im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2013 / 2014

Pressestimmen zu "WIR LIEBEN UND WISSEN NICHTS"

Für Romantik wird es eng
Moritz Rinkes "Wir lieben und wissen nichts" im Kleinen Theater Landshut

Vier Menschen mit ihren innewohnenden Gegensätzlichkeiten umkreisen einander in Moritz Rinkes "Wir lieben und wissen nichts", das am Freitag am Kleinen Theater Landshut Premiere hatte. Sie verlassen ihre Umlaufbahnen, tauschen testweise die Trabanten und werden doch nicht glücklich. ... Leidenschaften brechen aus, zartes Glück stellt sich ein, nichts ist von Dauer.

Die Bühne von Helmut Stürmer zeigt Sebastians möbelarmes, doch seelenreiches Zimmer und eine darüberliegende Kammer, ein Fluchtort, wie sich zeigen wird; der Zuschauer blickt in einen Winkel, in dessen trichterförmigen Enge sich die Beziehungsgeschichte abspielt. Durch die Öffnung des Trichters müssen die Schauspieler auch auftreten und abgehen. Für Romantik, erklärt Hannah an einer Stelle ganz richtig, wird es eng.

Regisseur Sven Grunert hat in seinem Haus erprobte Schauspieler zusammengeholt, die die Handlung kurzweilig tragen: Julius Bornmann darf seinen träumenden Sebastian manchmal richtig laut und ätzend werden lassen; Nathalie Schott als Hannah muss mal Sebastian bemuttern, mal darf sie sich Roman nähern, dann wieder von ihrer Affaire träumen; Andreas Sigrist als Roman ist besessen von sich, seiner Satellitenbatterie und von fremden Frauen; in einer wunderschönen Traumtanzszene findet er noch einmal zu seiner eigenen Frau, die Cornelia Pollak als geschobene, ertragende spielt und oft wie eine abgestellte Puppe dasitzt und sich betrinkt...

Ansonsten ... hat Grunert die Figuren so gut im Griff, dass sie nicht albern wirken - Anschauen lohnt sich.

Philipp Seidel, Landshuter Zeitung, 17.3.2014

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Was ist Märchen, was Realität

Moritz Rinkes Zeitgeiststück "Wir lieben und wissen nichts" am kleinen Theater

Zwischen zwei Paaren entwickeln sich bei der Wohnungsübergabe neue seelenverwandte Konstellationen – schon durch die Farbkorrespondenzen Rot und Orange vorhersehbar. Doch um das Sich-Erkennen im Andern geht es nicht. Die vier Menschen „lieben und wissen nichts“ von der Liebe, weil sie in ihrer neurotischen Egozentrik nur um sich selbst kreisen.

Hannah (Nathalie Schott), die mit Zen-Coaching Erfolgsquoten bei Bankern maximiert, ist mit Sebastian (Julius Bornmann), einem intellektuellen Buchautor zusammen, dessen Publikationen sich auf exotische Vorworte beschränken. Zärtlichkeit ist durchaus noch da. Die ist dem zweiten Paar völlig abhanden gekommen. Satellitenforscher Roman (Andreas Sigrist) vernachlässigt seine Frau Magdalena (Cornelia Pollak), eine Tiertherapeutin. Beim Tango harmonisieren sie nicht mehr. Dafür grabscht er in der Fremde. Das hört sich flach an, ist es aber nicht, weil Sven Grunert das Stück eben nicht als Boulevardkomödie inszeniert. Unter seiner Regie offerieren die Schauspieler die inneren Verletzungen der Figuren. Immer stärker bohrt sich das Spiel von der amüsanten Dialogoberfläche in die Innenwelten der Figuren.

Dabei zeigt sich die Verschiebung von Realität und Märchen unserer Tage, in der nur noch der vernetzte Mensch die Realität zu bewältigen scheint. Wer sich abkabelt, verpasst den Anschluss, stürzt ab, wird wie Sebastian impotent, unfähig oder ertränkt wie Magdalena ungestillte Leidenschaftlichkeit im Alkohol. Mit welcher Ausdruckskraft Cornelia Pollak diese Magdalena spielt, ist famos. Im Glitzerfummel wird sie zur Prinzessin der aussterbenden Art, lebensklug, sensibel, erotisch. Dass sie unter der Regie Sven Grunerts auch noch als Alkoholikerin abstürzt, mindert ihren Charme nicht, zeigt nur einmal mehr das Leid ungestillter Sehnsucht nach dem wirklichen Leben, das es eben nur noch im Märchen gibt.

