im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2018 / 2019

Pressestimmen zu "NUR KINDER, KÜCHE, KIRCHE"

Frauen, empört Euch!
Maja Elsenhans mit „Nur Kinder, Küche, Kirche“ von Dario Fo und Franca Rame in Landshut

Auf einmal bekommt der Buchstabe K eine ganz andere Bedeutung an den Kammerspielen in Landshut. Plötzlich ist er nicht mehr das Symbol für das Kleine Theater, sondern vielmehr eine Chiffre, die es zu entschlüsseln gilt: Kinder, Küche Kirche. So einfach könnte die Formel lauten, wenn es um die Rolle der Frau in der Gesellschaft geht. Doch ganz so einfach war das nie und ist es auch heute nicht. Das reflektiert auch die One-Woman-Show „Nur Kinder, Küche, Kirche“ des berühmten italienischen Theaterehepaars Dario Fo und Franca Rame aus dem Jahr 1977, das in einer Inszenierung von Intendant Sven Grunert am Freitag in Landshut Premiere hatte. Darin zeigt Maja Elsenhans als renitente, verzweifelte, eingesperrte Hausfrau und Hure wieder einmal ihr facettenreiches Talent. Die schnuckelige Bühne im Foyer des Kleinen Theaters betritt sie zunächst als strenge Lehrerin. Zielstrebig bahnt sie sich den versperrten Weg durch das Publikum und verteilt blaue Briefe, die vorerst verschlossen bleiben sollen. In der Literatur, Philosophie, Mathematik, Physik, erklärt sie, hätten Frauen keinen Platz. Da wären es doch die Männer – Aristoteles, Pythagoras, Sokrates –, die es vermögen, die Welt einzuordnen und zu verändern.

Aber was macht die Frau, während die Männer so wichtige Dinge tun ? Ganz simpel: Die sitzt zu Hause und kocht. So verschwindet auch Elsenhans plötzlich hinter der großen waldgrünen Schultafel, die mitten auf der Bühne thront, und tänzelt im Leopardenbademantel zum italienischen Pophit „Americano“ zurück in den Vordergrund. Eine Hausfrau, irgendwo zwischen Hysterie und Langeweile. Den Staubsauger stets in der einen Hand, das Smartphone in der anderen, auf dem der eigene Ehemann im Fünf-Minuten-Takt Kontrollanrufe tätigt. Dazwischen posiert sie kurz im schwarzen BH für ihren Spanner-Nachbarn und vergisst ganz nebenbei, dass sie eigentlich ein Baby zu versorgen hat.

Kompliziert ist das Leben dieser Frau, und doch so schlicht und routiniert. Das sieht im Leben der zweiten Frau, die Maja Elsenhans an diesem Theaterabend verkörpert, anders aus: Im Joggingschlabber-Look und regenbogenfarbenem Hippiestrickpulli hat sich diese Frau entschieden, ihrem alten Leben und ihrer Familie den Rücken zu kehren und sich alleine durchzuschlagen. Zufriedener ist sie dennoch nicht. Im dritten Monolog bleibt von dieser errungenen Freiheit dann gar nichts mehr übrig: Da sitzt Elsenhans als ehemalige Nutte verkabelt im Irrenhaus. Vergewaltigt, missbraucht, weggesperrt – muss sie dort ausbaden, was die Gesellschaft ihr angetan hat. „Nur Kinder, Küche, Kirche“ wirft einen poetischen und zugleich politischen Blick auf patriarchale Gesellschaftsstrukturen, der heute vielleicht ein wenig veraltet und überholt wirkt, in seiner überhöhten, grotesken Darstellung und Distanz dennoch aktuell ist. Auch heute spielen ungerechte Machtstrukturen eine zentrale Rolle in der Gesellschaft. Würde man die drei Ks aus dem Theaterstück von Dario Fo und Franca Rame also weiterdenken und ins Jetzt holen, müsste die Fortsetzung dieser Commedia dell’arte vielleicht „Karriere, Kinder, Kompetenz“ heißen.

