„Blick nach vorn ohne Zorn“

Intendant Sven Grunert im Gespräch mit Mathias Forster

(In: Spielzeitheft September 2009)

 

Das "kleine Theater" wird nicht älter. Welches Geheimnis steckt dahinter?

Sven Grunert:  Kein Geheimnis, sondern eine Haltung. Das Ensemble, das ganze Team und ich werden nicht müde, uns dem Mainstream wie der Selbstzufriedenheit zu verweigern und lieber eigenwillig, experimentierfreudig, neugierig und rebellisch zu bleiben. Theater als Spiegel der Zeit.

Die kommende Spielzeit hat die Überschrift "Der analoge Raum". Wie ist das gemeint?

Stecken Sie Finger in die Steckdose, dann wissen Sie, was analog ist.

In diesem Fall: elektrisierend.

Theater muss elektrisieren, es muss emotionalisieren, es muss polarisieren. "Der analoge Raum" bedeutet: Die Schauspieler und das Publikum teilen das Hier und Jetzt. So erscheint mir das Theater als eines der letzten vitalen Refugien in einer Welt, vor der wir immer mehr ins Virtuelle und Digitale flüchten. Zwischen ihm und dem Zuschauer liegt kein Bildschirm, noch irgendeine andere trennende Membran: Der Moment gehört beiden in seiner einmaligen Dauer, mit seinem direkten Energiefluss.

Sie haben einmal gesagt: "Solange sich der Vorhang der Imagination hebt, verspricht die Welt, eine andere zu werden". Momentan spielt die Welt aber ziemlich verrückt, oder?

Man kann die akute Weltkrise nur begreifen, wenn man sie als das erkennt, was sie in ihrem Wesen nach ist: eine Sinnkrise. Banken kollabieren nicht, weil plötzlich kein Geld mehr da ist, sondern wegen der Gier und geistigen Armut des Führungspersonals. Da kann Kultur, etwas Konstruktives bewirken, indem sie die Finger in die Wunden legt, wo die Politik nur Pflaster hinklebt, indem sie Wahrheiten herausarbeitet. Die Suche nach geistigem und energetischem Neuland anregen, was zum Beispiel Daniel Birnbaum bei der Biennale in Venedig dieses Jahr gemacht hat.

Das Motto der Biennale lautete ja "Making Wor(l)ds".


In dem Wortspiel kommunizieren "world" und "word", Welt und Worte. Überall in der Stadt wurden der Kunst neue Räume erschlossen, und umgekehrt erschloss die Kunst den Menschen neue Räume, neue Welten - und damit neue Worte. Die Realität verändert unsere Sprache ...

... manchmal dadurch, indem sie sie uns verschlägt ...


Und ein Wort kann die Welt verändern, die Realität transformieren. Kultur muss den Sinn dafür schärfen, dass der Kopf rund ist und das Denken jederzeit seine Richtung ändern kann. Das ist das Wunderbare am Theater: Man muss es immer wieder neu erfinden und so verändert man in gewisser Weise auch die Welt.

In einem Interview hat mir Alexander Kluge gesagt: "Die schlimmste Ideologie ist die Behauptung der Wirklichkeit, sie sei wirklich."


Das ist gut. Was ist denn Wirklichkeit? Auch nur eine Inszenierung, besser gesagt: eine Selbstinszenierung, und zwar des Bewusstseins, wenn man die Sache erkenntnistheoretisch betrachtet. Und was ist Fantasie? Ein kühner Gegenentwurf zur anmaßenden Wirklichkeit. Hier kommt wieder die positive Seite der Krise ins Spiel: Man kann sie auch als heilsame Provokation verstehen. Natürlich gilt es, Krisen zu überwinden, unter denen Menschen leiden. Erst die Krise, heraufbeschworen von der Schlange, stößt den Menschen in seine individuelle wie gesellschaftliche Geschichte.

Einer Autoritätskrise also verdanken wir unsere Existenz.

Zumindest schenkte uns diese alttestamentarische eine kulturelle Evolution - das Paradies kann auch zur Hölle werden: Sattheit, Verdauung, Stillstand.

Reden wir noch kurz über die nächste Spielzeit. Sie selbst inszenieren Simon Stephens "Pornographie" und Williams´ modernen Klassiker "Endstation Sehnsucht".


Zwei wundervolle Aufgaben. "Pornographie" spielt mit Zeit und Gleichzeitigkeit, dem ständigen Rollenwechsel zwischen Akteur und Voyeur, Tabubrüchen und Grenzüberschreitungen.

Und "Endstation Sehnsucht" mit Bewusstseinsebenen und emotionalen Abgründen.

Was kann passieren, wenn die Sehnsucht nach dem Vergangenem die Hoffnung auf die Zukunft abwürgt?

Ein Stoff, der weltberühmt wurde durch die Verfilmung mit Marlon Brando und Vivian Leigh. Was fasziniert dich daran?

Das destruktive Vabanquespiel mit Gefühlen. Blanche, die traurige aber irgendwie auch tapfere Heldin, ihre innere Entwurzelung und Verzweiflung. Aber hinter allem Drama steht die Frage: Wie kann man die Energie einer fundamentalen Krise konstruktiv nutzen?

Blanche ist zu schwach dazu. Wie traurig. Können wir das Interview mit einer heiteren Note ausklingen lassen?


Ich könnte den Witz erzählen, der mir immer einfällt, wenn ich über das Stück nachdenke.

Bitte!

Imagination und Realität: Da glaubt ein Mann, ein Korn zu sein. Er hat echte Probleme damit, bekommt einen Angstschub nach dem anderen, also geht er in die Therapie und wird geheilt. Doch nach ein paar Wochen hat er eine neue Panikattacke und landet wieder bei seinem Therapeuten. Der sagt ihm: "Wovor haben Sie denn noch Angst, Sie wissen doch inzwischen, dass Sie kein Korn sind." Da sagt der arme Teufel: "Ich weiß das schon - aber weiß das auch die Henne? - Jaja die Krise!