Nathalie Schott macht aus Hannah eine gar nicht so unsympathische Karrierefrau, die alles im Griff hat. Taff schafft sie sich Parallelwelten der Liebe, damit das gewünschte Kind zum gewünschten Termin zur Welt kommt. Julius Bornmann und Andreas Sigrist polarisieren die Männerwelt zwischen Softy und Macho, zwei Auslaufmodelle, durch die differenzierte schauspielerische Umsetzung gerade in ihrem Unvermögen sympathisch. Passend verengt Bühnenbildner Helmut Stürmer das Wohnzimmer trapezförmig zum verspiegelten Eingang, wodurch sich die Hintergründe voyeuristisch eröffnen. Ein Zimmer darüber ermöglicht theatralische Effekte. Doch die entscheidende Szene spielt im Dunkeln: Zwei Seelen beginnen zu schwingen, Poesie pur, bevor der ganz alltägliche Wahnsinn wieder hereinbricht. Genauso erleben Roman und Hannah einen Moment der Nähe, wenn sie unter dem projizierten Raketenstart in Kasachstan gemeinsam ins Staunen geraten. Doch nicht einmal zur sexuellen Befriedigung reicht es in den neuen Konstellationen, – wie auch, wenn die Seelen, immer noch im Ego verhaftet, nicht fliegen können. So tiefgründig inszeniert und gespielt, funktioniert auch der wenig optimistische Schluss. Jeder geht allein weg. Sebastians Silhouette verschwindet in der Dunkelheit. Die Existenz kritischer Intellektualität löst sich einfach auf.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 19.3.2014

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Der ganz normale Wahnsinn des modernen Nomadentums
"Wir lieben und wissen nichts" - Es geht um alles im kleinen Theater

„Ich werde ständig irgendwohin gebracht, wo ich nicht hin will.“ So lamentiert Sebastian, seines Zeichens einer, den man nach turbokapitalistischen Maßstäben wohl eine gescheiterte Existenz nennt. Der Kulturhistoriker, der große Bücher schreiben will, hält sich mit Vorworten über Wasser. Und Träumen. Und Hannah. Sie hält Atemkurse für Banker. Weil die Herren des Geldes aber nicht zu ihr kommen, leben die Beiden ein Nomadenleben. Gestern Hamburg, heute Frankfurt, morgen Zürich, übermorgen irgendwo anders. Das ist die Ausgangssituation von Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“, das am vergangenen Freitag im Kleinen Theater Premiere gefeiert hat.

Die zweite Regiearbeit von Intendant Sven Grunert in dieser Spielzeit. Warum er sich dieses Textes angenommen hat, wird schnell überdeutlich: Es geht – wieder einmal – um die ganz großen, die existenziellen Fragen unseres Seins. Über zwei Stunden pausenloses Spiel Sebastian und Hannah sind nicht die einzigen Nomaden auf diesem Planeten. Sie machen aus der Not eine Tugend und bieten ihre Wohnung zum Tausch mit anderen Nomaden an. Auftreten im Kleinen Theater Raumfahrttechniker Roman und Tiertherapeutin Magdalena. Und schon ist ein ziemlich unwahrscheinliches, lächerliches und tragikomisches Doppelpärchen auf der Bühne beisammen. Logisch, dass es nicht lange dauert, bis sie mit Worten und Waffen aufeinander zielen.

Trägt die Konstellation über zweistündiges, pausenloses Schauspiel? Aber locker! Was vor allem an der schieren Masse doppeldeutiger Pointen liegt. Etwa, wenn Sebastian mit seiner Knarre, der „Stradivari unter den Handfeuerwaffen“, Roman bedroht und sich gleichzeitig über den Selbstmord von Hemingway lustig macht. Oder wenn Hannah ein mirakulöses Mitbringsel von Roman unter die Lupe nimmt: „Ihr Gerät scheint ja ein Meilenstein in der Geschichte der Entsafter zu sein.“ Dass der Technokrat im neuen Domizil keinen Anschluss findet, weil die Netzbuchsen übertüncht worden sind – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. So schleudern sich diese ungleichen Pärchen die Gemeinheiten um die Ohren, probieren zaghaft den Partnertausch, bis Magdalena zur finalen Erkenntnis gelangt, formuliert in einer Frage: „Kann man zusammenbleiben, wenn man sich die Wahrheit sagt?“ In diesem diabolischen Spiel agiert Julius Bornmann als Primus inter Pares. Sein Sebastian ist ein Loser, der nur eine Waffe hat: das Wort. Damit feuert er aus allen Rohren. Und mit ihm Regisseur Grunert, dessen Handschrift gerade in dieser Figur lautmalerisch zum Tragen kommt.

