im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2015 / 2016

Pressestimmen zu "UNGEHALTENE REDEN UNGEHALTENER FRAUEN"

Weiberaufstand
„Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“ im Kleinen Theater Landshut

Fünf Monologe, eine Kunstperformance: Maja Elsenhans zeigt starke Frauengeschichten.

Die Zuschauer der ersten Reihe bekommen sicherheitshalber Plastikumhänge, denn auf der Bühne wird wie bei Jackson Pollock gearbeitet: Per Spraydose und Farbwürfen erfolgt eine künstlerische Annäherung an literarische und historische Frauengestalten. Aus Action Painting wird Action Acting, wenn Maja Elsenhans fünf „ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“ hält. Die werden sonst meist von mehreren Schauspielerinnen gespielt, Sven Grunert beschritt also mit seiner Inszenierung einen doppelt ungewöhnlichen Weg: Er eröffnete die Spielzeit mit einem Ein-Personen-Stück, indem er einer Schauspielerin alle fünf Rollen übergibt – ein psychischer und physischer Kraftakt, den Elsenhans mit Bravour meistert.

Sie stürzt sich in die Tragödie der Klytämnestra, die ihren Mann Agamemnon tötete. Der Kriegsführer war bereit, die gemeinsame Tochter Iphigenie für günstigen Wind für seine Flotte zu opfern! An seinem Grab spricht sie zu ihrem toten Gatten, hält Rückschau, gewährt Einsicht in ihr Motiv, in ihre Ansichten und Gefühle. Das ist die Stärke der Monologe eigensinniger, meinungsstarker Frauen nach der Buchvorlage von Christine Brückner, die Elsenhans in eineinhalb Stunden entfaltet: Sie trauert, wütet, schreit, weint, tanzt und lacht. Nach der heftigen Emotionalität Klytämenstras haben es die folgenden Figuren schwer, die weniger Entwicklung durchmachen. Die Wandlung von der Königsgattin zur Terroristin gelingt Elsenhans mit wenigen Mitteln – ein Pullover, ein Tuch reichen. Ein Übertitelungsschriftband zeigt dem Publikum Ort, Zeit, Person und Umstände der Rede an. Die kraftvolle Klytämnestra wird abgelöst von einer nervös von einem Bein aufs andere wechselnden Gudrun Ensslin, die trotzig die Taten ihrer RAF rechtfertigt.

Das sind zwei starke Einstiegsmonologe, die allerdings beim Publikum vor allem Beklemmung auslösen. Das trübt ein wenig die Stimmung während der folgenden, durchaus humorvollen Reden: Katharina Luther liest ihrem Martinus beschwipst tanzend die Leviten. Denn der predigt bisweilen anderes, als er lebt. Und dass die Frau dem Manne zu gehorchen hat, das sieht sie gar nicht ein. Elsenhans hat für die Verwandlungen nur wenig Zeit; die Zeit, die sie braucht, um die jeweiligen Namen an die Papierwände zu sprayen und mit roter und schwarzer Farbe zu beklecksen. Auch der Sprung von der lebensfreudigen Katharina Luther zur kranken Christiane von Goethe gelingt ihr gut. Die wenig gebildete, aber mit gesundem Menschenverstand ausgestattete Christiane entzaubert Goethes Seelenfreundin Charlotte von Stein – durch die geschlossene Tür, weil die sich nicht herablässt, sie zu empfangen.

Elsenhans findet für jeden Typ den passenden Ton – nur ihre Desdemona geht unter. Sehr atemlos, schnell, monoton versucht die, ihren Gatten Othello vom Mord an ihr abzubringen. In zunehmend lauter Musik und dem Rascheln, als sie nun die Papierbahnen von den Wänden reißt, verlieren sich ihre Worte. So findet die Inszenierung zum Ausgangspunkt zurück: Die künstlerische Performance gewinnt wieder die Oberhand.
Insgesamt ein starkes Stück und eine tolle Schauspielerleistung.

Katrin Filler, Landshuter Zeitung, 5. Oktober 2015

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Ein Seelenstriptease hoch fünf
Maja Elsenhans glänzt in der neuen Sven Grunert-Inszenierung im kleinen Theater

Einpersonenstücke gehören zum heikelsten, was es auf der Theaterbühne gibt. Schauspieler/in, Regie und Textvorlage befinden sich wie unter einem Mikroskop und werden in einer Art und Weise gefordert, die absolut gnadenlos ist. Schwächen gleich welcher Art werden nicht verziehen, nichts kann kaschiert oder verschleiert werden. Aber auch die Zuschauer werden bei Einpersonenstücken wie selten in Anspruch genommen und es entscheidet sich schon in der ersten Viertelstunde, ob das Konzept des Regisseurs funktioniert und die Zuschauer konzentriert bei der Stange bleiben oder ob sie ihre Gedanken ab- schweifen lassen und das Stück damit sein Ziel verfehlt.

