im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2019 / 2020

Pressestimmen zu "MEDEA"

Niemand entgeht seinem Schicksal
Mit „Medea“ beginnt die neue Spielzeit am Kleinen Theater in Landshut

Die Gesamtheit des Bühnenwesens hat etwas sehr Präzises, Mathematisches, Geometrisches in Sven Grunerts „Medea“-Inszenierung im Kleinen Theater in Landshut. Die Bühne (von Helmut Stürmer) ist ein Viereck, nach hinten verschlossen, runde Hocker stehen wie Lebenspilze, wie Spielsteine darauf herum. Sie sind programmatisch und durchgängig schwarz, ebenso die Kostüme (von Irina Kollek): großes Trauerausrufungszeichen. Plastikplanen deuten die Unbehaustheit Medeas an. Auf der Bühnenmitte ist ein kleiner Küstenabschnitt projiziert mit dem immergleichen Wellenschlag, Schicksalsschlag. Die alten Griechen, denen der Stückautor Euripides entstammt, waren ein Seefahrervolk. Mit „Medea“ erzählt er auch eine Seefahrergeschichte. Die akustischen Zeichen in dieser Echokammer der dunklen Temperamente, in der Worte wie „Rache“ und „Verrat“ in Blut an die Seiten geschmiert sind, sind denn auch Meeresrauschen, dazu ein pochendes Herz und ein melodischer Dreiklang, der sich allmählich zu einem feingesponnenen musikalischen Thema auswächst. Entlang der Dramatik der Handlung vermischen sich diese akustischen Ebenen. Das Licht dreht beständig von hellem Oberlicht, wenn Medea von anderen bei Lichte betrachtet wird (und falsch ist) auf düsteres Unterlicht, wenn Medea heimlich ihre Rache plant (und bei sich ist). Denn Medea ist der immerwährende Fluchtpunkt in dieser eindringlichen Bühnen-Geometrie.

Der Zirkelstich des Handlungskreises. Diese Frau ist dem aristokratischen Abenteurer und Seefahrer Jason gefolgt, hat ihn als göttergebürtige Magierin, die sie ist, aus gefährlichen Situationen gerettet, hat für ihn schreckliche Untaten begangen, hat zwei Kinder mit ihm, ist ihm aus dem randständigen Kolchis (der Kaukasus-Küste am Schwarzen Meer) ins zivilisierte Griechenland gefolgt. Dort verlässt Jason sie zugunsten einer Königstochter, Medea und die Kinder sollen verbannt werden. Sie ahndet das furchtbar. Die antike Dramenfügung: Jedes Tun gegen die gute Ordnung rächt sich. Niemand entgeht seinem Schicksal. Handle nie gegen den Willen der Götter, denn die sind brutal. Die Schauspielerin Louisa Stroux hat die Kraft und das Können, die Zentralstelle von Grunerts Inszenierung zu füllen und der Medea jene inneren Strömungen und äußeren Ansichten zu verleihen, die sie braucht.

Denn diese Figur ist dreierlei: zum einen die Ränkeschmiedin, die sich bei hellem Licht sauber zu verstellen weiß, wenn sie sich auch einmal vor Gram abwenden muss, als sie Jason von weiblicher Schwäche vorlügt. Zum zweiten die dämonische Meisterin ihres Magierfachs, unheimlich starrend, Rache sinnend, zuletzt finalen Todesschatten werfend: Diese Figur zelebriert auch die Furcht einer Seefahrernation vor den rätselhaften Gebräuchen der „barbarischen“ Völker. Und drittens: die verlassene Frau und Mutter. Hier, bei diesem Bruch des heiligen Eheversprechens, sind Figur und Inszenierung ganz in der Gegenwart angekommen – das merkte man auch an den Reaktionen im Premierenpublikum: Diese ganze alte attische Geschichte ist ja auch als krasser Ehekrieg interpretierbar. Stroux und der ausgesprochen charismatische Andreas Sigrist als Jason bekommen es denn auch hin, ihren Konflikt so hoch zu bauen, dass das ganze Handlungsgefälle logisch und kraftvoll abrinnen kann. Jasons fieses Lügengespinst streift Medea bildmächtig als Stoffnetz von sich ab.