Julia Weigl, Landshuter Zeitung, 12. November 2018

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Immer noch „Fragmente der Wirklichkeit“
„Nur Kinder, Küche, Kirche“ im Kleinen Theater Landshut

Von oben schreitet Maja Elsenhans ins Foyer, verteilt blaue Briefe an das Publikum und demonstriert an der Klapptafel das ABC der Männer. Sie bestimmen die Welt, immer noch. Am Schluss enthüllt sich über die Briefe die anvisierte Botschaft „…frei im Hier, frei im Jetzt, das ist unser Naturgesetz“, 399 vor Christus von Xanthippe formuliert. Mit dieser Rahmenhandlung ermöglicht Regisseur Sven Grunert eine gelungene Distanz zum heute nicht mehr rebellischen Frauenstück „Nur Kinder, Küche, Kirche“.

1977 sorgte dieser frech ironische Text von Dario Fo und seiner Frau Franca Rame für Furore. Inzwischen hat sich Sexualität längst befreit, sind die erogenen Zonen der Frau bekannt, stürzen Frauen, die ihr Leben selbstständig führen wollen nicht sofort ins Asoziale, verwandelte sich das dritte „K“ in Karriere. Doch in den drei typisierten Frauenschicksalen, auf die Sven Grunert fokussiert, glühen immer noch die „Fragmente der Wirklichkeit“ von einst weiter und beleuchten die Schwachstellen unserer gesellschaftlichen Realität.

Das liegt vor allem an der authentischen Darstellungskunst Maja Elsenhans´ unter der Regie von Sven Grunert. Sie braucht kaum Requisiten, vertraut dem Text, monologisiert und dialogisiert mit fiktiven Gesprächspartnern, bringt durch Mimik, Bewegung und Stimme diese typisierten Frauenschicksale nicht als Commedia dell´Arte, sondern mit tragischer Fallhöhe auf die Bühne, so dass es im Publikum verdächtig still wird.

„Frau allein“ zu Hause wirkt zunächst überspannt. Doch die Neurotisierung, und das Bedürfnis ständig über Sexualität kommunizieren zu müssen, kommt nicht von ungefähr, eingezwängt zwischen kontrollsüchtigem Ehemann, pflegebedürftigem Schwager und Baby. Um die Tafel herum ergibt sich der Spielraum von imaginierten Zimmern, wo das Baby schreit, der Schwager röchelt, eine Klappleiter dahinter Höhe und Froschperspektive zugleich und die Ablage für Kreide und Schwamm, eine Außenfassade für Selbstmordabsichten.

Licht- und Toneffekte verwandeln die Küche in eine Kirche. Doch sie bietet keinen wirklichen Schutz. Maja Elsenhans im krassen Licht eines Bauscheinwerfers wird zu „Mama Hexe“. Der Liebe folgt die Eheroutine zwischen Maloche und missratenem Sohnemann. Die Mama taucht ab in eine Existenz als esoterische Freakmutter, um Leben, Freiheit, Liebe zurückzuerobern, bleibt lieber Frauenrechtlerin als zur Familie zurückzukehren.

Verkabelt und gefesselt, mit Elektroschocks malträtiert, träumt Maja Elsenhans im „Monolog der Nutte in der Heilanstalt“ von einer Welt, in der jeden Tag Sonntag ist, von einer Welt voller Wertschätzung, ohne Gewalt , das Frauen der Rigidität der Männer aussetzt und erwacht nahtlos als gehetzte Berufstätige Mutter, die ihr Kind zur Kita bringt, um rechtzeitig ihren Unterricht zu beginnen.

Der matte Applaus zeugt von einer gewissen Betroffenheit des Publikums, vorwiegend Frauen, nur zwei Männer darunter.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 27. Dezember 2018

Fotos: Hilda Lobinger

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