im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2017 / 2018

Pressestimmen zu "Torquato Tasso"

Das Politische im Privaten
Sven Grunert inszeniert in Landshut "Torquato Tasso"

Sven Grunert ist einer der am längsten amtierenden Theater-Intendanten Deutschlands. Nicht nur Deutschlands. Seit 25 Jahren und damit von Anfang an leitet er das Kleine Theater Landshut, das seit knapp 20 Jahren im wunderbar renovierten Rottenkolberstadel mit seinem spektakulären Dachgebälk untergebracht ist. Die Existenz des Hauses ist eine bemerkenswerte, künstlerische Erfolgsgeschichte, das wissen auch Stadt, Land und Bezirk und helfen dem Theater beim Arbeiten und Überleben. Das ist sehr schön so und zeigt, dass in einem gar nicht so riesigen Ort in Niederbayern zwei Theater bestens nebeneinander existieren können, eben das Kleine und das Landestheater, das schon seit längerem in einem Zelt haust, weil die Renovierung seines Stammhauses eine offenbar schwierige Angelegenheit ist.

Nun hat Grunert an seinem Haus Goethes "Torquato Tasso" inszeniert, das autobiografisch unterfütterte Stück über den Dichter, der mehr sein will als das, wofür ihn seine adeligen Gönner lieben. Er will Welt, die anderen wollen schöne Verse. Bei Grunert sitzt Julius Bornmann in einem offenen Zimmer hoch über der Bühne, deren Hintergrund ein von Evi Eschenbach und Jeanette Raue wunderschön gemalter Prospekt eines klassizistisch-weißen Waldes bildet. Enthoben ist Bornmanns Tasso der Welt nicht; geschwind kann er nach unten klettern oder erhält noch in der Höhe Besuch von oben, wenn Antonio aus dem Dachgebälk klettert. Unten sitzen erst einmal die beiden Leonores, also die Prinzessin (Katharina von Harsdorf), Schwester des fürstlichen Gastgebers Alfons (Sebastian Gerasch), und deren Freundin (Louisa Stroux). Beide sind Tasso in einer gewissen Ambivalenz zugetan, beide genießen die Sommerfrische und stecken die Füße in den Blumeneimer. Alles könnte schön sein, wollte Tasso nicht mehr sein als Hofnarr und darunter leiden.

Ein Streit Tassos mit dem Polit-Profi Antonio (Andreas Sigrist) bringt die Dinge durcheinander. Bei Grunert muss dafür nicht der Dichter sein Schwert ziehen, es reicht der reine Disput zwischen den beiden hier fast Gleichaltrigen. Diesen Disput nun formt Grunert im weiteren Verlauf mit Hilfe des flamboyanten Jünglings Bornmann zu einer Geschichte über jugendliche Euphorie, Tatendrang des Herzens, missverstandene Gunstbezeugungen, mangelnde Loyalität und Verfolgungswahn. Der Dichter soll brav in seiner Klangwolke aus Schreibmaschinengeräuschen bleiben, auch die Damen holen sich bei ihm nur den erotischen Kitzel, den sie anderswo einzulösen gedenken. Das alles ist sauber gearbeitet und gut gespielt, wirkt eher privat als politisch. Aber wie kann man das schon trennen?

Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung, 20. Februar 2018

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Vom Hof­dich­ter zur Künst­ler­fi­gur
Goe­thes „Tor­qua­to Tas­so“ am Klei­nen Thea­ter Lands­hut


Zum 25. Geburtstag gibt‘s einen wenig gespielten Klassiker: Das Kleine Theater Landshut feiert seine Jubiläumsspielzeit mit Johann Wolfgang von Goethes „Torquato Tasso“. Das ist schön und schön mutig. Das Schauspiel verlangt dem Publikum viel Konzentration ab: Da ist die Goethesche Verssprache, und da ist die Handlung. Oder vielmehr das Fehlen eines klassischen Handlungsverlaufs. Dennoch hat es bei der Premiere am Freitag funktioniert. Das Stück zeigt nur einen Tag auf dem Lustschloss des Fürsten Alfons II., dessen Hofdichter Tasso ist. Ein Künstler, der die Freiheit der Kunst über alles stellt, aber weiß, dass der Fürst das Sagen hat. Dazu kommt Prinzessin Leonore, in die Tasso verliebt ist, was sie nicht erwidert. Der Politiker Antonio hat für Kunst und Künstler ohnehin kein Verständnis. Er stichelt und provoziert einen handgreiflichen Streit – was der Fürst nicht dulden kann. Der folgende Hausarrest ist für Tasso schwere Schmach. Und die andere Leonore im Schloss, Leonore Sanvitale, beansprucht Tasso und seine Kunst ebenfalls für sich.

