Provinz ist ein Zustand

von: Christoph Leibold, Theater der Zeit, Mai 2013

Das widerständige kleine theater – Kammerspiele Landshut vertreibt den Mief des Hinterwäldlerischen.

Das Kfz-Kennzeichen von Landshut lautet LA. Münchner sprechen diese beiden Buchstaben gerne einzeln und englisch aus, in ironischer Anspielung auf Los Angeles. Vom Hollywood-Glamour der kalifornischen Millionenmetropole ist das 64000 Einwohner starke Städtchen an der Isar in etwa so weit entfernt wie die bayerische SPD von der Regierungsmehrheit im Freistaat. Vor allem der Bezirk Niederbayern, dessen Hauptstadt Landshut ist, gilt als konservativ und tiefschwarz. Den Mief des Provinziellen werden Stadt und Region nicht los. In Theaterkreisen zementiert hat ihn der Dramatiker Martin Sperr, in dessen kritischen Volksstücken „Jagdszenen aus Niederbayern“ und „Landshuter Erzählungen“ die Menschen dumpf und hinterwäldlerisch auftreten. Bis zu seinem Tod vor elf Jahren wurde Sperr, selbst gebürtiger Niederbayer, regelmäßig als Zuschauer im kleinen theater Landshut gesichtet.

Dessen Intendant Sven Grunert sagt: „Provinz ist kein Ort, Provinz ist ein Zustand.“ Freilich: So oder so ähnlich formulieren das alle, die in Kleinstädten Theater machen. Aber Grunert gehört zu denjenigen, denen man das glaubt. Der 51-Jährige ist nicht in Landshut gestrandet, er kam vor gut zwanzig Jahren voll Euphorie dorthin und hat sich seine Leidenschaft bis heute bewahrt. Damals suchte die Stadt per Anzeige einen Leiter für ein Hinterhoftheater in der Innenstadt, das bis dahin ein Verein bespielt hatte. Bei der Besichtigung der Studiobühne fand Grunert nur noch einen einzigen Scheinwerfer vor, aber eben auch den ersehnten Raum, um sein eigenes Ding zu machen. „Das Stadttheater hatte ich zu dem Zeitpunkt schon hinter mir“, sagt Grunert, der die Schauspielschule in Bochum absolviert hat. Es folgten erste Regieerfahrungen, unter anderen in Ulm. Doch Grunert merkte schnell: „Mein Lebensgefühl findet im Stadttheater keinen Platz.“ Ganz anders war das in Mailand, wo er Anfang der neunziger Jahre für zwei prägende Spielzeiten an Giorgio Strehlers Piccolo Teatro assistierte. Von dort hat er nicht nur den Namen für sein eigenes Haus mitgebracht (eben kleines theater), sondern vor allem seine künstlerische Überzeugung.

Grunert sucht „die Intimität des Moments, der sich mit dem Zuschauer teilen lässt“. Psychologische Genauigkeit fernab eines platten Naturalismus, die Reduktion auf das Wesentliche, auf das Essentielle oder, wenn man so will: Existenzielle – das alles kennzeichnet seine besten Inszenierungen: angefangen bei der Eröffungsproduktion, Ludmilla Rasumowskajas „Liebe Jelena Sergejewna“ im Herbst 1992 bis hin zum Ibsen-Drama „John Gabriel Borkman“ in jüngster Vergangenheit, das Grunert als knisternd kaltes Kammerspiel in einem kahlen Raum spielen ließ, in dem das Knacken von Kaminfeuern auf Videoschirmen interessanterweise für frostige Atmosphäre statt für wohlige Wärme sorgte. Vereiste Beziehungen inszenierte Grunert auch 2007 in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, einer seiner besten Arbeiten. Entschieden entriss er Edward Albee modernen Klassiker der boulevardseligen Aufführungstradition.

