„Der Marionettenspieler lädt zum Zirkus“

Von Kathrin Geltinger: Sven Grunert zu Gast in der Redaktion der Landshuter Zeitung. (am 22.11. 2008)

Der Intendant des "kleines theaters" inszeniert "Peter Pan" für das Tollwood-Festival.


 Wer Sven Grunert zuhört, merkt, dass seine Arbeit einen großen Teil seiner Person ausmacht. Er versuche, in seinen Inszenierungen eine Logik zu entwickeln; sie sollen seine aktuelle Entwicklung widerspiegeln, sagt er. Darum habe er gemeinsam mit Odile Simon und Matthias Kupfer das "kleine Theater" gegründet. "Ich will darstellen, was mich in meinem Menschsein ausmacht. Die Zuschauer merken es, wenn jemand Dinge erzählt, von denen er keine Ahnung hat. Wenn ich aus meiner eigenen Erfahrungswelt erzähle, bin ich glaubhafter für das Publikum".

Grunert, der dieses Jahr "Peter Pan" nach der Geschichte von James Matthew Barrie für das Münchner Tollwood-Festival inszeniert, war bereits mit zehn Jahren Regisseur und Intendant seines eigenen Theaters. Mit einer Marionettenbühne tourte er durch die Kaufhäuser von Böblingen und Stuttgart. Eine Räuber-Puppe mit gelber Mütze war daran schuld. Sie gefiel Grunert so gut, dass er eigene Figuren aus Pappmaché bastelte und eine Bühne zum Spielen baute. "Besonders fasziniert hat mich immer der Vorhang. Meine Schwester hat mir für das Marionettentheater einen genäht, und ich fand dieses Auf- und Zuziehen ganz toll."

Gespielt wurden Handlungen aus Büchern und Filmen. "Ich habe als Kind gern den ,Komödienstadel' angesehen", erzählt er, "und natürlich die ´Augsburger Puppenkiste´. Die Bühne und alles drumherum fand ich spannend."

Nach dem Marionettentheater gründete Grunert als Jugendlicher eine Liedermachergruppe, begann später ein Volontariat beim "Herrenberger Gäuboten". Das Theater blieb trotzdem immer gegenwärtig. Im "Jugendkritischen Theater Stuttgart" war er in der Regiegruppe. "Und als mein Vater mich als Presseassistent bei der SPD-Landtagsfraktion unterbringen wollte, bin ich abgehauen, zu Freunden nach Hamburg", sagt Grunert. Nicht, weil seine Eltern ihn nicht unterstützt hätten. Im Gegenteil, sie hätten ihn und seine beiden älteren Schwestern immer ermutigt. Er fand einfach keine Freude an der Pressearbeit, wollte etwas anderes machen. In Hamburg meldete er sich bei der Hedi-Höpfner-Schauspielschule an, auch, um dem Bundeswehrdienst zu entgehen. Von Hamburg aus bewarb er sich bald nach Bochum und wurde genommen. Dort wurde ihm klar, dass ihm die Regiearbeit mehr liegt als das Schauspielern. "Ich fand aber die Erfahrung, wie die anderen Arbeitsbereiche des Theaters funktionieren, wie es auf der Bühne ist, wichtig für einen Regisseur." Das Schöne an der Regie sei es, immer wieder mit anderen Menschen gemeinsam Grenzen zu überschreiten und Neues zustande zu bringen.

Für die Inszenierung des "Peter Pan", sagt Grunert, habe er zunächst seinen persönlichen Bezug zu der Figur entdecken müssen. Das Stück konnte  er aus einer Reihe von Themen wählen. "Bei ´Peter Pan´ wusste ich: Das ist es. Das passt zum Festival und seiner Atmosphäre."

Er hat sich eingearbeitet in Barries Text und dessen Entwicklung. Die erste Erzählung mit Peter Pan, "Der kleine weiße Vogel", hat ihn viel mehr beeindruckt als das ausgearbeitete Stück oder der Roman. Es zeigt laut Grunert, wie Kinder spielen, wie sie in der alltäglichen Welt des Parks eine Fantasiewelt erschaffen. Darum lässt er in seiner Inszenierung den "Zirkus Neverland" gastieren, der mit einem alternden Peter Pan "Peter Pan" aufführen will. "Im Zirkus erlebt sich der Mensch, seine spielerische Seite kommt hervor." Pans Fähigkeit zu fliegen versteht der Regisseur nicht als ein märchenhaftes, wirkliches Fliegen, sondern als eines im übertragenen Sinn. In jedem Alltag gebe es Wunder, Abenteuer und Akrobatik, sagt Grunert. Dies zu entdecken, sei auch eine Art zu fliegen.