im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2016 / 2017

Pressestimmen zu "GIFT. EINE EHEGESCHICHTE"

Rezension: Drinnen das „Gift“ und draußen die Welt – Spielzeiteröffnung im kleinen Theater bietet einen Abend von sehr seltener Intensität

Was für ein Kammerspiel: Mit „Gift“ von Lot Vekemans in der Inszenierung von Intendant Sven Grunert ist das kleine Theater am Freitagabend in die neue Spielzeit gestartet. Es war einer der besten Landshuter Theaterabende seit vielen Jahren. ...

Michael Stolzenberg, Guten Morgen Landshut, 8. Oktober 2016

-----

Gefangen im Gestern
Lot Vekemans „Gift. Eine Ehegeschichte“ im Kleinen Theater Landshut 

Es ist erstaunlich, wie oft ich etwas tue, das ich nicht tun will, und wie oft ich etwas nicht tue, das ich tun will.“ Ist Einsicht der erste Schritt zur Besserung? Vielleicht. Dem Mann, der diesen Satz sagt, scheint die Erkenntnis geholfen zu haben. Er sagt ihn zu der Frau, die er einmal geliebt hat und mit der er einen Sohn hatte, als sie sich in der Halle eines Friedhofs wiedersehen. Nach neun Jahren der Trennung und des Schweigens.

Das ist der Rahmen für das Stück „Gift. Eine Ehegeschichte“, das am Freitag im Kleinen Theater Landshut Premiere hatte. Es kreist um ebenjenes Thema, das der Mann auf den Punkt bringt, um Vergangenheit als Last und Chance.

Intendant Sven Grunert inszeniert es kühl in schwarzem, minimalistischem Bühnenbild: drei angedeutete Grabsteine im Hintergrund, davor indirekte Beleuchtung, drei Bänke. Die Nüchternheit eines Ortes der Trauer. Regen prasselt unentwegt, was der Szenerie mal eine unwirtliche, mal gemütliche Atmosphäre gibt. Was der Mann tat und nicht wollte: weggehen, die Frau verlassen. Was sie wollte und nicht tat: neu anfangen. Der Tod des Sohnes hat beide auseinandergebracht, aus unterschiedlichen Gründen. Jetzt soll der Sohn umgebettet werden, daher das Treffen der namenlosen Eltern.

Es ist eine Begegnung wie auf kleinen, taumelnden Eisschollen. Die Vertrautheit ist abgekühlt, beide tasten sich aneinander heran, vorsichtig, um nicht ins Eiswasser zu fallen. Dann ein aufeinander Zugehen. Eine Art Aussprache, auch bislang unausgesprochener Anschuldigungen, die herausbrechen. Aber: Er hat den Tod des Sohnes angenommen und kann dadurch weiterleben. Sie kommt nicht von der Trauer los und sucht nach wie vor nach Antworten, ist verbittert. „Gift“ verhandelt unterschiedliche Wege, mit Verlust umzugehen, sei es des Sohnes oder der Liebe. Das Verhältnis der beiden früheren Partner wandelt sich von kühler Betrachtung zu einer vorsichtigen Wiederannäherung.

In Kombination mit der sparsam und klug eingesetzten Musik wandelt sich auch das Bühnenbild vom abweisenden Ort zum geschützten Raum. Der Wendepunkt allerdings ist eine schlichte, tatsächlich aber große Geste des Mannes, als er bemerkt, dass sie für dieses Treffen getrickst hat. Und die Frau, die diese Geste deuten und schätzen – und so zum ersten Mal loslassen kann.

Louisa Stroux und Sebastian Gerasch vermögen die Ex-Partner in pausenlosen 75 Minuten mit Leben zu füllen, mehr noch: ihnen eine Geschichte zu geben. „Ich sehe eine gescheiterte Vergangenheit“, sagt sie, und auch der Zuschauer hat das vor Augen. Und er: „Aber wo würdest Du neu anfangen? Und woher weißt Du, dass es danach besser wird?“ Das sind nicht aufgesagte Sätze, sondern eindringlich gespielte Leben – die am Ende gar eine versöhnliche Wendung nehmen. Vor allem die Frau macht eine starke Wandlung durch, die Stroux’ hervorragendes Spiel schön deutlich macht.

Der Zuschauer verfolgt die Entwicklung der beiden, manchmal vergessend, dass sich dahinter fabelhafte Schauspieler verbergen, und ertappt sich oft bei innerlichem Einvernehmen. Was hier passiert, ist teils schmerzhaft, weil es so menschlich ist. Doch der Mensch ist eben auch fähig, weiterzugehen. Und es ist allzu menschliche Hoffnung, die den Zuschauer in die dunkle Nacht entlässt.