Viel los also – und doch wieder nicht. Denn dies teilt sich hauptsächlich in Worten mit, in Dialogen und Gedanken, nicht in Taten. Regisseur Sven Grunert holt das Stück daher zunächst in eine unbestimmte Gegenwart. Die Kleidung ist zeitlos modern, Tassos Schreibgerät allerdings noch eine Schreibmaschine. Herrlich schon der Einstieg, wenn es sich die Damen in Gartenstühlen bequem machen und fröhlich einen faulen Sommertag genießen.

Irritierend dagegen das Bühnenbild (Sascha Gross, auch Kostüme): Während die sonnenbebrillten Leonores ihre Füße ins Wasser strecken, um sich in der Sommerhitze zu erfrischen, sehen wir im Hintergrund fantastisch schöne, schneekristallklirrende Winterbäume (Lob für Jeanette Raue und Evi Eschenbach für die Bühnenmalerei). Auch wenn das wunderbar zu frischweiß und marmorrein strahlenden Seitenwänden und Bühnenboden passt: Es erschließt sich nicht. Steht die starre Kälte für die strenge Gesellschaftsordnung, für Gefühlskälte?

Ein schöner Einfall ist Tassos Zimmer, das auf einer zweiten Ebene in einem Gerüst angelegt ist. Szenenwechsel wie die zum Künstlerzimmer hätte man sich häufiger gewünscht; obwohl Grunert durchaus versucht, die Statik aufzubrechen. Er hält sein Personal in Bewegung: Tasso klettert rauf und runter. Der Streit mit Antonio wird zur handfesten Rauferei. Das Ensemble zeigt eine tolle Leistung. Seinen Antonio gibt Andreas Sigrist mit kraftvoller Bühnenpräsenz: stark, ruhig und kalt selbst in seinen Unverschämtheiten, ganz gewiefter Staatsmann. Louisa Stroux zeigt eine Natürlichkeit, die das Stück perfekt ins Jetzt hebt. Ihre Leonore Sanvitale ist ganz von heute, auch ihre Verse klingen gegenwärtig. Ihre Überlegungen, Eingeständnisse sind stark und nachvollziehbar. Prinzessin Leonore und Fürst Alfons sind durch höfische Zwänge in ihrem Gebaren beschränkter, das macht es Katharina von Harsdorf und Sebastian Gerasch in ihren Rollen nicht leicht. Die Zuneigung der Prinzessin zu Tasso kann von Harsdorf aber anrührend zeigen, genauso wie ihre Enttäuschung, als Tasso sich ihr gewaltsam-entschlossen nähert.

Gerasch gibt den Herrscher hingegen fast zu beherrscht. Beide werden vielleicht von der Vehemenz gebremst, mit der Julius Bornmann sich in seine Rolle wirft. Sein Tasso hadert, er möchte nicht enttäuschen – seinen Fürsten nicht, die Prinzessin nicht, sich und seinen Anspruch nicht. Bornmann zeigt die widerstreitenden, auch wahnhaften Gefühle eindringlich. Er macht den Goetheschen Hofdichter Tasso grandios zu Grunerts Menschen-Künstlerfigur und trägt das kompakte Zwei-Stunden-Stück. Und so ist „Torquato Tasso“ ein passendes Jubiläumsstück: Intendant Sven Grunert zeigt, dass das Kleine Theater großes Theater kann.

Katrin Filler, Landshuter Zeitung, 19. Februar 2018

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Ein ganz entstaubter "Tasso"
Sven Grunert bringt im Kleinen Theater Goethe-Inzenierung auf die Bühne

Zwei Stunden Goethe ohne Pause, das kann ganz schön harte Kost sein. Aber es geht auch anders: Sven Grunerts Inszenierung von „Torquato Tasso“, die am Freitag im Kleinen Theater Premiere hatte, kommt frisch, mutig und ganz entstaubt daher. Eines freilich vorneweg: Goethes Verssprache verlangt dem Publikum einiges ab. Doch die Sprache hat ihren Reiz: Sie ist so kraftvoll, dass sie den Zuschauer manchmal sprachlos macht. Erst recht, wenn es von einem so starken Ensemble wie am Freitag im Kleinen Theater gespielt wird.

