im Spiegel der Presse

Inszenierung der Spielzeit 2016 / 2017

Pressestimmen zu "Wonderful World, Perfect People"

Ein optimales Leben, bitte!
„Wonderful World Perfect People“ im Kleinen Theater Landshut

Schöner, besser, schneller, effektiver: Das moderne Leben verlangt ständige Optimierung. Sogar der Schlaf soll noch effizienter gemacht werden, durch optimale Auswertung der Träume via App. Die Protagonisten in Udo Jollys „Wonderful World Perfect People“, das jetzt im Foyer des Kleinen Theaters Premiere hatte, versuchen, das beste aus ihrem Leben rauszuholen, jeder auf seine Weise.

Die eine (Maja Elsenhans) wütet sich eher chaotisch den Weg durchs Leben, ist genervt, wenn´s nicht läuft, suhlt sich in der Phantasie, nervtötenden Mitmenschen die Meinung zu sagen oder mit dem Auto brachial irgendwo reinzukrachen. Sie sagt: „Ich halte mit Ach und Krach alles aufrecht.“ Der andere (Christian Mark) sucht Erleuchtung durch Chakren, in Selbstfindungskursen, in optimaler Ausgeglichenheit. Er fragt: „Wäre es nicht schön, anzukommen?“ Gemeinsam ist den beiden, als sie sich zufällig begegnen, dass sie nicht leben, was sie fühlen, und sich damit gehörig unter Druck setzen.

Sven Grunert zeigt das in seiner schönen Inszenierung, indem er seine Darsteller nie zur Ruhe kommen lässt. Sie sind permanent in Bewegung, radeln ständig auf Ergometern, die ganze kompakte, einstündige Vorstellung lang – wenn sie nicht gerade gemeinsam atmen oder Yoga machen. Natürlich nicht zur Entspannung, sondern für das optimale Lebensgefühl.

Glücklich ist damit keiner der beiden so recht. Aber irgendwie muss es doch gehen. Beide sehen im anderen, was sie nicht sind oder gern wären, spornen sich an, regen sich an, tauschen sich aus.

Die flotte Inszenierung reiht passend nahtlos und ohne Umbau Szene an Szene: Die Ergometer zeigen das Dauer-Gehetztsein, Kunstrasenstücke deuten aber zugleich andere Orte an wie Fitness-Studio, Yoga-Raum, der Park ein Platz für den Drogenrausch oder die Disco.

Elsenhans und Mark tauchen tief ein in die seelische Verfasstheit ihrer Figuren und spielen sie sympathisch und nachvollziehbar auf der Suche nach Optimierung und damit nach einem Lebenssinn. Bei allem Effizienzzwang bleibt dem Stück eine schöne Leichtigkeit, die die beiden aufs Publikum übertragen. Dazu passt die Musik: Begleitet werden die Szenen hauptsächlich von zwei Musikstücken: „Via con me“ von Paolo Conte und „I wanna be with you“ von Fleetwood Mac, was dem Ganzen auch noch einen gutgelaunten 80er-Jahre-Charme verleiht – noch dazu, da beide angedeutete Stirnbänder tragen. Hat damals der Optimierungswahnsinn angefangen, mit der Aerobic-Welle?

Der Effizienzzwang nimmt hier jedenfalls mit der italienischen Lässigkeit aus Contes Lied ein erfrischenden Ende, wenn sich buchstäblich alles zusammenfügt. Was zählt, ist das Glück. Und dahin gibt es keinen optimierten Weg. Zum Glück zeigt das Kleine Theater, wo es langgeht.

Katrin Filler, Landshuter Zeitung, 30. Mai 2017

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Perfekte Menschen im Knockout
„Wonderful World, Perfect People“ im Kleinen Theater Landshut

„Wonderful World, Perfect People“ – Regisseur Sven Grunert findet in der Satire ein fröhliches Happy End, herrlich erfrischend gespielt von Maja Elsenhans und Christian Mark.


