Maschmeyer trifft Söllner

Sven Grunert in: Wochenblatt Kulturblock vom 16. Januar 2013

Das Wochenblatt lädt zum Neujahrsempfang ins Landshuter Kinopolis. Angekündigt ist Carsten Maschmeyer – der bekannte Bremer Finanzunternehmer, bekannt für seine höchst aggressive Profitorientierung. Er hält einen Vortrag über seine Methode "Selfmade".

Erste Zweifel regen sich in mir...

Als Teil einer neugierigen Zuschauermenge sitze ich in der zweiten Reihe. Er rückt sich die Krawatte zurecht und wirkt dabei zwanghaft. Mit dem Charisma eines Auktionators vom Viktualienmarkt, der alles unter den Hammer bringt, was sich in Gewinn ummünzen lässt, beginnt er zu reden. Er kommt mir vor wie ein Außerirdischer, wie ein entwurzelter Baum, knorrig trocken, wie ein Dämon aus den 80er Jahren – die "guten" alten 80iger, in denen der materielle Erfolg als Messlatte für ein rund um erfolgreiches Leben stand. Ein Gefühl des ewigen Gestrigen überkommt mich.

Das Ganze hat etwas Unwirkliches, Künstliches – ohne Kunst.

Am Knacken seines Mikroports, an der Störung seines Vortrags wird mir erst bewusst, dass es sich um einen Live-Akt handeln muss, dass wirklich echt ist, was dort vor mir passiert. Ich bin benommen von so viel Worthülsen, benommen von einer Rhetorik der Manipulation und Suggestion. "Erfolg reich sein" steht dort auf der Leinwand. Ich denke an Brecht, ja, so könnte man Mackie Messer auch interpretieren. Sofort kommen mir die letzten Liedstrophen der "Dreigroschenoper" in den Sinn: "Denn die einen sind im Dunkeln / Und die andern sind im Licht. / Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkeln sieht man nicht". Fragen der Nachhaltigkeit, Fragen der Ausgewogenheit in einer globalisierten Welt bleiben in Maschmeyers Weltsicht vollkommen auf der Strecke. Es zählt nur der messbare Erfolg, und zwar in barer Münze.

Ich fühle die Last seiner Welt in meinem Kopf.

Das ist Gravitation pur: Anziehung des Materiellen. Von Inspiration keine Spur. Gott sei dank bin ich noch getragen von der Leichtigkeit unserer "Hans Söllner"-Premiere, von "Bloß a Gschicht", ein Neujahrskonzert einmal ganz anders: eine utopische Kammeroper verpackt in Trash und Barock. Söllner spukt seither in meinen Gedanken, er breitet sich aus, vertieft mein Gefühl für alles Lebendige, Absurde, Widersprüchliche.

Ich denke an seinen Vertrag, an die Verantwortung, die wir als Menschen dem Leben gegenüber haben. Punkt 1: Du sollst dich nicht für etwas Besseres halten. Söllner wehrt sich gegen die Regeln unseres Systems, wendet sich gegen alles Vorgegebene. Sein Denken mündet in eine Welt der Bescheidenheit und Ganzheitlichkeit. Er berührt das innere Kind in mir und wirft mich auf die Unmittelbarkeit dieser Welt zurück – trotz aller Naivität, der er dabei verfällt – verführt er mich zum Träumen. Mit aller Wucht trifft in meinem Gehirn Maschmeyer auf Söllner. Alles in mir rebelliert, wehrt sich gegen die Firma Maschmeyer und ihr Beraterteam: Gomez, Klitschko und Co. Sie beraten die Firma beim Skifahren, beim Joggen, zwischen Paris und Los Angeles. Erfolg reich sein...die einen sind im Dunkeln, und die anderen sind im Licht... – hier strahlt jemand in vollendeter Verblendung. The Show must go on.

Das Neujahr hat seine ersten Spuren hinterlassen, Söllner, Maschmeyer und Brecht.

Ich denke weiter an Tennessee Williams' "Glasmenagerie", an die Worte von Tom, der zu seiner Schwester sagt: "Hör auf zu träumen, die Welt wird heute durch Blitzschläge erleuchtet". Das kleine theater, die KAMMERSPIELE Landshut träumen weiter. Denn Träume sind auch Taten und aus Taten besteht der Zustand der Welt.