Und das Stück: Ist es heute noch aktuell und spielbar? Ja, unbedingt! Sven Grunert hat „Torquato Tasso“ im Jubiläumsjahr des Kleinen Theaters nicht ohne Grund hervorgeholt. Es geht um die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft und auch um die Auseinandersetzung mit der politischen Macht. Da ist ein Mensch als Unterhaltungskünstler im Getriebe zwischen Poesie und Macht, Freiheit und Norm. Es sind schier unlösbare Gegensätze, die auch Grunerts Inszenierung herausarbeitet. Er entführt die Zuschauer in das Lustschloss Belriguardo im sommerlichen Italien. Torquato Tasso, Dichter am Hof des Fürsten von Ferrara, ist gerade mit seinem Manuskript „Das befreite Jerusalem“ fertig. Als Antonio, Vertrauter, Sekretär und Weltmann, auftaucht, kommt es zum Eklat. Beide greifen zwar nicht mehr wie bei Goethe zum Degen, aber es kommt ganz entstaubt zur riesigen Rauferei. Tasso wird unter Arrest gestellt und landet – wirklich gut gelöst – auf einer zweiten Ebene in seinem Zimmer.

Als Zeichen seiner Abgeschirmtheit und auch der Schmach lässt Julius Bornmann als Tasso aus diesem ersten Stock eindrucksvoll eine Rolle Maschendrahtzaun hinuntergleiten. Dieses Gitter ist zwar luftig durchlässig, doch Freunde werden Tasso und Antonio nicht mehr. Beide spielen dies mit einer unglaublichen Präsenz: Julius Bornmann ist stetig hadernd und im Clinch mit seinen Ansprüchen und die seiner Umwelt, eine rätselhaftgebrochene Künstlerfigur. Andreas Sigrist steht dazu nicht weniger eindrucksvoll im Kontrast als dominierender und gewiefter Staatsmann. Die höfische Macht mit seinen Facetten und Zwängen symbolisieren Sebastian Gerasch als Fürst Alfons und Katharina von Harsdorf als Prinzessin Leonore. Mit viel Feingefühl spielt Harsdorf ihre Zuneigung zu Tasso: eine rührende Liebesgeschichte, für die es kein Happy-End gibt. Die fast schon gewaltsame Annäherung Tassos an Leonore am Ende lässt die Zuschauer atemlos zurück. Die andere „Leonore“ als Freundin der Prinzessin, gespielt von Louisa Stroux, komplettiert die starke Ensembleleistung. Sie spielt ihre Leonore frisch, selbstbewusst, authentisch.

Kurzum: Wer vor Goethe als Theaterbesucher Respekt hat und harte Kost befürchtet, kann sich bei „Torquato Tasso“ ruhig trauen. Es ist ein großer Theaterabend, der nachklingt.

Ulrike Aigner, Wochenblatt, 21. Februar 2018

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Goethes „Tasso“ als Psychogramm
Goethes „Torquato Tasso“ im Kleinen Theater Landshut als subtiles Seelendrama


Blau strahlt der Himmel auf dem großen Bühnenhintergrund. Weiß schimmert die Vegetation im Sonnenlicht. Wolken werfen Schatten, trüben ein. Zu den psychologischen Prozessen auf der Bühne wandelt sich dieses großen Gemälde zum Gradmesser der Gefühle. Sie werden immer düsterer und surrealer.

Intendant Sven Grunert legt in seiner Inszenierung von Goethes Künstlerdrama „Torquato Tasso“ weniger den Schwerpunkt auf die Frage von Autonomie und Freiheit eines Künstlers, als auf die psychologischen Prozesse eines Kunstschaffens, das nur um sich selbst kreist

Torquato Tasso hat endlich das Auftragswerk des Herzogs von Ferrara fertiggestellt. Der Fürst, seine Schwester Leonore und deren gleichnamige Freundin, sind begeistert. Torquato Tassos sorgloser Aufenthalt im Lustschloss scheint besiegelt, zumal sich zwischen des Herzogs Schwester und Torquato Tasso zarte Gefühle anbahnen. Doch mit der Rückkehr des herzoglichen Sekretärs Antonio vergiften Eitelkeit, Eifersucht und jähzornige Egozentrik die arkadische Stimmung. Es kommt zum Eklat.