Zwei Pärchen im Ausnahmezustand

Die drei andern Figuren in diesem abgründigen Kammerspiel sind etwas schlichter angelegt: Natalie Schott als Hannah, die nur mit Müh‘ und Not nicht an Sebastian zerbricht, Andreas Sigrist als größenwahnsinniger Eroberer des Weltraums und Cornelia Pollak als seine Gefährtin, die ihren Kummer im Alkohol ertränkt. Es ist nicht nur pure (Selbst-)Zerfleischung, die Sven Grunert da lustvoll auf der Bühne zelebriert. Immer wieder trotzt er dem bitterkalten Spiel dieser Pärchen im Ausnahmezustand überraschende, zärtlich-poetische Momente ab, meist effektiv mit einem unwirklichen Hall in den Stimmen unterlegt. Diese meisterhafte Inszenierung als ein Ereignis zu bezeichnen, ist keine Übertreibung.

Christian Blümel, Wochenblatt, 19.3.2014

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„Wir lieben und wissen nichts" im kleinen theater Landshut

Intendant Sven Grunert hat am kleinen theater – Kammerspiele Landshut Moritz Rinkes populäres Vier Personen reden im Wesentlichen aneinander vorbei-Stück "Wir lieben und wissen nichts" tatsächlich vollinhaltlich ausgespielt und hat es geschafft, den Blick frei zu machen auf das psychisch trotz aller Jugend doch schon erstaunlich zerschundene Personal der – nunja – Komödie. Denn Rinke hat hinter den wortreichen Selbstauskünften sich an ihren beruflichen und privaten Rollen als letzte Daseinskrücke festbeißender Menschen huckepack deren komplette Hilflosigkeit festgemacht, mit sich selbst und anderen halbwegs unfallfrei auszukommen. Grunert zerrt diese Menschen nun in einer starken Inszenierung hinter ihren fadenscheinigen Selbstprojektionen hervor, stellt sie hinaus ans Licht, und beweist dabei en passant mal wieder, dass bei ihm Inhalte und seelische Grundzustände immer dann besonders hell erstrahlen, wenn das Bühnenlicht immer dunkler wird.

Das kleine theater nennt sich in seiner Überschaubarkeit des Bühnenraums nicht zu Unrecht Kammerspiele und nutzt diese Form weidlich zum Entdecken der inneren Dynamik in zeitgenössischen Textkörpern, die ja oft recht wortreich inneres Schweigen und eine erkennbar fehlende innere Mitte ihres Personals ausstellen. Dieses moderne Theaterpersonal ist ja noch nicht einmal mehr fremdbestimmt von gesellschaftlichen Verhältnissen, die man entlarven könnte, ihnen hat das 21. Jahrhundert sogar schon vom Kinderarsch weg in seiner hoffnungslosen multimedialen Beliebigkeit jede persönliche Haltung sanft und sauber für immer fortgespült. Man hat sich halt mal würstelschnappend im großen Fleischwarenangebot für irgendwas entschieden, und jetzt müssen alle ihre Beute mit bellender Bestimmtheit verteidigen, weil da sonst nichts mehr ist als eine grandiose Leere. Alles irgendwie zusammen- und zurechtgezimmert, wie das in Landshut schon das Bühnenbild von Helmut Stürmer hinlänglich demonstriert.

Während wiederum zwischendurch der Wohnungs- zum Paartausch zu werden droht, bleibt auch hier nach aller verzweifelter Sehnsucht nach ein paar Momenten glücklicher Zweisamkeit jedem der Vier zuletzt nur sein eigenes abgründiges Alleinsein übrig. Liebe geht, Beliebigkeit bleibt.

Nunja: Komödie? Bei Grunert, diesem alten Bühnenmelancholiker, gibt es da ohnehin berechtigte Zweifel, weil er auch hinter noch so komischen Texten der Komik zu Grunde liegende tiefere Seelenlagen ergründet. Und die sind dann meistens: eher tragisch. Schauspielpersonal zum Ergründen all dieser inneren Landschaften zwischen Komik und Tragik, dieses chronischen Egoismus bei gleichzeitigem Ich-Verlust gibt es in Landshut genug, alle vier Darsteller sind ja gern gesehene Gäste im Hause: Da ist Hannah, die Bankern Yoga-Stunden gibt, von einem Kind träumt und diesem Traum alles andere unterordnet: Nathalie Schott ist eine Kämpferin, immer auf der Suche nach Contenance und der effektivsten Möglichkeit zur Männermanipulation; sie würde so gern bärenstarke Bestimmerin sein und sieht zuletzt ein, dass ihr Bärenhabitat schon längst unter ihren Füßen hinweggeschmolzen war.