Fünf Monologe von fünf verschiedenen Frauen Es war also eine durchaus mutige Entscheidung von Intendant Sven Grunert, die Spielzeiteröffnung 2015/2016 seines Kleinen Theaters mit der Premiere von Christine Brückners „Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“ zu starten. Doch gleich vorab: Grunerts Konzept hat funktioniert. Und wie. Fünf Monologe von fünf Frauen verschiedener Epochen: Klytämnestra, Gudrun Ensslin, Christiane von Goethe, Katharina Luther und Desdemona. Spannende, packende, sensible, melancholische, verführerische wie sarkastische Texte unterschiedlicher Charaktere, die nach einer Schauspielerin mit der Fähigkeit eines Chamäleons schreien.

Nicht nur aus diesem Grund kann die Leistung von Maja Elsenhans gar nicht hoch genug bewertet werden. Mit bewundernswertem Einsatz, höchster Konzentration und schauspielerischer Brillanz erweckt sie die fünf so grundverschiedenen Frauen eindrucksvoll wie berührend zum Leben und gibt jeder Figur – fast schon wie ein Medium – ihren ganz individuellen Raum. Da wird nichts gespielt, alles kommt bei Maja Elsenhans hochsensibel aus dem Inneren heraus. Dieser Seelenstriptease hoch fünf hat eine Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann.

Höhepunkt ist die Gudrun Ensslin-Szene Höhepunkt des Abends ist für mich allerdings eindeutig die grandiose Charakterstudie von Gudrun Ensslin in Stuttgart- Stammheim – da stockt einem wirklich der Atem. Wahnsinn. Sven Grunert benötigt in seiner Inszenierung nicht viel, um elektrisierende Spannung zu erzeugen. Weiße Papierwände, ein hypnotisches musikalisches Mantra, prägnante Informationen zur jeweiligen Szene über ein elektronisches Spruchband und der auf die Papierwände gesprühte und gemalte Name der Figur – mehr ist nicht nötig, um eine Art Malersaal-Ambiente zu erzeugen, in dem die unterschiedlichen Figuren quasi aus dem Nichts entstehen. Das ist wie auf einem weißen Blatt Papier, bevor der Künstler mit den ersten Pinselstrichen zu malen anfängt.

Ein großartiges Konzept. Eine großartige Regie. Doch Sven Grunert wäre nicht Sven Grunert, hätte er sich für die Schlussszene der Desdemona nicht noch etwas ganz Besonderes überlegt. Er inszeniert das Finale keinesfalls als Höhepunkt, ganz im Gegenteil, die Musik überdeckt am Ende den extrem schnell gesprochenen Text, der an irgendeinem Punkt unwichtig geworden ist, weil es nur noch um den Menschen geht, der dasteht und sein Herz ausschüttet. Kein emotionaler Ausbruch, kein Pathos und schon gar kein Klischee-Schluss, das Stück endet abrupt und unvorhersehbar.

Fazit: Sven Grunert und Maja Elsenhans beweisen mit „Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“ eindrucksvoll, dass faszinierendes Theater so gut wie kein Bühnenbild, so gut wie keine Requisiten und so gut wie keine Kostüme braucht. Regie und Darstellung agieren bei dieser Produktion im Kleinen Theater eindeutig auf Staatstheater- Niveau. Dass insbesondere Maja Elsenhans am Ende mit extrem langem wie begeistertem Applaus gefeiert wurde, war angesichts ihrer in jeder Hinsicht bravourösen Leistung eine logische Konsequenz. Viel besser kann eine Spielzeit wohl kaum starten...

Thomas Ecker, Wochenblatt, 7. Oktober 2015

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Zwischen Lust und Liebe, Revolte und Wahn
Brückners „Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“ im Kleinen Theater

Ausdrucksstark, spannend und mit viel Empathie spielt Maja Elsenhans fünf große Frauenfiguren. Langsam baut sich das Bühnenbild auf. Eine Frau pinnt Frauenporträts an die weißen Wände, breitet einen blau gesprenkelten Boden aus, entzündet zwei Kerzen, schleudert Farbe an die Wand: Rot und Schwarz, Liebe und Tod.