Sven Grunert belebt die Verse des an sich handlungsarmen, sehr reflektiven Stücks durch eigene Texteinschübe, subtile Personenregie und viel Atmosphäre. Das Klappern einer Schreibmaschine macht den mühsamen Prozess kreativen Schreibens hörbar.

In ganz zarten Tönen und Lichtwechseln verdichten sich psychologische Prozesse (Bühne/Sascha Gross, Komposition/ Marcus Tronsberg). Schlicht edle Alltagskleidung (Sascha Gross, Lucie Hofmüller) verorten Goethes Klassiker in der Gegenwart.

Die einzelnen Rollen sind bestens besetzt, schaffen durch ihre schauspielerische Wirkung ein Kräftegleichgewicht, in dem individuelle Begehrlichkeiten immer wieder den verkündeten Werteidealismus aus der Balance bringen, wobei jede Person des Figurenquintetts als Spiegelung menschlicher Unzulänglichkeiten fungiert.

Allein durch Louisa Stroux resolute Stimme als Freundin enthüllt sich in der Seelenverwandtschaft der beiden Leonoren doch ein gerüttelt Maß an Egoismus und Berechnung. Katharina von Harsdorf zeichnet die Schwester des Herzogs als junge Frau nach, ganz zart mit Tiefgang und der Ehrlichkeit des Herzens, doch zu jung und wohlerzogen, um die Leidenschaft des Künstlers zu verstehen, geschweige denn sie zu erwidern. Das Männertrio verkörpert die unterschiedlichen Facetten Mann. Sebastian Gerasch tritt, in den Farben Blau-Braun des Bühnenbildes gekleidet, als sanfter Regent Arkadiens auf, geerdet doch mit Sehnsüchten. Ein Mann, der auf konstruktive Argumentation setzt, nicht ohne seine persönlichen Belange zu vernachlässigen und in erster Linie den Frieden will.

Seine hehren Gedanken setzt Andreas Sigrist, der den Sekretär als smarten, weltgewandter Managertyp gespielt, um, frei von aller Unterwürfigkeit auf gleicher Augenhöhe mit dem Herzogs, provoziert er raffiniert dezent den jungen Dichter und Konkurrenten.

So ist Goethes Torquato Tasso in Sven Grunerts Inszenierung, nach dem historischen Vorbild aus der Renaissance, für seinen Absturz und seine psychische Isolation in erster Linie selbst verantwortlich, was Julius Bornmann exzellent zum Ausdruck bringt. In seinem Gesicht spiegeln sich die Gemütszustände Torquato Tassos, seine Freude, Verletzungen, sein Spürsinn für die Authentizität für Menschen, aber auch sein schnelles Gekränktsein und zunehmend manisch-depressives Irrlichtern zwischen Versagerängsten und Absolutheitsansprüchen. Den Worten zum Trotz enthüllt Julius Bornmann in Mimik und Körperlichkeit Torquato Tassos wahre Gedanken. Er legt den jungen Dichter zunächst linkisch schüchtern an und zeigt doch schnell seine unbeugsame Überheblichkeit. Mit langgestreckten Arm und starrer Hand konterkariert er die Freundschaft, die er Antonio anbietet und reagiert übersensibel aggressiv auf dessen durchaus logisch begründete Ablehnung.

Dieser Torquato Tasso springt aus seiner Schreibzelle, einem Baugerüst, die Freiheit genießend, seine fehlende Selbstbeherrschung verbannt ihn dorthin zurück. An das Gitternetz wie ein Tier im Käfig gekrallt, stemmt er es weg und schwebt schon symbolisch über dem Abgrund, während der Hintergrund sich surreal verdüstert.

Leonores Erscheinen hellt die Szenerie auf. Doch ein Happy End scheitert. Als er Leonore leidenschaftlich umarmt, versteinert sie. Man denkt an #MeToo-Polemik und das jähe Ende von Karrieren. Tassos Abstieg erklärt sich indes anders, mit Antonios Imperativ „Ermanne dich! Du gibst zu viel dir nach.“ So gespielt und interpretiert wirkt Goethe auch heute noch sehr spannend und bedeutungsvoll.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 28. Februar 2018

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 "Torquato Tasso" von Goethe am kleinen theater Landshut

