im Spiegel der Presse

Gastspiel in der Spielzeit 2018 / 2019

Pressestimmen zu "HEUTE ABEND: LOLA BLAU"

Allein in der Welt
Agnes Decker spielt „Heute Abend: Lola Blau“ von Georg Kreisler im Kleinen Theater Landshut

Als Kabarettist hat sich Georg Kreisler selbst nie gesehen. Umso ironischer, dass die Heldin seiner Eine-Frau-Musikrevue „Heute Abend: Lola Blau“ ausgerechnet am Ende auf einer Kleinkunst-Bühne strandet. Schauspielerin Agnes Decker nimmt Kreislers böse Satire über die Macht der Massen auf den Einzelnen und macht im Kleinen Theater Landshut aus Lola Blau eine verletzliche Seele, die droht, von den Wünschen der anderen zerrissen zu werden.

Brillant, wie Decker diese Lola Blau und ihre Umwelt darstellt. Kreislers Musikrevue (Regie: Axel Krauße) erzählt immerhin ein ganzes Leben. Sie beginnt im Jahr 1938, als die junge jüdische Schauspielerin Lola Blau vor den Nazis aus Österreich fliehen muss, und beschreibt ihre Odyssee in die Schweiz. Dann ihre Reise ins Exil nach Amerika und ihre Rückkehr in die alte Heimat nach dem Krieg – wo sich aber in den Köpfen nichts geändert hat. Kreisler wirft mit kurzen Szenen und thematisch passenden Liedern Schlaglichter auf Lolas Leben, die genug andeuten sollen, damit das Publikum eine Ahnung erhält, was in der jungen Schauspielerin vor sich geht. Eine anspruchsvolle Aufgabe also, die jede Schauspielerin, die in die Schuhe von Lola Blau steigt, zu erfüllen hat. Und Agnes Decker meistert sie mit Leichtigkeit.

Sie ist das Zentrum des Kleinen Theaters an diesem Abend und zieht das Publikum in Lolas Gedankenwelt. Sie liebt, sehnt sich, hadert, verfängt sich im Glück und verzweifelt am Leben – so authentisch und ausdrucksstark, dass das Publikum in knapp 90 Minuten ein ganzes Schicksal in all seiner Tiefe erfahren darf. Denn im Grunde will Lola Blau ja nur singen und spielen, wie die meisten Schauspieler. Doch ihre Umwelt lässt sie nicht, weil sie immer zu anders ist, zu jüdisch, zu hübsch, zu lange in Amerika gewesen. Das ist die wahre Tragödie des Stücks. Agnes Decker und Pianist Klaus Hügl machen daraus eine persönliche Reise mal voller Zuversicht, mal leise und betrübt und entlassen das Publikum erst lange, nachdem das letzte Scheinwerferlicht verloschen ist.

Sebastian Geiger, Landshuter Zeitung, 10. Dezember 2018

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Die Enttäuschungen der „Lola Blau“
Agnes Decker spielt und singt im Kleinen Theater

„Im Theater ist was los,“ glaubt Lola Blau. Sie ist hübsch, jung und ihr Talent ist riesengroß. Während Onkel Paul schon nach Tschechien reist, sie den Liebsten in Basel vergeblich treffen will, hofft die Wienerin auf ein Engagement in Linz. Eine Absage mit „Heil-Hitler-Gruß“ verortet Georg Kreislers Stück „Heute Abend: Lola Blau“ in die Zeit der nationalsozialistischen Machtergreifung. Lola Blau emigriert nach USA und kehrt nach dem Krieg wieder ins spießige Wien zurück

Fast zwei Stunden erzählt und singt Agnes Decker unter der Regie von Axel Krauße von den Höhen, mehr von den Tiefen dieser Lola Blau jüdischer Abstammung, die die Welt als Chansonnette erobern will und als einsamer Mensch endet. Auf der Überfahrt nach Amerika wandelt sie sich in eine Dame auf dem vornehmen Oberdeck, in der Neuen Welt rutscht sie hinauf auf das Niveau einer steilen Breze in Barbiepuppenoptik bis ins Stripperinnen-Milieu deren pantomimische Umsetzung raffiniert zwischen Luder und verletzter Seele changiert. Durch groteske Übertreibung und pantomimische Verzerrung gelingt die nötige Distanz zu den, mitunter etwas altbackenen Texten und monotonen Songs.

Die Bühne bleibt leer. Eine Lichterkette genügt für die jeweiligen Etablissements, ein Lichtspot für die Aura des Bühnenauftritts, ein Paravent als Black Box der Verwandlungen und szenischen Effekte. Alles andere imaginiert Agnes Decker pantomimisch, tänzerisch und mit sängerischer Eloquenz. Auf dem Schiff gelingen atmosphärische Szenen. Wenn Agnes Decker die Möwen gurren lässt und die frische Meeresbrise hörbar macht, wird die Freiheit spürbar. Doch gesellschaftlich ist und bleibt diese Lola Blau eine von unten. Als alter Jude unter Deck konfrontiert Agnes Decker Lola Blau mit der Authentizität ihres Daseins. Zur High Society des Oberdecks wird sie niemals zählen, auch wenn sie noch so verführerisch ihr Bein hinter dem Paravent in Szene setzt, in vierfacher Wiederholungsschleife in plumpen Schuhen mit Blockabsätzen wird die Situation zur Groteske frustrierten Bühnenexhibitionismus.Berührend zeigt Agnes Decker diese Lola Blau mit ihrem enormen Karrierewillen, ihrer ungewöhnlichen Energie Niederlagen einstecken zu können, aber auch die Schwächen dieser Lola Blau, die doch nicht so gut ist, wie sie sein möchte, deren Tanzbewegungen eben doch etwas eckig ausfallen, der das richtige Outfit fehlt, deren Schuhe immer viel zu gewöhnlich sind und deren Lieder sich doch sehr ähneln und nie die mitreißende Tiefe von Evergreens erreichen.

Im Lichtkegel strahlt Agnes Deckers Lola Blau durch Sympathie, aber es reicht weder auf der Bühne noch im Privatleben. Ihren Leo hat sie „vergessen zu vergessen“ und verpasst ihn doch immer wieder haarscharf. Zurückgekehrt nach Wien ist im Theater zumindest für sie nichts los. Sie bekommt kein Engagement, egal in welcher Sprache und Mentalität sie ihre Rolle zigmal vorspielt, ein Regiemodell, dass sich dann ganz bewusst auch in Langeweile abnutzt.

Aber im Kleinen Theater ist was los. Agnes Decker sorgt, dezent und präzis von Klaus Hügl am Klavier begleitet für einen unterhaltsamen Abend, der in der Typisierung die Tragik des Einzelschicksals aufleuchten lässt und in manchen grotesken Passagen der Vergangenheit das Heute spiegelt. „Heute Abend: Lola Blau“ steht am 18. und 24. Januar wieder auf dem Programm.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 3. Januar 2019

Foto: Alexander Gonschior

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