Der Mensch als Ware und Objekt

Von Hannelore Meier-Steuhl.

Sven Grunert inszeniert in Landshut Simon Stephens´ Episoden-Drama "Pornographie"

"Ein Stück muß von Menschen handeln", lautet das Credo des englischen Dramatikers Simon Stephens, Jahrgang 1971. Dieser Selbstverpflichtung wird Stephens uneingeschränkt gerecht. Seine Arbeitsweise hat etwas Reportagehaftes; er versucht ganz alltägliche Menschen literarisch einzufangen. So geht es in seinem Episoden-Drama mit dem marktschreierisch anmutendem Titel "Pornographie" keineswegs um Sex. Simon Stephens verwendet den Begriff vielmehr im übertragenen Sinn. Der Mensch als Ware, als Objekt, als Spielball der Machtgelüste anderer - das gilt wie für die Porno-Industrie auch für die Figuren in seinem Bühnenstück. Für die Managerin, die ein Firmengeheimnis verrät; den Schüler, der seiner Lehrerin nachstellt; ein Geschwisterpaar, das im Suff Inzest begeht, oder für den Professor, der seine ehemalige Studentin mißbraucht. Tabubrüche werden zu einem Bestandteil des ganz gewöhnlichen Alltags. Für Sven Grunert, der das Stück jetzt am "kleinen theater" in Landshut inszeniert , ist es wichtig, dem Zuschauer zu vermitteln, dass das Stück zwischen dem 2. und 7.Juli 2005 spielt, während des G-8-Gipfels in London, in einer euphorisierten Metropole, die gerade zur Olympiastadt gekürt wurde. Hier ereignet sich am 7.Juli der Terroranschlag in der U-Bahn, bei dem 52 Menschen ums Leben kommen. Die Bomben haben vier gebürtige Briten pakistanischer Herkunft gezündet. "Stephens zeigt uns vor dem Hintergrund dieser Tage in Schlaglichtern sieben Einzelschicksale, sieben Menschen in Grenzverletzungssituationen," so der Regisseur. Durch diese Tabubrüche, begangen von Personen, die in einer zerrissenen Welt zurechtkommen müssen, wolle der Autor zeigen, dass Gewalt in jedem von uns angelegt sei. Die Zuspitzung der von Stephens geschilderten Vorgänge in einem Attentat macht, so Grunerts Überzeugung , deutlich, dass Terrorismus gewissermaßen Hand in Hand geht mit der Pornographisierung unserer Gesellschaft. Aber auch die ungeheure Beschleunigung von gesellschaftlichen Prozessen, vor allem durch die Medien und das Internet, überfordere uns alle. "Das Problem", so Grunert, "ist systemimmanent. Das Stück will dem Zuschauer bewußt machen, dass wir alle fähig sind zum Terror, in Form von Hass, von Aggressionen. Es besitzt eine ungeheure Aktualität und erzählt viel über kollektive Prozesse." Über seine Inszenierung verrät der Regisseur so viel, dass er die einzelnen Szenen in einer Workshop-Situation auf der Bühne darstellen wird. Durch mehrere Videokameras wird alles, was geschieht, unter Beobachtung gestellt. Sven Grunert: "Ich möchte das Gefühl vermitteln, dass hier alle in einem Zug sitzen, dass wir alle Teil einer Entwicklung während einer Zugfahrt sind."