Schon die Bühne von Helmut Stürmer, mit dem Grunert regelmäßig arbeitet, war eine Absage an jedweden Naturalismus, den andere Inszenierungen dieser Mutter aller Zimmerschlachten üblicherweise bedienen. In Landshut war statt eines Wohnzimmers mit Couchgarnitur und Hausbar eine quadratische Guckbox zu sehen, halb Gummizelle, halb Todestrakt. Von der Decke baumelte ein Strick, darunter klaffte ein Schacht – als wäre gerade die Falltür unterm Galgen aufgeklappt. George und Martha, Albees in inniger Hassliebe vereintes Protagonisten-Ehepaar, traten hier auf wie Henker und Delinquent. Sie in Frack, Zylinder und Handschuhen, er mit schwarzem Schal über den Augen. Von Anfang an lag eine Kälte zwischen den Figuren, die frösteln machte. Unter flackerndem Neonlicht zu klirrender Musik prallten da zwei Menschen aufeinander wie die Eiswürfel in ihren Whiskey-Gläsern. Oder wie Eisschollen. Erst knirschte, dann krachte es, und mit jedem neuen Riss, der sich auftat, schaute man tiefer in die gähnenden Abgründe menschlicher Seelen. Zu Zeiten dieses grandiosen Erfolgs war Grunerts Mannschaft längst umgezogen in ein neues Domizil. Die Raumverhältnisse in der Hinterhofbühne in der Neustadt ( so heißt eine Landshuter Straße, die tatsächlich in der Altstadt liegt) waren selbst für ein Theater, das das Wort klein im Namen führt, auf Dauer zu eng: kaum Lagermöglichkeiten für Kulissenteile, dazu die lärmtechnisch problematische Nähe zu den Anwohnern ringsum. Mit Hilfe der Stadt, die die künstlerische Qualität des Kleinen Theaters erkannte, wurde ein neuer Spielort gesucht und schließlich auch gefunden: ein alter Stadel am Rande der Innenstadt, in dem früher Bierfässer gelagert worden waren. Aufwändig wurde das baufällige Gebäude renoviert und umgebaut. Das zuständige Architekturbüro Hild und Kaltwasser erhielt dafür den Deutschen Architekturpreis. Seit der Eröffnung im Herbst 1998 mit Patrick Marbers „Hautnah“ ist das kleine theater, das nun auch seinen Namen vergrößerte und fortan den Zusatz Kammerspiele Landshut trägt, in einem ziegelroten, spitzgiebeligen Bau zu Hause, in dessen Innerem ein uraltes gotisches Gebälk förmlich über der Bühne zu schweben scheint.

Die Zuschauer blicken aus ansteigenden Sitzreihen auf die Spielfläche, deren Ausmaße mit einem kleinen Stadttheater mithalten können. Die offene Balkenkonstruktion sorgt für Luftigkeit nach oben. Und doch bleibt der Eindruck von Intimität. Ein Raumwunder, das vom Zweipersonenstück bis zur „Dreigroschenoper“ mit großer Besetzung alles möglich macht. Eigentümer des Gebäudes ist die Stadt Landshut, zugleich Geldgeber neben dem Regierungsbezirk Niederbayern und dem Freistaat. Ein engagierter Trägerverein sorgt für zusätzlich Unterstützung und übernimmt Einlass- und Kassendienste. Ein festes Ensemble gibt es nicht. Und doch ist fr Kontinuität gesorgt. Der Schauspieler Matthias Kupfer beispielsweise war schon 1992 beim Start dabei. Damals spielte er unter anderem in Beat Fähs Kinderstück „Max“, das er nun, zwanzig Jahre später, selbst neu inszeniert hat. Kupfer wohnt in München – wie viele, die am kleinen theater arbeiten, das von der Nähe zur Landeshauptstadt profitiert. Doch gibt es genügend gute Schauspieler, die mit dem Stadttheater abgeschlossen haben und beim Fernsehen ihr Geld verdienen. „Die retten wir“, sagt Grunert. Tatsächlich bietet er ihnen ernsthafte Aufgaben als Ausgleich zu den finanziell einträglicheren, aber künstlerisch oft unbefriedigenden TV-Drehs. Viele nehmen das dankbar an. Julia Koschitz beispielsweise war in Landshut eine furiose Nora (ausgezeichnet als beste Darstellerin bei den Bayerischen Theatertagen) und nicht minder begeisternde Antigone,ehe sie zu Kinohauptrollen vorstieß (u.a. „Ruhm“ nach dem Roman von Daniel Kehlmann).

Aktuell begeistert vor allem Julius Bornmann das Landshuter Publikum, etwa in Nis.Momme Stockmanns „Die Ängstlichen und die Brutalen“ (Regie Bernd C. Motzki) als scheinbar simpel gestrickter Einfaltspinsel, der sich auf ziemlich gerissene Weise an seinem vermeintlich überlegenen Bruder für lebenslang erlittene Demütigungen rächt. Eine Figur wie aus einem Film der Cohen-Brüder. Die drehten einige ihrer besten Filme bekanntlich fernab von L.A., irgendwo im piefigen Kleinstadt-Amerika. Provinz kann verdammt inspirierend sein. Was den überheblichen Münchner Blick auf das kleine Nachbarstädtchen isarabwärts angeht, so sei dies noch angemerkt: Martin Sperrs „Jagdszenen“ und seine „Landshuter Erzählungen“ gehören zu einer Trilogie, deren dritter Teil den Titel „Münchner Freiheit“ trägt. Die Menschen, die darin auftreten, führen sich keinen Deut weniger spießig auf als die Figuren der beiden anderen Stücke. Provinz ist eben wirklich ein Zustand, den man an jedem Ort finden kann. Dafür manchmal gerade dort nicht, wo man ihn am ehesten verortet hätte. Sperr ist das bei seinen Besuchen im kleinen theater Landshut sicher auch aufgefallen.