Katrin Filler, Landshuter Zeitung, 10.Okt. 2016

-----

Wie gehe ich mit Trauer um?
Mit „Gift. Eine Ehegeschichte“ hat die neue Spielzeit im Kleinen Theater begonnen

Zwei Philosophien treffen aufeinander. Er (Sebastian Gerasch) beginnt Neues, sie (Louisa Stroux) verharrt im Leid. Landshut. Zehn Jahre haben sie sich nicht gesehen. Jetzt treffen sie sich in der Wartehalle eines Friedhofs. Der vor zehn Jahren verunglückte Sohn soll umgebettet werden, weil der Boden vergiftet ist. Doch das ist nur fiktiver Vorwand der Frau, wie sich später herausstellt, damit sie ihren Exmann wiedersehen kann.

Dramaturgisch sehr geschickt, mit viel Gespür und Wissen um die menschliche Problematik von Trauer baut die niederländische Autorin Lot Vekemans dieses Eheszenario auf. Der vergiftete Friedhof wird zur Parabel einer vom Leid vergifteten Beziehung. Schritt für Schritt kristallisiert sich heraus, dass beide immer noch unter der zweifachen Trennung leiden, der vom Sohn und der vom Partner.

2009 in Gent uraufgeführt, 2013 am Deutschen Theater Berlin und vielen anderen Bühnen gespielt, eröffnet Sven Grunert im Kleinen Theater mit diesem sehr ernsten Stück mutig die neue Spielsaison. Seiner erstklassigen Inszenierung ist es zu verdanken, dass der hörspielartige Dialog als Theater funktioniert und nachklingt. Konträr zur bisherigen Inszenierungspraxis beginnt Sven Grunerts „Gift“ im Dunkel der Nacht. Die Regentropfen sind groß wie Seifenblasen. Sie zerplatzen nicht – Sinnbild einer kleinen Hoffnung. Drei düstere Kuben, der mittige Kleinere grün erodiert, lassen einen Friedhof assoziieren; mehr noch, statt Familiengrab individuelles Leben nebeneinander bis in den Tod. Ein pulsierendes Klangmuster entführt in das Reich der Trauer.

Giftgrün glitzerndes Rinnsal überschreitend kehren Mann und Frau gleichnishaft aus dem Totenreich zurück in die ernüchternde Wirklichkeit der Trauerhalle. Im grellen Galerielicht altert die hübsche junge Frau schlagartig um Jahrzehnte. Louisa Stroux spielt sie mit vielen Facetten. Müde, verhärmt spiegelt sich in ihrem Gesicht die Verbitterung dieser Frau, deren Fröhlichkeit immer aufgesetzt wirkt und sich zunehmend als suchtmanipuliert entpuppt. Die Trauer macht sie schlaflos, süchtig nach Schlafmitteln, ihre ständige Selbstreflexion süchtig nach Schmerz. Nie ist sie, wie sie sein möchte. Sie steht sich selbst im Wege, spielt nur Rollen, ohne sie wirklich zu leben und zu genießen.

Wie Louisa Stroux diese Rollen präsentiert, überzeugt in ihren Vorwürfen und Aggressionen, wirkt in der gebrochenen Artikulation, in der der ursprüngliche Dialekt immer wieder durchkommt, nicht wirklich glaubwürdig. Ganz anders der Mann. Sebastian Gerasch zeichnet ihn wunderbar ruhig, tiefgründig und sehr ehrlich. Er hat den positiveren Text und bringt die darin enthaltenen Perspektiven zum Klingen, wenn er um die schönen Bilder der Vergangenheit ringt und seine Exfrau mit Empathie analysiert, obwohl sie sein Leid völlig ignoriert. Jeder auf einer Bank bleibt die Distanz zwischen den beiden zunächst groß. Doch als der Mann von seiner schwangeren neuen Frau erzählt, rüstet sie zum verbalen und taktilen Nahkampf auf. Zwei Lebensphilosophien treffen aufeinander. Etwas Neues anfangen oder verharren? Während die Frau in der Spirale des Selbstmitleids kreiselt, findet er über das Singen in einem Männerchor neue Lebenskraft. Subtil gelingt beiden unter der Regie von Sven Grunert immer wieder eine kurze Annäherung. Wie im Tanz dreht sie sich an ihn heran, ganz sanft zieht er sie zu sich. Er weiß um die Kraft, etwas Neues zu entdecken, und kann ihr das geben, was sie braucht. „Festhalten!“.

In Sven Grunerts Interpretation geht nicht jeder einfach seiner Wege, so der Text. Das resignative Resümee „Mehr können wir daraus nicht machen“ wird durch die wunderbare Schlussszene entkräftet. Er hält sie fest und singt ihr wie einem Kind ein Lied vor. Ein kleiner Kuss wird zur Botschaft des gegenseitigen Verstehens und möglichen Wiedersehens auf einer neuen emotionalen Basis. Ein typischer Sven-Grunert-Ausblick.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 12. Oktober 2016

-----

Ganz nah dran an Blicken und Tränen
Sven Grunert inszeniert "Gift. Eine Ehegeschichte" im Kleinen Theater

Für Theaterstücke wie "Gift. Eine Ehegeschichte" ist das Kleine Theater im Rottenkolberstadel eine unschlagbare Location. Face to Face mit den Darstellern hat man das Gefühl, als würde man als Zuschauer irgendwie zur Szenerie dazu gehören, als wäre man auf der anderen Seite des Raumes postiert, in dem das zwischenmenschliche Drama passiert. Jeder Blick, jedes Zittern, jede Träne ist ganz nah, die vierte Wand ist aufgelöst.