Da ist Sebastian, ihr Freund und ein Mann, der einen krampfhaft wirklichkeitsfremden Bildungsbürgerhabitus zu pflegen wünscht; Julius Bornmann ist in dieser Rolle ein Mann, der sich kommod und bis ins Mark voll sämiger Traurigkeit in seinem unzeitgemäßen Dasein festgekuschelt hat und letztlich am liebsten wohl gleich selbst gern das Kind wäre, das seine Partnerin sich wünscht. Bornmann ist so etwas wie die Wohnungsspukgestalt, ein kritischer Geist aus kritischen Büchern, genauso wie sein Gegenüber Andreas Sigrist als Roman einem seelenlosen, aus modernster Technologie zusammengesetztem Ungeheuer gleicht. Wie Sebastian in seiner Literatur ist auch Roman eigentlich nur in einem virtuellen Raum zu Hause, in seinen Computern und in der Satellitenwelt auf der Erdumlaufbahn. Von dort aus blickt er verständnislos auf die Oberfläche und verteidigt seine orbitale Position auch gegen die einbrechende Wirklichkeit rücksichtslos; Sigrist ist ein zumeist beunruhigend ins Leere starrender, hundsgefährlicher Roman an den Grenzen des Wahns.

Und schließlich Cornelia Pollak als Magdalena: Sie war schon tieftodtrauriger Mittelpunkt als Laura in Grunerts "Glasmenagerie"-Inszenierung, jetzt beweist sie, dass auch eine Komödie ihren melancholischen Kontrapunkt braucht. Ihre Magdalena ist als einzige Mensch geblieben, jedenfalls insofern, als der Mensch die Wärme der Zuneigung braucht und nicht die Eiseskälte der hautstraffenden Croy-Box, in die ihr Mann sie zu stecken pflegt. Sie bräuchte nichts anderes als eine Umarmung. Das hilft ohnehin in vielen Fällen schon. Aber selbst die gibt es hier nicht: Wer selbst keinen Standpunkt hat, der kann niemanden stützen.

Christian Muggenthaler, www.christian-muggenthaler.de, März 2014

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Einsame Zweisamkeit
„Wir lieben und wissen nichts“ im Kleinen Theater in Landshut: ein Zeitbild unserer Gesellschaft.

Bornmann spielt Sebastian fantastisch als Paradoxon zwischen autistischem Außenseiter und emotionsgeladenen Romantiker. Das Paar triftet immer weiter auseinander. Während sie Bankern auf der ganzen Welt Meditations-Workshops anbietet, um deren Performance zu maximieren, verliert er immer mehr den Glauben an sich und das Leben. Wohin soll das alles nur führen? Wenn dann auch noch der Raumfahrttechniker Roman mit seiner jungen hübschen Frau Magdalena – die Wohnungstausch-Partner – auftauchen, bricht für Sebastian alles zusammen. Pars pro toto. Denn schnell wird klar, dass sein emotionaler Kollaps nur ein Vorbote für den Zusammenbruch aller ist.

„Wir lieben und wissen nichts“ zeigt eine paradoxe Welt. Gegensätze ziehen sich an, heißt es im Sprachgebrauch. Doch irgendwann scheitern in Moritz Rinkes Theaterstück diese Gegensätze an ihrer Verschiedenheit. Hannah erträgt Sebastians Emotionalität und Unausgeglichenheit einfach nicht mehr, Magdalena wünscht sich aber genau diese von Roman, der nur in seiner Arbeit Befriedigung findet. Gefühle sind für ihn ein Fremdwort. Magdalena nur sein schönes Anhängsel. Er ist ein ekelhafter Lüstling in seiner Technik fixierten Welt. Erst als langsam das Licht ausgeht, ein Sternenhimmel auf die Bühne projiziert wird, wird Andreas Sigrist als Roman plötzlich zum Menschen. Er steht ganz allein dort auf der Bühne, blickt in den Zuschauerraum. Er bewegt sich kaum, ganz langsam kullern Tränen über sein sonst so gefühlsloses Gesicht. Ein emotionaler Höhepunkt dieser Inszenierung.

Sven Grunerts Inszenierung von „Wir lieben und wissen nichts“ ist keine Boulevardkomödie mehr, sondern ein tragikomische Beziehungsdrama, an dessen Ende die vier Protagonisten getrennte Wege gehen. Einsam, einzeln gehen hier die vier von der Bühne. Es fühlt sich sehr ehrlich an und als die einzig richtige Entscheidung. Jegliche Romantik ist passé. Denn in dieser durch-organisierten, post-technologischen Welt kann es keine Zweisamkeit mehr geben, zumindest keine die auf Dauer anhält.

Julia Weigl, Juni 2014

 

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