Es ist guter Brauch am Theater, dann und wann auch einmal darauf hinzuweisen, dass Bühnenliteratur auch Kunst ist. Ein Sprachkunstwerk, dessen Schönheit ein ästhetischer Genuss und Gewinn für das Publikum ist. Das gilt nicht zuletzt für jene Klassiker, denen die Sprache Schlüssel zum Verständnis der Botschaft waren: Im Text liegt ein Kern, zu dem zu dringen die schöne Aufgabe beinhaltet, sich durch süßes sprachliches Fruchtfleisch zu arbeiten. Und weil Klassikern die Übereinstimmung zwischen Inhalt und Form so wichtig ist, scheint es auch keine ganz schlechte Regiestrategie zu sein, diese Übereinstimmung auf der Bühne zu pflegen. Genau das geschicht in Sven Grunerts Regie von "Torquato Tasso" am kleinen theater Landshut: eine Öffnung der Aufmerksamkeit zum Text hin durch eine stringente, konsequent im Dienst des Textes stehende Inszenierung.

Dass Grunert eine Art Textdosenöffner ist, hat sich in den vergangenen 25 Jahren Geschichte des kleinen theaters auch überregional herumgesprochen. Und auch jetzt macht er den Blick frei auf Goethe pur, in dessen Sprache – so viel hatte er schon vorab in einem Interview verraten – er regelrecht verknallt ist. Deren Freiheit hat etwas mit Gefangenschaft zu tun: Denn im "Torquato Tasso" wird verhandelt, wo die innere Freiheit des literarischen Schaffens endet und schroff an einer äußeren Abhängigkeit angrenzt, die ins Leben des Dichters hineinschneidet wie eine Rasierklinge der Realität. In Goethes Zeit war diese Abhängigkeit der Fürstendienst, heute ist sie eine ökonomische. Freiheit und Unfreiheit: In Landshut lebt Tasso in einer Art Käfig (Bühne: Sascha Gross), der unterm Schnürboden hängt, den Dichter absondert, hochhebt, über den Dingen schweben lässt, aber auch einsperrt, einsam macht.

Ist er ein Fürstenäffchen? Fast scheint es so, wenn er behände um seinen Käfig herumklettert. Andererseits wirkt die Zuneigung, ja hier und da unterschwellige Liebe der Aristokraten zu ihrem Dichter echt. Ein Rätsel: Was ist wirkmächtiger, des Dichters Brillanz? Seine Abhängigkeit von seinen Förderern? Oder ist es schliche Eifersucht? Denn in dem Moment, indem Staatssekretär Antonio als Gegenüber ins Spiel kommt, verändert sich das privat-familiäre Duett zwischen dem Dichter auf der einen und dem Fürsten von Ferrara, Prinzessin Leonore von Este und Leonore Sanvitale auf der anderen Seite in ein Dreieck, das sich hinausdehnt in die Bereiche Politik und unkontrollierbare Emotion. Grunert lässt dies in seiner Inszenierung – und das ist deren größte Stärke – einfach wirken, ohne irgendwelche Aktualisierungen darüberzuwölben oder in zeichensüchtige Kenntlichmachungsorgien zu verfallen, durch die so mancherlei Regisseure ihre Zuschauer gern einmal für Esel halten, denen man die Nase ins Heu drücken muss.

Hier nun, in Landshut, entsteht, quod erat demonstrandum, Text. In seiner ganzen Stärke, Schönheit, dichterischen Brillanz. Und, ihm dienend, achtsam sprechende Darsteller. Louisa Stroux als in ihrer Zugewandtheit auch selbstsüchtige Leonore Sanvitale, Katharina von Harsdorf als zarte Prinzessin, Sebastian Gerasch als selbstbewusster Fürst, Andreas Sigrist als durchaus auch hinterkünftiger Sekretär: Sie alle helfen dem Publikum durchs Sprachfruchtfleisch hindurch. Im Zentrum steht Julius Bornmann in der Titelrolle, der seine Figur auslotet in dessen mitunter verwirrender Vielfalt, in seinem inneren Käfig, gebaut aus Schüchternheit und Prahlerei, stiller Sehnsucht und lauter Maßlosigkeit, Ehrlichkeit und Beleidigtsein, Liebe und Rachsucht. Starke Figuren sind immer uneinheitlich und vielschichtig, weil da das uneinheitliche und vielschichtige Leben mitschreibt. Wer schrieb, war Goethe. In Landshut steht sein Text sehr exakt auf der Bühne.

Christian Muggenthaler, www.christian-muggenthaler.de

Foto: Iko Freese

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