Fotos: Gianmarco Bresadola

 

Isas Zorn - Julia Koschitz wieder im kleinen theater



Menschen, die einen Fernseher besitzen und in diesen öfters hineinschauen, also sehr viele Menschen, kennen Julia Koschitz. Sie ist die Frau, die Fernsehfilme mit anrührender Aura veredeln und ihnen einen Zauber verleihen kann. Dass sie eine ganz und gar gestandene Theaterschauspielerin ist, wissen viele vielleicht gar nicht mehr. Tatsächlich spielte sie in den vergangenen zehn Jahren vielleicht zwei Partien, eine in Hamburg und eine in Landshut, sie musste ja immer drehen. In Landshut hat sie einiges, auch mal Ibsens Nora gespielt. Das ist lange her. Und immer noch im Gedächtnis.

Nun kann man Julia Koschitz wieder in Landshut sehen, im Kleinen Theater dort, das Sven Grunert erst erfand und seitdem leitet. Er hat Koschitz auch inszeniert, in Wolfgang Herrndorfs "Bilder deine großen Liebe". Die Produktion kam schon vor einiger Zeit heraus, aber jetzt ist sie gerade wieder im Repertoire. Herrndorfs unvollendete Fortsetzung seines Romans "Tschick" ist seit einigen Jahren auf deutschen Bühnen recht präsent. "Tschik" war in dieser Hinsicht schon ein Erfolg, die "Bilder" sind es noch mehr, auch weil man dafür ein überschaubares Personal benötigt: eine Schauspielerin. Aber die muss eine Welt bauen können.

Sven Grunerts Inszenierung ist vielleicht die einzige, auf jeden Fall die einzig erinnerliche, die vollkommen ohne "Tschick" auskommt. Julia Koschitz ist kein kleines Mädchen mehr und will auch keines spielen. Sie spielt auch nicht das Poesiealbum einer Reise allein und zu Fuß, barfuß, auch wenn sie barfuß auf der Bühne steht. Sie spielt die Erinnerung an eine Ermächtigung von Welt. Und sie spielt sehr viel Zorn. Ihre Isa ist eine Isa als erwachsene Frau, die von der Isa, dem vielleicht 15-jährigen Mädchen berichtet und über diesen Bericht zu dieser wird, aber halt nie ganz, dazu ist sie sich selbst zu sehr und ganz anders bewusst als Isa an sich.

Dabei schrieb ja Herrndorf alles so auf. Nicht schrieb er auf: Atmen, Gitarre spielen, Summen, daraus mittels Echoschleifen den Klanghintergrund der Welt bauen. Aber er schrieb auf: die Blicke der Männer auf den Busen, das Wissen Isas um ihre Wirkung. Ja, gut, vom Weberknecht schrieb er auch. Der kommt hier auch vor, und Julia Koschitz würde ihm nie etwas zu Leide tun. Aber diese plastikplanenumsäumte Inszenierung hat nichts von einem sonnenlichtdicken Altweibersommerwald. Und auch nichts von der Auflösung einer Figur, die mit dem reinen Funktionieren auf Kriegsfuß steht, in reinen Charme.

Koschitz' Isa fordert mit Macht das Andersein. Nicht als Norm, nur für sich. Sie nimmt die zweite Tablette und beschließt, geheilt zu sein. Geheilt sein fällt dann leichter, wenn niemand da ist, der einem sagt, dass man verrückt sei. Aber: Wo Herrndorf dem Verrücktsein eine Poesie beigibt, berichtet Julia Koschitz aus einer Erkenntnis, aus einer zukünftigen Erinnerung heraus. Hart und rau. Herumwütend. Verführend. Und völlig furchtlos ganz nah vor dem Publikum.

Egbert Tholl, Süddeutsche Zeitung, 10. Dezember 2019