im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2017 / 2018

Pressestimmen zu "Tschick"

Wer die be­sten Ge­schich­ten er­lebt
Mat­thi­as Eberth in­sze­niert Wolf­gang Herrn­dorfs „Tschick“ am Klei­nen Thea­ter Lands­hut


Als Außenseiter in der Klasse hat man nichts zu lachen. Auf die große Party der Klassenschönheit wird man natürlich nicht eingeladen. Da trifft es sich gut, wenn es noch einen zweiten Außenseiter gibt, der auch nicht eingeladen ist. Der aber zum Beginn der Sommerferien plötzlich mit einem geklauten Lada vor der Tür steht. Die beiden schrägen Vögel Maik und Tschick, deren Eltern sie ohnehin nicht vermissen werden, brausen also durchs Berliner Umland – und so beginnt für sie der Sommer ihres Lebens. Wolfgang Herrndorf hat mit seinem Roman „Tschick“ einen modernen Klassiker geschrieben, der umgehend dramatisiert wurde und nun schon seit Jahren das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen ist.

Nun hat Matthias Eberth es im Kleinen Theater Landshut inszeniert – sehenswert ! Geplant war es schon seit Jahren, zur Jubiläumsspielzeit (25 Jahre !) hat es geklappt. Natürlich: Die Textvorlage macht es dem Regisseur leicht. Herrndorfs Sprache ist direkt und jugendlich, dabei aber nie peinlich. Die Worte finden ihr Publikum also leicht. Eberth lässt Maik und Tschick ihre Geschichte 15 Jahre nach der Lada-Tour erzählen, damit die Schauspieler in ihrem Alter spielen können. Dieser Kunstgriff wäre aber eigentlich gar nicht nötig gewesen, vor allem, weil die beiden immer noch die jugendliche Sprache sprechen; die 15 Jahre Reifung schlagen sich also in der Sprache gar nicht nieder. Außerdem lebt das Stück ja gerade von der Unmittelbarkeit von Erzählen und Erleben, vom Wechsel zwischen Bericht und szenischem Spiel. Für die vielen Spiel-Szenen müssen die Schauspieler ohnehin wieder zu Jugendlichen werden. Auf der Bühne, die Luis Graninger für dieses abenteuerliche Sommermärchen entworfen hat, können sie schön herumturnen und herumhängen. Die Rückseite ist voller Graffiti, vorne steht eine aufgebockte Lada-Motorhaube mit Kühlergrill, links steht ein Baugerüst, rechts hängt ein zweites Gerüst von der Decke. Ein großes Fass dient als gelegentliche Sitzfläche.

Man muss sich kurz an die Charaktere und ihren Bierkonsum gewöhnen, aber dann macht es großen Spaß, dem Spiel vor allem zwischen Tschick und Maik zuzusehen: Sven Hussocks Maik ist als Haupterzähler ein Träumer und Schwärmer, den Kevin Körber als cool-prolliger Tschick immer wieder auf die Erzählspur zurücksetzen muss. Ines Hollinger hat einen nur kurzen, aber lautstarken Auftritt. Zu kurz, um den Wandel von dem brüllenden Mädchen vom Schrottplatz zum prima Kumpel groß ausgestalten zu können. Aber es wird klar: Neben dieser Isa sieht die Klassenschönheit mit ihrer Party ganz schön blass aus.

Und darum geht es eben in „Tschick“, diesem wunderbaren Stück über das Heranwachsen und über die dauerhafte Freundschaft, diesem Stück, das vom Aufbruch erzählt und von der Erkenntnis: dass es völlig in Ordnung ist, nicht wie alle anderen zu sein. Und dass die schrägen Vögel meist die interessanteren Geschichten zu erzählen haben. Und dass die Welt, allen schlechten Nachrichten zum Trotz, doch ein ziemlich schöner Ort ist. Oder, wie Tschick es am Ende der 90-minütigen Aufführung sagt: Überall hört man, dass 99 Prozent der Menschen schlecht sind. „Aber wir haben genau das eine gute Prozent getroffen.“ – Anschauen !