Wuchtig, leidenschaftlich, prägnant bringt Maja Elsenhans fünf Frauen auf die Bühne. Nicht irgendwelche Frauen, ganz besondere Frauen werden ungehalten, allesamt Rebellinnen im Kampf um Freiheit und Liebe.

Geschickt kürzt Intendant Sven Grunert Christines Brückners Textvorlage. Raffiniert entwickelt er als Regisseur eine eigenständige Reihenfolge und damit eine Metaebene der Erzählstruktur, die sich weit mehr als der Titel „Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen“ zu einer großen Fuge lebensphilosophischer Betrachtungen fügt, in der sich 2000 Jahre Kulturgeschichte spiegeln und die am Ende in der Kreisstruktur der Wiederholung als zarte Ode an die Liebe verklingt.

Die Frauen ziehen den Kürzeren und sind doch die wahrhaft Starken, weil sie ihre Werte bis zum bitteren Ende leben. Ein digitales Infoband verknüpft die Zeitreise mit Flughafenflair. Leitmotivische Soundtracks und Lichtabstufungen ermöglichen nahtlosen Szenenwechsel, während Maja Elsenhans ihre neue Rolle mit Farbe an die Wand schleudert.

Laut klagt Klytämnestra am Grabe ihres Mannes, nicht über seinen Tod, sondern über die Demütigungen, die er ihr zugefügt hat, die Sklavinnen, die er von jedem Krieg mit nach Hause brachte, die mit ihm das Bett teilten, seine fadenscheinigen Argumentationen, mit Göttern als Ausreden für Mord und Krieg. Dämonisch wirkt Maja Elsenhans im Licht von unten und gleichzeitig unschuldig in der weißen Tunika. Sie formt die Sprache in rhythmischer Metrik. Statt auf Pathetik setzt sie auf inneres Erleben, zeigt nicht die Rächerin, sondern das Opfer, nach des Gatten Tod nicht frei, sondern immer noch in seinem Bann. Sie verbrennt eine Maske als Zeichen ihrer Scheinexistenz, wagt ein Leben dagegen, indem sie nicht trauert, wohlwissend, dass auch dies nur Fassade ist.

2000 Jahre später geht Gudrun Esslin den entgegengesetzten Weg. In der Zelle tobt die emanzipierte Terroristin gegen die Enge der Bürgerlichkeit und Frömmigkeit, tanzt ihre Emotionen zur Elektrogitarre ab. Grau ist ihr Sweatshirt. Längst hat sie mit allem abgeschlossen. Weg von Andreas Baader fühlt sie sich eiskalt, emotionslos, als Isolationsopfer, von der Presse und Öffentlichkeit ausgebeutet. Sie wird zum Nichts, ausradiert, wird nie in einem Geschichtsbuch stehen. Nur ihr Herzschlag ist noch zu hören.

Dagegen wirken die Frauen aus der Vergangenheit ausgesprochen lustvoll. Ein rotes Fransentuch um die Hüften und ein Trauertuch auf dem Kopf entwirft Maja Elsenhans trotz Rollstuhl ein umwerfend sympathisches Bild von Christiane von Goethe. Sie wusste Goethe Lust zu machen, ließ ihm seine kleinen Abenteuer mit den römischen Mädchen und reagiert auf die Überheblichkeit Freifrau von Stein mit ironischer Gelassenheit. Noch wilder, angetrunken, das rote Tuch nur noch um ein Negligé gebunden, präsentiert Maja Elsenhans Katharina von Bora, die Frau Luthers. Ausgelassen hüpft sie zur historischen Ohrwurmmusik herum, durch und durch ein sinnliches Weib, das Luthers Wahrheitssuche in Büchern durch den Frühling der Liebe eines Besseren belehrt. Und noch einen Schritt zurück in die Vergangenheit schließt sich der Kreis weniger der Rebellinnen als der Liebenden mit einer verzweifelten Desdemona.

Hier wird Maja Elsenhans zum Leuchtstern der Liebe, der aufflackert und erlischt. Immer leiser bis zur Unverständlichkeit monologisiert sie Desdemonas Liebesleid, das in der Musik verklingt, verzweifelt reißt sie die Papierwände herunter, verwickelt sich darin, am Rande des Wahnsinns, weil der, den sie so aufrichtig liebt, ihr nicht glaubt. Das ist verdichtetes Leben, ein Stück Kulturgeschichte im kleinen Bühnenformat hochpoetisch im Spannungsfeld von Lust und Tragik in immer währender Wiederkehr.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 7. Oktober 2015

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Foto: Hilda Lobinger

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