Das Stück „Wonderful World, Perfect People“ zeigt im Kleinen Theater Landshut mit Humor den Leistungsdruck modernen Lebensstils. „It’s wonderful“, das Lied greift noch nicht. Viel zu nervös und gehetzt sind er und sie auf dem Weg ins Fitnessstudio. Doch der Blick auf die Uhr, das Warten lassen ein Date assoziieren. Die beiden könnten sich finden. Oder doch nicht?

Als Charaktere sind sie extrem unterschiedlich. Sie, eine frustrierte Alleinerzieherin, die sich ständig neu erfinden möchte und dabei ein ums andere Mal mit ihrem Unvermögen konfrontiert wird, reagiert auf alles überaus aggressiv. Sohn und Freundin sind schon längst auf Distanz gegangen.

Er, optisch ein verweichlichter Kuschelbär, entpuppt sich als Online-Journalist, der den zunehmend beruflichen Druck mit allen erdenklichen Think-Pink-Methoden ausgleichen will.

Sven Grunert, Intendant des Kleinen Theaters, macht aus dem simplen Dialogstück Udo Jollys, das im Grunde nur aus Klischee-Sätzen besteht, eine pfiffige Inszenierung, dynamisiert den verbalen Schlagabtausch mit sportlicher Geschwindigkeit. 90 Minuten lang lässt er Maja Elsenhans und Christian Mark auf Spinnbikes strampeln. Mit jedem Gang, den sie höher schalten, decouvrieren sich seine angelernten Glücksbotschaften als Dressurmechanismen einer unerbittlich funktionsorientierten Gesellschaft. Gleichzeitig gewinnt so mancher Satz die Ursprünglichkeit seiner meditativen Bedeutung zurück. Wie befreiend kann schon ein gemeinsames Atmen sein. Dann erlischt auch das Werbedurchlaufband „Wonderful World, Perfect People“ für einen kurzen Moment.

Heiter, unterhaltsam, unterlegt mit Musik intensiviert Sven Grunert das Spieltempo adäquat zur Gangschaltung und verdichtet so dramaturgisch den emotionalen Wechselkurs der beiden. Sie lädt ihn aggressiv auf, sodass unter seiner Heile-Welt-Oberfläche die Abgründe seines beruflichen Dramas auftauchen, während seine Botschaften sie Schritt für Schritt aus dem Sumpf der Selbstverurteilungen hochholen.

Ein paar eingeworfene Pillchen versetzen beide in Höhenflug , doch sie schaffen das Zueinander auch real im Jetzt und Hier des Fitnessstudios.

Herrlich authentisch gespielt und sympathisch parodiert, bieten Maja Elsenhans und Christian Mark jede Menge Projektionsflächen für die Zuschauer. Die beiden lassen kein Klischee aus, atmen yogamäßig, entspannen mit Thai Chi, radeln buckelnd, gedrückt von den eigenen Lebenserwartungen, schweben high mit ausgebreiteten Armen wie Riesenvögel, nerven sich gegenseitig in Selbstmitleidsmonologen und sind sich selbst gegenseitig Spiegelungen extremer Frustrationsverdrängungen. Erst die Einsicht zum „Nein“ oktroyierter Ansprüche gewährt Erlösung. Dann realisieren sich alt tradierte Weisheiten, dass das „Glück vom Glück anderer abhängig“ ist oder man einfach akzeptieren soll, wie man ist. Das Werbedurchlaufbanner „Wonderful World, Perfect People“ erlischt, die Parole greift nicht mehr.

Sven Grunerts Version endet herzerfrischend mit einem Happy End. Zusammen auf einem Rad, finden beide endlich zueinander. Und wenn in den Applausschlaufen sich eine kleine weiße und schwarze Treppe ineinanderschieben, ist Yin und Yang mit Augenzwinkern perfekt vereint. Jetzt dürfen die Glückskekse fliegen und die Satire wird zur glücklich machenden Soap-Opera.

Michaela Schabel, Landshut aktuell, 31. Mai 2017

 

Foto: Hilda Lobinger

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