"Die Vereinsamung der Blanche Dubois"

Von Hannelore Meier-Steuhl.

(In: Die Deutsche Bühne, online, 2009)

Sven Grunerts formidable „Endstation Sehnsucht“ am kleinen Theater Landshut

Ganz realistische Gestalten hat Tennessee Williams in seinem Drama „Endstation Sehnsucht“ geschaffen, der Text ist ein großes Programm über Menschheit und Zivilisation. Das Stück vermag deshalb auch Erhellendes über soziale Reibungen, Normenkonflikte und Abstiegsängste unserer Gegenwart auszusagen, über Zusammenhänge von Kapitalismus und Depression. Vielleicht ist das der Grund, warum „Endstation Sehnsucht“ in dieser Spielzeit auf so vielen Bühnen gespielt wird. Dass dabei nicht unbedingt immer die großen Theater die Nase vorn haben, kann man momentan in Bayern beobachten, wo an den Münchner Kammerspielen Sebastian Nüblings Inszenierung bei der Kritik auf nahezu einmütige Ablehnung gestoßen ist, während Sven Grunert im benachbarten Landshut am „kleinen theater“ eine fulminante Regiearbeit auf die Bühne brachte. Grunert versucht gar nicht erst, die Geschichte aus den prüde-verlogenen amerikanischen Fünfzigern eins zu eins in unsere Gegenwart zu übersetzen; die schwülen Probleme von anno Williams haben sich in seiner Inszenierung weitgehend erledigt. Ihn interessiert vor allem die Frage, was in einem Menschen vor sich geht, der – vor dem Hintergrund einer untergegangenen Kultur – aus seiner Lebenswirklichkeit herausgeworfen ist und sich durch die Verschiebung von Realität und Imagination in einem Gefühlschaos verliert. Seinem psychologischen Interpretationsansatz entsprechend hat die Inszenierung ihr absolutes Zentrum in der Figur der Blanche Dubois. Einer glasklaren Dramaturgie (Susanne Hindenberg) folgend schildert Grunert den Verlauf einer seelischen Erkrankung, die – ausgelöst durch Vereinsamung, – über Haltlosigkeit und innere Verwahrlosung in einen totalen Realitätsverlust führt. Und er zeigt uns, wie Blanches Umgebung mit brutaler Gewalt und in Verzweiflung mündender Hilflosigkeit darauf reagiert. „Endstation Sehnsucht“ ist ein perfektes Schauspielerstück, und Grunert hat die Rollen perfekt besetzt. Mit der großartigen Julia Jaschke als Blanche, die zwischen ältlicher Mädchenhaftigkeit und Divenallüren, verklemmter Frivolität und dreister Herausforderung changiert. Eine komplexe Frau wie diese gebeutelte Blanche, die sich ihre Eitelkeit als letzten Schutzpanzer bewahrt hat, muss ihre Umgebung total verunsichern, allen voran ihren Macho-Schwager Stanley Kowalski, den Andreas Sigrist zwar als prallen Proleten, aber nicht als Dummkopf spielt. Wenn er in der Vergangenheit der geschassten Lehrerin und späteren Gelegenheitsprostituierten Blanche wühlt und ihr Lügengespinst mit sadistischer Lust enttarnt, dann enttarnt er gleichzeitig auch sich selbst: seine Komplexe, seine Minderwertigkeitsgefühle und seinen Hass. Es ist diese Ambivalenz, die für Spannung sorgt, und es sind diese beiden Darsteller, Julia Jaschke und Andreas Sigrist, die in ihrer dichten Bühnenpräsenz zur Kraftquelle der Inszenierung werden. In schönem Kontrast dazu: Dagmar Geppert als Blanches unerschütterlich loyale Schwester Stella, die verbissen ihr Wohnküchenglück an der Seite des „Polacken“ Stanley verteidigt, der ihr zwar weder Geld noch Luxus, dafür aber Prügel und umwerfende Nächte bietet. Und schließlich Steffen Nowaks Mitch: ein Blanche zu Füßen liegendes Muttersöhnchen, solange er in ihr die Herrentochter, die Südstaatenlady vermutet; ein schäbiger Dreckskerl, sobald er in ihr die enttarnte Schlampe sieht.