im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2018 / 2019

Pressestimmen zu "Herbstmilch"

End­lich An­er­ken­nung !
Die Büh­nen­ver­si­on von „Herbst­milch“ am Klei­nen Thea­ter Lands­hut

„Akkurat die Wimschneiderin schreibt so ein Buch! Akkurat die!“ Anerkennung blieb Anna Wimschneider fast ihr ganzes Leben lang verwehrt. Und der Erfolg mit ihrem Buch „Herbstmilch“ wurde ihr auch noch geneidet. Stattdessen gab es für die Bäuerin von Kindheit an harte Arbeit, Kälte, Hunger, Schläge, Missgunst. Dass sie dennoch mild geblieben ist, eine gute Seele, scheint unglaublich. Härte, Mitgefühl und Humor vereinte sie in ihrem Buch, und all dies findet auch in der gleichnamigen Bühnenfassung zusammen, die am Freitag im Kleinen Theater Landshut Premiere hatte. Regisseurin Sabine Bräuning lässt zwei Schauspielerinnen Annas Leben erzählen und spielen. Barbara Stoll und Katja Uffelmann schlüpfen in alle Rollen, sie sind ein eingespieltes Team. Mal ist die eine Anna, mal die andere, mal spricht der Vater, mal der Pfarrer. Als Klatschweiber recken sie die Köpfe zueinander. Die Ohrfeigen, die Anna von ihrem Vater und den Brüdern häufig bekommt, werden mit der Handbewegung angedeutet und mit einer Hand an der Wange und einem leisen „Au“ beantwortet.

Einfühlsam zeigen die Schauspielerinnen Annas Lebensweg in kurzen, schlichten Szenen: vom Jahr 1927, als sie mit acht Jahren den gesamten Haushalt übernehmen muss – kochen, putzen, waschen, flicken, die jüngeren Geschwister versorgen – bis zur Veröffentlichung ihrer Lebenserinnungen 1985. Sie tröpfeln die andauernde Missgunst von Annas Umgebung in den Zuschauerraum, bis das Publikum sich ganz beklemmt fühlt. Eine starke Szene, wenn Uffelmann sich an die Seite zurückzieht und die Bühne kurz ganz der hasserfüllten Schwiegermutter gehört. Stoll speit in der Rolle so viel Verachtung aus wie Gollum in der Verfilmung von „Herr der Ringe“. Als Annas Mann Albert die Mutter aus dem Haus wirft, atmet auch der Zuschauer auf. Uffelmann spielt ebenso anschaulich die kindliche Anna voller Unschuld. Gleichzeitig wird erfahrbar, wie Anna ihr Leben hinnimmt – „Das gewöhnt man“ ist öfter zu hören – und trotz aller Härte im Leben humorvoll bleibt und sich schöne Erinnerungen bewahrt. Es gibt schon auch einiges zu lachen. Die große Leistung der Schauspielerinnen ist es, unaufgeregt und mit wenigen Mitteln alle Emotionen zu zeigen.

Das Stück kommt von der Württembergischen Landesbühne Esslingen, das Bühnenbild wurde für den kleineren Landshuter Raum angepasst: Im Hintergrund Wäschestücke an einer Leine, denn zu waschen gab es ja für Anna immer etwas. Die reduzierte Umgebung wird unterstützt von wenig, passend ausgesuchter Musik vor allem von Haindling, bayerisch, aber nicht aufgesetzt, und dezenter Lichtregie. In einer kurzweiligen Stunde erlebt das Publikum ein ganzes Leben in aller Härte, stellvertretend für viele Höfe auf dem Land in dieser Zeit, aber auch die innige Liebe zwischen Anna und ihrem Albert. Stoll und Uffelmann finden schöne Bilder für diese Liebe. Anna und Albert erarbeiten sich mühsam ein etwas besseres Leben; einen größeren Hof, ein schöneres Haus. Die Missgunst der Nachbarn wird ihr Leben lang bleiben. Umso schöner, dass auch gezeigt wird, wie Anna Wimschneider schließlich doch Aufmerksamkeit erfährt. Stoll macht sich dafür mit Hut fein, es geht zum Gespräch mit dem Verlag, zum Interview. Ein schöner Abschluss sind O-Töne aus einem Interview mit Anna Wimschneider. Der Abend ist ein gelungenes Gemälde einer erst wenige Jahrzehnte zurückliegenden harten Zeit in vielen Landstrichen nicht nur in Bayern. Vor allem ist er eine Hommage an eine schicksalsergebene, leidgeprüfte und dennoch starke und herzensgute Frau.

Katrin Filler, Landshuter Zeitung, 15. Oktober 2018

Foto: Andreas Zauner

« Zurück | Alle Nachrichten »