Das Selbstverständnis des selbstsüchtigen Mannes und seine Fähigkeit, zum Eigennutz Unwahrheit zur Wahrheit zu erklären, bedient Medea klug, um ihrerseits Handlungsfreiheit zu bekommen. Auch Korinths König Kreon (kräftig majestätisch: Stefan Lehnen) fällt auf Medeas cleveres Understatement herein. Knud Fehlauer als Ägeus, Rudi Knauss als Erzieher und Katja Amberger als Amme ergänzen das Bild einer stimmigen und konzentrierten Inszenierung, die die Zeitlosigkeit und Bedeutsamkeit einer alten Geschichte sehenswert vor Augen führt.

Christian Muggenthaler, Landshuter Zeitung, 7. Oktober 2019

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Euripides´“Medea“ in den Landshuter Kammerspielen

Das Meer rauscht und kräuselt sich auf der Spiegelfolie des Bühnenbodens,  Klangwindspiele werden hörbar, statt Horizont eine graue Mauer. Das karge Bühnenbild Helmut Stürmers und die Kompositionen von Philipp Degünther versetzen den Zuschauer in einen meditativen Schwebezustand, den Medeas Schrei durchschneidet und schon ist man mitten drin in der Tragik „Medeas“. Das hat Wucht und bleibt eineinhalb Stunden spannend. 

Intendant Sven Grunert und Dramaturgin Ganna Madiar kürzten Hubert Ortkempers „Medea“-Fassung auf ein kompaktes Format, behielten zwar den Sprachduktus, wagten aber eine zeitgenössische Überarbeitung. Das Ergebnis ist eine  spannende „Medea“.

Katja Amberger treibt als Amme und in der Funktion des Chores die Handlung voraus, erzählt in knappen Worten das rigide Schicksal Medeas, die ihrem Geliebten Jason zuliebe zur Mörderin wurde, die Heimat verließ und nun im fremden Griechenland mit ihren beiden Kindern von Jason verlassen, von König Kreon verbannt wird, damit Jason durch die Heirat der Königstochter sich auf höchsten Niveau integrieren kann. Wie Katja Amberger das erzählt, ist großartig, mit eindringlicher Stimme aus erzählerisch empathischer  Distanz und doch voller Leidenschaft in der Verurteilung von der Rache getriebenen Medea. Sie ist „im Gemüt wild. Unrecht verträgt sie nicht.“

Unter der Regie Sven Grunerts  gelingt Louisa Stroux eine  sehr heutige Version dieser archaischen Figur der Medea. Ganz in Schwarz in Lederhosen und Wickelmantel (Kostüme Irina Kollek) lässt die Lichtregie den Wahnsinn in Medeas Gesicht aufflackern. Laut wird das Pochen der Herzfrequenz hörbar, sobald sie eine neue Hiobsbotschaft vernimmt. In diesem intensiven Zusammenwirken von Lichteffekten, Klang, schlicht schwarzen Kostümen mit brachialen Insignien, reduzierter Bewegung entstehen lodernde Szenen, in denen die psychischen Prozesse explodieren, denen allerdings im Sprachduktus eine adäquate Weiterführung fehlt, wodurch die Wucht der Inszenierung immer wieder geschmälert wird.

Das männliche Umfeld, so klein auch die Rollen angelegt sind, geben  indes eine kraftvolle Ansage vor. Stefan Lehnen überzeugt als weitsichtiger Kreon, der um seine Fehler der Milde  weiß und genau wieder denselben macht, indem er Medea einen Tag Aufschub gewährt. Andreas Sigrists Jason oszilliert zwischen pragmatischem, durchaus nachvollziehbarem Ehrgeiz, klug analytischem Denken  und lüsterner Gier. Knud Fehlauer (Ägeus, Chor) und Rudi Knauss (Erzieher, Chor) führen in ihren wenigen Sätze diesem rhythmisierten Sprachduktus weiter.

Doch die stabile Welt der Männer bricht durch Medeas Rache zusammen und sie selbst auch. Beide landen im Reich der Schatten. Medeas große Geste, multipliziert als Schattenspiel in einem denkbaren Hades lässt offen, wer wen tötet und ob überhaupt. Dem Wahnsinn sind sie beide  auf jeden Fall verfallen. Rache zerstört, ist die zeitlose Botschaft des griechischen Theaters.

Michaela Schabel, www.schabel-kultur-blog.de, 7. Oktober 2019 und Landshut aktuell, 9. Oktober 2019

Foto: Gianmarco Bresadola

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