Ein Denk- und Kulturraum für die ganze Region

von: Christian Muggenthaler, Nürnberger Nachrichten, 12.03.2013

„kleines theater“ mit großer Wirkung: In Landshut behauptet sich neben dem Landestheater eine Experimentierbühne

Das „kleine theater - Kammerspiele Landshut“ hatte im Jahr 2012 12000 Besucher. Ein neuer Publikumsrekord für ein Haus, dessen Arbeit mit zwei Produktionen im Juni auch bei den Bayerischen Theatertagen in Nürnberg zu sehen sein wird. Läuft seit Oktober 2011 im „kleinen theater“: Die „Dreigroschenoper“.

Es ist ungewöhnlich genug, dass eine Stadt wie Landshut mit ihren gut 65000 Einwohnern zwei Theater mit überregionaler Bedeutung besitzt. Und während das eine, das Landestheater Niederbayern, gerade wegen politischer Debatten um seinen derzeitigen Standort und einen bevorstehenden Umbau für Schlagzeilen sorgt, hat das andere, das „kleine theater – Kammerspiele Landshut“ jetzt seinen 20. Geburtstag hinter sich und so viel Zuschauer wie noch nie.

Die Einrichtung startete in einem Hinterhof in der historischen Innenstadt des Ortes an der Isar. Wenige Jahre später zog sie an ihren jetzigen Standort, einen für seine Zwecke perfekt umgebauten gotischen Stadel. Stets pflegte man das Theaterexperiment und freut sich jetzt über das 20-Jahres-Hoch.

Jenseits des Mainstreams

Die Gründe dafür sind vielfältig. Als vor 20 Jahren der heutige Theaterleiter Sven Grunert mit „Liebe Jelena Sergejewna“ von Ljudmila Rasumowskaja die erste Spielzeit begann, reagierte das Publikum entzückt: Es zeigte sich, was ein Theater jenseits des Mainstreams so alles kann – und wie man mit mutigem Theater erfolgreich sein kann.

Oder vielleicht: trotzdem. Das bewusste Wirken jenseits des Hauptstroms ist bis heute das Prinzip des Hauses geblieben.

Das Brechen von Sehgewohnheiten, das Entdecken neuer Bühnenstoffe oder ungewöhnlicher Sichtweisen auf Bekanntes gehört dazu — und das politische Theater. In der Nähe Landshuts gibt es zwei Atomkraftwerke – und nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima hat man in Irrsinnsgeschwindigkeit ein neues Stück einstudiert. Das alles bewirkt, dass Landshut längst als Theaterstadt überregional bekannt geworden ist. So kommt es, dass Produktionen des Hauses immer öfter zu Festivals eingeladen werden, das Ein-Frauen-Stück „Oskar und die Dame in Rosa“ mit Léonie Thelen hat den Publikumspreis bei den 30. Bayerischen Theatertagen in Augsburg gewonnen und tourt jetzt auch außerhalb der Stadt.

Bei den diesjährigen Bayerischen Theatertagen in Nürnberg werden die Stücke „Max“ von Beat Fäh und „Die Ängstlichen und die Brutalen“ von Nis-Momme Stockmann zu sehen sein. Jedwede Diskussionen über Theaterkrisen waren dem „kleinen theater“ immer vollkommen egal, stattdessen stemmte man als Haus, das kein festes Ensemble hat, sondern mit Gastschauspielern agiert, mutig auch mal Großproduktionen wie zuletzt Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“.

So etwas ist eigentlich für ein Theater dieser Größenordnung – es bietet rund 100 Zuschauern Platz – ein Vabanque-Spiel, aber das Schicksal schätzt gern auch mal das Risiko: Die Produktion ist bisher 40 mal ausverkauft gewesen und gehört jetzt schon zu den Haus-Klassikern, neben dem erfrischend anarchischen und subversiven Hans-Söllner-Musical „Bloß a Gschicht“.

Vorbild Giorgio Strehler

Theaterleiter Sven Grunert hat gearbeitet unter und ist geprägt von Giorgio Strehler, dessen Haus in Mailand, das piccolo teatro di Milano, auch den Namen „kleines theater“ erklärt. Gern zitiert er das Diktum des Meisters, dass „das Licht der Bühne nicht das der Scheinwerfer, sondern das der Phantasie“ sei. Für Grunert ist die Bühne ein Ort, an dem Grenzen ausgelotet werden, „die Grenzen unserer Herzen, die Grenzen in unseren Köpfen“.

Das Theater am Rande der historischen Innenstadt Landshuts ist ein Gesellschaftslabor, an dem die Auseinandersetzung mit dem Leben und der Wirklichkeit in konzentrierter Form stattfindet und zugleich umschlägt in Spiel und Fantasie. Das „kleine theater“ ist so gesehen ein Nadelöhr, durch das die Realität hindurch muss. Und wie Grunert sagt, „eine offene Spielfläche für die Stadt und die Region, die ganz offenbar angenommen wird als Denk- und Kulturraum“.

Die nächste große Premiere am kleinen Haus ist schon in Arbeit: Es ist „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams.