"Ein Ort für Experimente und Theaterutopien"

Von Petra Schönhöfer. (Auf: Suite101. Das Netzwerk der Autoren, 2008)


"Das kleine Theater in Landshut" – Ein Ort für Experimente und Theaterutopien. Im niederbayerischen Landshut schafft das kleine Theater-Kammerspiele Landshut mit Bravour, was vielen großen Häusern nicht gelingt: einen ganz eigenen Stil zu pflegen.

Die Idee zum "kleinen Theater" entstand 1992 unter griechischer Sonne, davon erzählen Intendant Sven Grunert und Schauspieler Matthias Kupfer, die Theatermänner der ersten Stunde, gerne. Grunert war geprägt von seiner Zeit als Regieassistent im Mailänder „Piccolo teatro“ von Giorgio Strehler, welcher Brecht- und Shakespeare-Interpretationen schuf, die ihn auf eine Stufe mit Peter Brook und Peter Stein in der europäischen Theatergeschichte stellten. Und Kupfer war nicht gerade ein geographisches Genie, ein Münchner, der sich damals fragte, wo dieses Landshut eigentlich liege.
 
Das zweite Theater für Landshut- eine schwere Geburt

Und sie erzählen davon, wie sie das Konzept gegen alle Widerstände durchsetzten. Zunächst nämlich räumte ihm der Stadtrat keine längere Lebensdauer als eine Premiere ein. Was soll eine Stadt wie Landshut auch mit einem zweiten Theater? Die Entstehungszeit war bestimmt durch das Ringen um Finanzierung, aber auch durch die hartnäckige Behauptung einer Vision: „Weg mit allem Moralischen, Ideologischen, wir suchten alles in der reinen Form des Spiels“, so erklärt Grunert heute seine „Landshuter Anarchie“.

Neben Kupfer und Grunert saß der Filmregisseur Gil Mehmert („Aus der Tiefe des Raums“) an der Wiege des kleinen Theaters – in einem Landshuter Hinterhaus. „Es ist unmöglich, also lass es uns wagen“ war die Schwindel erregende Losung, die alle Skeptiker schließlich überzeugte. Dass sich die Investition in dieses Theaterleben gelohnt hatte, bewies eine gelungene erste Premiere mit dem zeitgenössischen Stück "Liebe Jelena Sergejewna" von Ljudmila Rasumowskaja und die gefeierte erste Spielzeit. 14 weitere sollten bis heute folgen, getragen durch das Engagement und die Begeisterung vieler Helfer, Förderer und Freunde, deren größtenteils ehrenamtlicher Einsatz neben allen intellektuellen Konzepten und Manifesten die Atmosphäre des Hauses entscheidend prägt.
 
Liebling von Staat, Stadt und Kritik

Aus Kindern werden Leute und so ist auch das kleine Theater-Kammerspiele Landshut mittlerweile aus dem Gröbsten heraus. Zumindest was die öffentliche Anerkennung anbelangt, lobt der Freistaat Bayern es doch als „kulturelles Glanzlicht der Region“. Auf internationalen Festivals wird das kleine Theater Kammerspiele Landshut vom Bayerischen Staatsministerium als „Botschafter bayerischer Staatskultur“ unterstützt. Die Finanzierung durch Stadt und Sponsoren, durch Freunde und Förderer ist mit solchen Argumenten schneller gesichert. „Kultur bedeutet in diesen Tagen eigentlich immer Kampf“, unkt Grunert, aber das Zuhause im preisgekrönten Rottenkolber Stadel aus dem 16. Jahrhundert, dessen Umbau vom Kultur- und Bausenat der Stadt Landshut 1996 in einer Zeit beschlossen wurde, als Kultureinrichtungen vielerorts dicht machten, ist zu einem Theater-Geheimtipp geworden.

Künstlerisch hat die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in den herrschenden Strukturen deshalb noch lange nicht aufgehört. Das kleine Theater-Kammerspiele Landshut bleibt das Labor, Versuchsstätte der Illusion und Ausgangspunkt der Utopie. Dabei hat es den Menschen immer fest im Blick, setzt sich mit ihm auseinander und so selbstverständlich das klingt, so selten ist das doch in der heutigen Theaterlandschaft, wo häufig die Oberfläche regiert. Der Spielplan 2007/ 08 unterstreicht das sich entfaltende Selbstbewusstsein, die Offenheit und Neugier des heranwachsenden Theaters. Fantasie, Sinnlichkeit und Poesie bleiben Ton gebend für Grunerts Bühnenarbeit. Spiel und Zauber sind auch weiterhin fester Bestandteil der Theaterarbeit.

Durchsetzungsfähiger Theater-Teenager

Die Bühne am Maxwehr nahe der Isar ist also wie ein gut gedeihender Teenager, ein 16 Jahre alter Theater-Backfisch, der schon mal gegen den Strom schwimmt, um andere Wirklichkeiten, Denk-, Atem- und Lebensräume für das Theater aufzutun. Seine Durchsetzungsfähigkeit stammt aus schwierigeren Tagen, von der mutigen Umsetzung von Projekten und Experimenten gegen viele Widerstände und vielleicht sogar gegen die eigene Erfahrung von dem, was eigentlich machbar ist. Das unerschrockene Standhalten im kreativen Vergleich mit den anderen, den so genannten „großen“ Häusern , ist ebenso sein Markenzeichen wie das rote k vor der Haustür.