Philipp Seidel, Landshuter Zeitung, 16. Oktober 2017

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Arg erwachsene Jugendliche
Wolfgang Herrnsdorfs Jugendroman "Tschick" im kleinen theater


Das Kleine Theater Landshut feiert aktuell mit großem Bahnhof das 25-jährige Jubiläum (siehe eigener Artikel). Lob, Anerkennung, Würdigung, Begeisterung allerorten. Zurecht. Vor diesem Hintergrund gibt es sicher angenehmere  Aufgaben, als mit dieser Rezension zur Premiere von Wolfgang Herrndorfs mittlerweile schon legendärem Geniestreich „Tschick“ ein wenig Wasser in den edlen Jubiläumswein zu gießen und den um den Rottenkolberstadel wehenden theatralen Weihrauch ein klitzekleines bisschen zu vertreiben. Keine Frage, die Bühnenfassung von „Tschick“ im Kleinen Theater ist ein gekonnt inszenierter und intensiv und packend gespielter Theaterabend.

Doch die handelnden Personen in der „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“-ähnlichen Geschichte um die ungewöhnliche Freundschaft eines Jungen aus wohlhabendem Hause und eines russischen Migrantenkindes, die auf ihrer Reise viele spannende Abenteuer erleben, sind nun mal Jugendliche. Zwei 14-Jährige. Die Sprache und der daraus resultierende Habitus und Gestus sind voll auf den sehr speziellen Konversationston von „Heranwachsenden“ abgestimmt. Wer solche Exemplare daheim hat oder hatte, weiß genau, was ich meine. Vor diesem Hintergrund war es eine eher suboptimale Idee, die drei Rollen arg reif mit Erwachsenen zu besetzen. Schon klar, auf dem Programmzettel ist deutlich verzeichnet, dass die im Kleinen Theater gezeigte Bühnenfassung 15 Jahre nach der eigentlichen Handlung spielt. Das ist mir nicht verborgen geblieben.

Casting nimmt dem Text die Glaubwürdigkeit

Nun bin ich grundsätzlich schon kein Freund von vorauseilenden dramaturgischen Erklärungen, damit man eine Inszenierung versteht. Und in diesem speziellen Fall hat das auch nicht geholfen, denn das erwachsene Casting nimmt dem Text die jugendliche Frische und das zutiefst Pubertäre – mit anderen Worten – es nimmt dem Text schlicht und ergreifend die Glaubwürdigkeit. Hat man sich auf diese veränderten Rahmenbedingungen eingestellt, kann man einen absolut unterhaltsamen und dichten Theaterabend erleben, der dahinrollt, wie der geklaute Lada der zwei Freunde Maik und Tschick.So mancher Dialog bleibt zwangsläufig unfreiwillig komisch und die Produktion erreicht deshalb auch nie jene berührende Wahrhaftigkeit, in die uns drei „echte“ Jugendliche hätten entführen können. Auch wenn es sich wie ein Sakrileg liest, aber das hätte man bei der Stückauswahl respektive Besetzungsauswahl im sonst auf jedes noch so kleine Detail achtende Kleine Theater bedenken können.

Natürlich darf man im Theater fast alles, man darf auch jugendliche Rollen erwachsen besetzen. Doch für mich war das Casting eine Hypothek, von der sich der Abend nur schwer erholen konnte. Auch wenn es sich wie eine Floskel liest, aber ein kecker Haarschopf macht aus einem erwachsenen Mann nicht automatisch einen Teenager. Kevin Körber (Tschick), Sven Hussock (Maik) und Ines Hollinger (Isa) werfen sich mit gewaltigem Einsatz ins Geschehen, das ist mit Händen zu greifen und verdient höchstes Lob. Auch Regisseur Matthias Eberth setzt viele spannende Impulse, da gibt es keine zwei Meinungen. Allein, man bleibt 90 Minuten zwangsläufig an der Oberfläche. Und Oberfläche ist im Kleinen Theater doch eigentlich tabu.

Fazit: Trotz intensiver Regie und Darstellerleistungen wird die „Tschick“-Produktion im Kleinen Theater dem zutiefst jugendlichen und pubertären Charakter der großartigen Textvorlage nicht wirklich gerecht. Das Premierenpublikum war dennoch in absoluter Jubelstimmung. Das sei der guten Ordnung halber nicht unterschlagen.
Vielleicht bin ich aber auch schon zu erwachsen, um diesen „genialen Besetzungscoup“ zu verstehen. Das weiß nur der Theatergott – und Kleines Theater-Intendant Sven Grunert

Thomas Ecker, Wochenblatt, 18. Oktober 2017

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Happy End im Loser-Chaos
Schwungvolle Landshuter „Tschick“-Version im Kleinen Theater Landshut

Gleich vorweg für alle die Zuschauer, die im Juli die Vorpremiere von „Tschick“ gesehen haben: Die jetzige Bühnenversion sprüht vor Dynamik. Mit kleinen bühnentechnischen und textlichen Veränderungen zündet „Tschick“ als Erfolgsstory auch in Landshut.