Tragik einer irgendwie absurden Situation

„Gift. Eine Ehegeschichte“, das Psycho-Drama der holländischen Autorin Lot Vekemans, mit dem am vergangenen Freitag die neue Spielzeit im Kleinen Theater eröffnet wurde, vereint ein getrenntes Paar nach zehn Jahren am Grab ihres Kindes, das wegen angeblichem Giftgehalt im Boden verlegt werden muss. In der Tragik dieser irgendwie absurden Situation offenbaren die beiden Menschen die unterschiedlichen Stadien ihres Schmerzes und ihrer Trauer.

Es dauert allerdings schon eine Weile, bis Lot Vekemans alle Claims der Geschichte abgesteckt hat und genau die Informationen hochgekocht sind, die das Publikum unbedingt braucht, um in den unaufhaltsamen Strudel der Emotionen hineingezogen zu werden. Für mich ist der Autorin diese Einführungsphase zu lang geraten. Sei’s drum.

Als aber der von Sebastian Gerasch verkörperte männliche Part seiner Ex (Louisa Stroux) gesteht, dass er eine neue Partnerin hat, die ein Kind von ihm erwartet, fallen die Dominosteine unaufhörlich und unaufhaltsam. Intendant Sven Grunert inszeniert „Gift. Eine Ehegeschichte“ in einem kohlrabenschwarzen Aussegnungshallen-Ambiente, das von unbarmherzigen Neonleuchten erhellt wird, mit der ihm ureigenen subtilen Detailgenauigkeit und dem sicheren Gespür für Atmosphäre. Gekonnt trägt er mit der ganz kleinen Feile Schicht um Schicht der seelischen Verletzungen der Protagonisten ab.

Es ist eine bewundernswerte Gabe von Grunert, dass seine Figuren im Laufe der Handlung den Schauplatz der Theaterbühne immer mehr verlassen und eine im wahrsten Sinne des Wortes erschütternde Natürlichkeit erlangen. Das sind kostbare Momente. Man ist Zeuge einer echten, einer wahrhaftigen, einer berührenden Unterhaltung zweier vom Schicksal hart geprüften Menschen, die sich einmal geliebt haben und das im tiefsten Innersten ihres Herzens eigentlich immer noch tun.

Stroux & Gerasch agieren auf höchstem Niveau

Die mehrfach preisgekrönte Louisa Stroux, die dem Ensemble des renommierten Düsseldorfer Schauspielhauses zugehörig ist, durchlebt als einsame und verschlossene Frau, die in steter Regelmäßigkeit gnadenlos von der Vergangenheit eingeholt wird, die Hölle des Alltags. Faszinierend, wie es Stroux gelingt, diesen abgrundtiefen Charakter mit Leben zu erfüllen und wie sie in Sekundenschnelle in ihr altes Muster zurückfällt, sobald es einen Silberstreif am Horizont geben könnte. Einmal ist sie eine gefühlte Ewigkeit ganz allein auf der Bühne und liegt einfach nur da. Doch Stroux hält die Spannung aufrecht. Dass dazu nur ganz besondere Schauspielerinnen in der Lage sind, ist unbestritten. Auch Sebastian Gerasch agiert auf höchstem Niveau. Sein Part schaut nach vorne, ist der Schmerz auch noch so groß.

Doch dieser eindringlich porträtierte Optimismus ist trügerisch, die Risse dahinter sind nicht mal kurzfristig zu übertünchen. Das zu seiner Ex-Partnerin Hingezogen- und von ihr Abgestoßensein ist in Geraschs Interpretation mit Händen zu greifen. Ganz groß, wie er Louisa Stroux am Ende mit dem mit zitternder Stimme intonierten Leonard Bernstein-Song „It must be so“ aus der Operette „Candide“ aus ihrem Zusammenbruch holt. Dieser Gänsehaut-Song beinhaltet die Quintessenz von Vekemans Stücks. Wenn Sie ein wenig Zeit haben, hören Sie sich die Nummer – eventuell auch als Einstimmung auf den Besuch im Kleinen Theater – in Jerry Hadleys Interpretation unbedingt auf YouTube an.

Fazit: Mit „Gift. Eine Ehegeschichte“ ist Sven Grunert ein berührendes Psycho-Drama zur Spielzeiteröffnung seines Hauses gelungen. Zwei wunderbare Schauspieler veredeln eine durchaus außergewöhnliche Produktion, die man nicht so schnell abschütteln kann. Das zunächst mucksmäuschenstille Publikum im Rottenkolberstadel feierte die Beteiligten am Ende zurecht mit lang anhaltendem Beifall.

Thomas Ecker, Wochenblatt, 12. Oktober 2016

« Zurück | Alle Nachrichten »