im Spiegel der Presse

Erste Inszenierung des kleinen theaters - Spielzeit 1992/1993

Pressestimmen zu "Liebe Jelena Sergejewna"


"Die Premiere im ausverkauften Haus wurde zu einem Triumph für die junge Truppe, die sich vorgenommen hat, in Landshut sesshaft zu werden. "

Je leerer die Kasse, desto besser das Theater. Zu diesem Schluß könnte man nach der ersten Premiere im Kleinen Theater Landshut kommen. Sven Grunert und sein Ensemble haben mit Ludmilla Rasumowskajas Bühnenerfolg ´Liebe Jelena Sergejewna´- in der letzten Saison eines der meistgespieltesten Stücke - einen beachtlichen Einstand gegeben.

Der Abend fängt harmlos an. Vier Schüler besuchen ihre Mathematiklehrerin, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren - mit Blumen, einer Flasche Sekt und (zuhause geklauten) Kristallgläsern als Geschenk. Eine Viertelstunde lang wird die überraschte und etwas hilflose Jelena Sergejewna mit Nettigkeiten und Komlimenten überschüttet, aber noch während ihr die Tränen der Rührung in den Augen stehen, kommen die Vier zur Sache. Nicht die Lehrerin interessiert sie, sondern lediglich der Tresorschlüssel, den sie verwahrt, und der die einzige Möglichkeit darstellt, an die verhauenen Mathearbeiten zu kommen, die am nächsten Tag von einer staatlichen Prüfungskommission beurteilt werden sollen. Sie wollen ihre Arbeiten noch rechtzeitig korrigieren, um den für ein Hochschulstudium erforderlichen Notendurchschnitt zu erreichen. Die Zulassung zum Studium entscheidet über den Aufstieg in die privilegierten Klassen, und deshalb ist der Schlüssel lebenswichtig.

Was sich im folgenden auf der Bühne  abspielt, ist so fesselnd wie ein Krimi. Sven Grunert vermeidet jede Übersetzung in westliche Verhätltnisse, läßt das Stück vielmehr als Parabel über die Unzulänglichkeit menschlichen Strebens im Sozialismus bestehen. Seine Inszenierung konzentriert sich auf den Psycho-Terror, den Krieg der Worte und der Argumente, der in in der kleinen, schäbigen Wohnung irgendwo in der ehemaligen Sowjetunion ausgetragen wird. Er zeigt, wie eine Situation entgleiten, eskalieren und in eine Katastrophe münden kann. Und was sich dabei vordergründig wie eine Abrechnung mit dem kommunistischen Zwangssystem ausnimmt, gerät zunehmend zu einem brisantenZeitstück über den Bankrott einer Gesellschaft, in der Anspruch und Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmen, die ihre Jugend mit hohl gewordenen Phrasen von Humanismus und Idealismus abspeist und sie gleichzeitig lehrt, was Pascha in den Stück so fomuliert: ´Wir lernen von klein auf zu heucheln, zu lügen und uns zu verstellen. Und das bringen uns Dutzende von Lehrern und das Leben selbst bei.´

Obwohl sie sehr abgebrüht und berechnend auftreten, haben zumindest drei der vier jungen Leute - die schnippische Ljalja (Daniela Lukas), der gutmütige Vitja (Matthias Kupfer) und der opportunistische Pascha (Joshua Besmens) - ihre Unschuld noch nicht verloren. Es ist geradezu rührend anzusehen, wie sie mit sichtlichen Skrupeln in die Privatspäre der Lehrerin eindringen, verlegen und übertrieben fidel vor ihr herumhampeln, sich winden und schließlich spürbar erleichtert sind, als endlich raus ist, was sie eigentlich von ihr wollen. Selbst wenn am Ende die Szene ein Schlachtfeld und nichts so geblieben ist, wie es war, scheinen sie noch erstaunt zu sein über das, was sie angerichtet haben. Sie sind die Marionetten, die sich der intellektuelle Kopf der Aktion, der ebenso forsche wie skrupellose machttechnokrat Volodja (Stefan Walz) gefügig macht.

Die als verknöcherte Vertreterin eines korrupten Schulsystems angeprangerte Jelena Sergejewna findet in Léonie Thelen eine überrragende Darstellerin. So klein und unscheinbar sie sich zwischen ihren grell aufgemachten, großmäuligen Schülern ausnimmt, so ängstlich sie sich von Volodjas Drohungen in die Defensive drängen lässt, beweist sie mit ihrem ´bemoosten Idealismus´, den sie hartnäckig dem Fatalismus der vier jungen Leute entgegensetzt, doch eine Stärke, die nichts mit ideologischer Verblendung zu tun hat, aber sehr viel mit einem natürlichen Gefühl für Redlichkeit und Anstand.

Sven Grunert nützt die Bühne optimal, stellt mit wenigen altmodischen Möbeln die Beengtheit einer kleinen und schäbigen Wohnung her, sorgt trickreich für einen zweiten Schauplatz und setzt einen simpel konstruierten Rundvorhang für beklemmende Schattenspiele ein. Mit seinen hervorragenden Darstellern gelingt ihm das Kunststück, daß in der etwa neunzigminütigen, ohne Pause durchgespielten Aufführung die Spannung auch nicht einen Augenblick lang nachläßt. Bei der Premiere gab es dann auch donnernden Beifall für diese Inszenierung, der man noch viele Zuschauer wünscht."