2010 erschienen, 2011 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, 2015 von Fatih Akin verfilmt, 2016 von Ludger Vollmer als Oper komponiert, avancierte „Tschick“ noch vor Mozarts „Zauberflöte“ in der vergangenen Spielsaison zum meist gespielten Bühnenstück Deutschlands. Jetzt präsentiert Regisseur Matthias Ebert eine flotte „Tschick“-Version mit dem nötigen Tiefgang im Kleinen Theater Landshut.

Wolfgang Herrndorfs Geschichte ist im Grunde simpel, ein Roadmovie über die Verletzlichkeiten und Sehnsüchte dreier Jugendlicher. Inspiriert von den Gemeinsamkeiten der Jugendbuchklassiker, die er selbst gelesen hatte, kreist sein Revival um Erwachsenwerden, Ausreißen und Herumvagabundieren, nicht wie Huckleberry Finn auf dem Wasser, sondern auf der Straße. Er schreibt im lässigen Ton unserer Tage, ohne vulgär zu sein, und entdeckt in einem skurrilen Sommerausflug zweier frustrierter Achtklässler aus ganz konträren Milieus ähnliche Erfahrungshorizonte und als Happy End das Gute im Menschen.

Maik, wegen seines Aufsatzes über seine alkoholsüchtige Mutter als Psycho verspottet, und der neue Mitschüler Tschick mit Karriere von der Förderschule ins Gymnasium – allerdings mit multikulturellem kleinkriminellem Hintergrund – haben eine Gemeinsamkeit. Sie werden als einzige nicht zu Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen. Beide sind ausgegrenzt, ohne wirkliche Eltern allein gelassen, frustriert; und doch wird es der beste Sommer ihres bisherigen Lebens.

Auf der kleinen Reise zwischen grauer Graffiti-Wand mit einigen verheißungsvoll aufleuchtenden Urlaubssymbolen und Absperrzaun, zwischen Gerüsten und dem Vorderchassis eines alten Ladas (Bühne Luis Graninger), entwickelt sich die Geschichte aus retrospektiven Erzählungen, temperamentvollen Miniszenen, Phasen der Stille und Rebellion als chaotische Abenteuerfahrt mit Happy End.

Matthias Eberth lässt nicht vom Polizeirevier aus, sondern gleich vor Ort erzählen. Tschick alias Kevin Körber stolpert über den Drahtzaun, setzt sich symbolisch über alle Abgrenzungen hinweg und verändert Maiks Leben um 180 Grad. Mit faszinierender Authentizität zwischen Naivität und emotionalem Tiefgang spielt Sven Hussock den liebenswürdigen, leicht beeindruckbaren Mitläufer Maik. Gleichzeitig erzählt er mit Blick in die Ferne aus der abgeklärten Distanz des schon Erlebten und der Leidenschaftlichkeit des immer noch Betroffenen. Temperamentvoll schlüpft er in die Rollen der Menschen, die sein Leben bestimmen. Kevin Körber gibt Tschick die geheimnisvolle Aura des Dahergelaufenen, der schon viel vom Leben weiß und doch so viel noch nicht kennt.

Die Bierdosen zischen. Gefühlsausbrüche explodieren als Percussion à la Stomp. Zusammen mit Ines Hollinger als „wiffer“ Aussteigerin Isa entwickelt sich ein schräges Trio, wahnsinnig direkt und echt, laut und fetzig liebenswert, nicht zuletzt durch Ines Hollingers witzig kommentierende Mimik, die ständigen, sich gegenseitig karikierenden Perspektivwechsel.

Und dann gibt es aus den Erzählungen die märchenhaften Gut-Menschen, die Bio-Mama mit der herrlichen Reispampe, die barmherzige Tante, die den Unfall regelt und nicht zuletzt Maiks witzige Suffmutter. Am Schluss mag man sie alle, weil sie einfach so sind, wie sie sind, echt und herzhaft, und im Chaos doch ein Happy End aufleuchtet. Ein Jugendbuchklassiker der fröhlichen Art, auch für ältere Semester amüsant. Sechs Schulvorstellungen sind schon ausverkauft.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 18. Oktober 2017

 

 

 

Foto: c) Hilda Lobinger

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