksale aus Feridun Zaimoglus „Die Geschichte der Frau“ vorzulesen, jede ganz anders in einer anderen Epoche, von der Gegenwart bis in isländische Sagenwelt. Schon bei den „Sperrtagen 2019“ kennt man die Texte. Als szenische Lesung im Kleinen Theater, eingerichtet von Sven Grunert, kommen sie jetzt viel besser zur Wirkung. Sarah Grunert im Männerjackett und mit roten Lippen, ihre Hand mit Lippenstift umkreist als Symbol für Frauenpower am Schrankspiegel, zeigt Weg und Ziel der literarischen Reise.

Der gemeinsame Nenner dieser fünf Frauen ist ihre Klugheit. Sie durchschauen die Männer, und Sarah Grunert kristallisiert mit ihrer facettenreichen Stimme, ihrer ausdrucksstarken Mimik und fröhlich kessen Ausstrahlung die Stärken dieser scheinbar dominierten Frauen mit Schalk heraus. Die junge fremde Gastarbeitermutter wagt 1965 schon ungewöhnliche Wege. Sie verhindert durch kluges Dolmetschen eine multikulturelle Liebesbeziehung, die zu sehr auf materielle Vorteile des Mannes abzielt, und verlässt ihren Mann, der sich nicht vom Frauenbild seiner Heimat lösen kann.

Die junge Revolutionärin Lisbeth nutzt die Chance als einzige Frau 1848 an einer Wahlversammlung teilzunehmen, doch wählen darf sie nicht. Dieser aufgeblähten, lächerlichen Männer ist sie schnell überdrüssig. Aufrecht verlässt sie das Wahllokal.

Beim Kleiderwechseln findet Sarah Grunert einen Brief, summt „Was soll es bedeuten“ und schon ist sie mitten in der Rolle der Loreley, die ihre Jungfräulichkeit gegen die schmeichelnden Verführungskünste des Herrn verteidigt, wenn es sein muss mit dem Brotmesser, eine zauberhafte Posse. Der fiktive Dialog wird zur inspirierten Posse. Die Reise geht zurück ins Mittelalter, wo die lebenspraktische Klugheit einer Hexe eine schwierige Geburt und neues Leben ermöglicht, die Reaktionen auf ihre Ratschläge gleichzeitig das finstere Mittelalter karikieren und Schweigen der einzige Weg zum Überleben bleibt. Mit Brunhild, die nur mit Zauberkräften zu besiegen war, endet diese kleine „Geschichte der Frau“ schlicht mit der Anknüpfung an den Mythos der Wehrhaftigkeit der Frau, ein Prozess, der noch lange nicht beendet ist. Der Charme des Abends liegt in der gelungenen Auswahl der Geschichten, noch mehr in der inspirierten Präsentation von Sarah Grunert.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 20. November 2019 und  www.schabel-kultur-blog.de, 18. November 2019

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Stimmen aus dem Schrank
„Die Geschichte der Frau“ mit Sarah Grunert als szenische Lesung im Kleinen Theater Landshut

Das ist natürlich eine schöne Idee: Whitney Houstons Lied „I’m Every Woman“ als Einstieg zu benutzen. Denn Sarah Grunert ist alle diese Frauen, die wir in der kommenden Stunde sehen und hören werden. Grunert, Ensemblemitglied des Schauspiels Frankfurt, hat aus Feridun Zaimoglus Roman „Die Geschichte der Frau“ eine Handvoll der Protagonistinnen ausgewählt. Sie gibt ihnen, denen die von Männern bestimmte Geschichte den großen Auftritt versagt hat, im Kleinen Theater in Landshut eine Stimme.

Keine leichte Aufgabe: Zaimoglus Roman sperrt sich spielend leicht dagegen, von liebestollen Leseraugen gierig verschlungen zu werden. Es ist Sarah Grunerts Verdienst, diese Frauen durch ihre Bearbeitung und ihre Darstellung mit frisch aufgetragenem Lippenstift, blitzenden Augen und verschwörerischem Lächeln überhaupt greifbar zu machen. Durch sie werden die Frauen auch deutlich klarer unterscheidbar. Danke dafür!

Die Erzählerin entsteigt zu Beginn des Abends einem Schrank – noch stets ein magischer Ort, der ganze Welten bergen konnte –, aus dem sich auch die weiteren Geschichten speisen werden: Er enthält Kostüme und symbolische Requisiten für die einzelnen Texte.

Besondere Freude hat sichtlich Grunert selbst (und auch das Publikum) an der Darstellung der Lore Lay und Clemens Brentanos: Hinreißend ist es, zu sehen, wie die Magd den säuselnd vor der Tür um sie und für sich werbenden Dichter, der sie zur Heldin machen will, abwehrt. Sehr anschaulich war auch der Auftritt der Revolutionärin Lisette Bielstein, die sich 1949 allein unter Männern fand – und die sich weigert, als Frau als etwas Besonderes ausgestellt zu werden.

Am Ende lagen die Manuskripte und die Requisiten, die Grunert zu den einzelnen Frauenporträts benutzt, auf dem Tisch versammelt, unter anderem die Mini-Moschee zur Geschichte der Berliner Gastarbeiterin Leyla. Nach einer erhellenden Stunde ist Schluss. Erkenntnis: Der Roman ist immerhin vorlesbar.

Philipp Seidel, Landshuter Zeitung, 20. November 2019

Fotos: Christine Vinçon

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