Hannelore Meier-Steuhl, Landshuter Zeitung, 20. Oktober 1992

-----


"Großes Theater im ´Kleinen Theater´


Besser hätte der Einstand von Spielleiter Sven Grunert und seiner Truppe im ´Kleinen Theater´in der Neustadt nicht sein können. Das Stück ´Liebe Jelena Sergejewna´, ein hochmotiviertes Ensemble mit einer beeindruckenden Bühnenpräsenz und ein einfühlsamer Regisseur waren am Mittwoch vergangener Woche im ausverkauften Haus Garant für einen begeisternden Theaterabend.

Der Abend beginnt zunächst völlig normal. Drei Schüler und eine Schülerin gratulieren ihrer Mathematiklehrerin Jelena Sergejewna zum Geburtstag und überhäufen sie mit Geschenken. Nettigkeiten und Komplimente werden ausgetauscht. Doch dann bringen es die Vier auf den Punkt und sind froh darüber, daß es endlich ´draußen´ist: Sie wollen den Safeschlüssel, den ihre Lehrerin verwahrt, der ihnen die Chance eröffnet, an die mißglückten Matheaufgaben heranzukommen. Sie wollen bis zum nächsten Tag die Fehler asumerzen, damit sie zum Studium zugelassen werden. Dies würde gleichzeitig den Sprung indie privilegierte Klasse bedeuten.

Was sich im folgenden abspielt, gleicht einem Psychokrimi. Auf der einen Seite agieren die Schüler, die ihre Forderungen konkretisieren und ihre Sehnsüchte doch unterschiedlich artikulieren. Während Volodja skrupellos zu Werk geht und sorgar versucht, Jelena Sergejewna zu erpressen, haben die anderen doch angst vor ihrer eigenen Courage und sind am ende froh, das alles vorbei ist. Daniela Lukas (Lalja), Matthias Kupfer (Vitja), Stefan Walz (Volodja) und Joshua Besmens (Pascha) leben ihre Schülerrollen. Bei ihnen stimmt jede Bewegung, jede Geste und jede Mimik.

Auf der anderen Seite steht Jelena Sergejewna mit ihrem Idealismus aus der Aufbauzeit des Kommunismus, mit ihrer Angst, aber auch mit ihrer Stärke. Regisseur Sven Grunert hat mit Léonie Thelen eine optimale Darstellerin gefunden. So defensiv und unscheinabr sie erscheint, wenn die Schüler auf sie losgehen, so stark zeigt sie sich, wenn sie mit Argumenten versucht, ihre Schüler von dem Vorhaben abzubringen und sich nicht erweichen lässt.

Das Stück - geschrieben 1980 - spricht für seine Zeit. Sven Grunert hat sehr gut daran getan, es nicht in die westliche Welt zu übertragen. So Spielt es dort, wo es entstanden sein könnte: in einer kleinen und einfachen Wohnung irgendwo in der ehemaligen Sowjetunion.

Der Regisseur und die Schauspieler schaffen es, über 90 Minuten die Spannung zu halten. Keine Sekunde wird zu lang, der Zuschauer bekommt das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Riesenbeifall war dann auch am Premierenabend der hochverdiente Lohn für die darstellerische Glanzleistung aller Akteure. - ´Liebe Jelena Sergejewna´, ein perfekter Theaterabend im ´Kleinen Theater´, den man nicht versäumen sollte. Gerade auch Schulklassen sollten den weg in die Neustadt finden."

Gabi Lössl, Landshut aktuell, 22. Oktober 1992

-----

"Spannendes Psychogramm . ´Liebe Jelena Sergejewna´im ´Kleinen Theater´

Landshut hat wieder ein kleines Theater, das sich sehen lassen kann. Die erste Premiere im Haus an der Neustadt war ein großer Erfolg. ´Liebe Jelena Sergejewna´im ´Kleinen Theater´. Die Landshuter sehen eine Version von Format.

Was Ludmilla Rasumkofskaja an brisantem Diskussionsstoff dialogisiert und auf vier Abschlußschüler verteilt, wird in Sven Grunerts Inszenierung zum Psychogramm unserer Zeit, weit hinaus über das ideologische Debakel eines orientierungslosen Rußlands, zu einem Spiegel, in dem wir uns selbst wiedererkennen, eine materielle Welt, in der kein Platz für Idealisten ist.

Schon die erste Szene schlägt leitmotivisch Psychoterror an. Jelenas Riesenschatten, akustisch verstärkt, jagt gänsehaut ein, signalisiert den Terror der Inszenierung - ein spannendes Psychogramm à la Hitchcock. Jede Figur zieht im Moment ihres Handelns den Zuschauer in ihren Bann, hat momentan recht. Die Forderungen der jungen Leute leuchten ein. Wäre nicht Volodja. In harten wechsen läßt Stefan Walz Volodjas wahres Gesicht aufblitzen. Er zieht alle Register aalglatter Diplomatie eines machtbesessenen Karrieristen, degradiert seine Schulkameraden zu lächerlichen Mitläufern und bohrt sich als Alter Ego in Jelenas Psyche. Die Kreisstruktur des Bühnenraumes bringt es auf den Punkt: Jelena wie ein gefangenes Tier in der Manege. Léonie Thelen hat die schauspielersiche Kraft, diese Seelenfolter fühlbar zu machen. Der Vorhang wirbelt herum, das darauf projezierte Schattenspiel geht unter die Haut. Kein einziger Satz kommt papieren langweilig. Die Schauspieler entwickeln eine Spieldynastie, wie sie bisher in Landshut selten zu erleben war."

Michaela Schabel, Wochenblatt, 22. Oktober 1992

« Zurück | Alle Nachrichten »