„Da hängt mehr Herzblut denn je drin“

Hans Sedlmaier im Gespräch mit Sven Grunert über Theater- und Lebenskunst und die neue Lust am Segeln

(In: Sonderbeilage der Landshuter Zeitung "15 Jahre kleines Theater",  Oktober 2007)

 

Sven Grunert hat der Theaterlandschaft in Landshut seit Anfang der neunziger Jahre entscheidende Impulse gegeben. Als Regisseur und Intendant des „kleinen Theaters“ steht sein Name gleichermaßen für intensive Inszenierungen und intellektuelle Reflexion. Erfolge konnte er nicht nur auf der Bühne feiern. Auch hinter den Kulissen hat er an den richtigen Strippen gezogen: Kein anderer deutscher Theatermann kann es sich ans Revers heften, in Zeiten knapper Finanzmittel im zuende gehenden Jahrhundert den Stadtvätern ein neues Haus abgerungen zu haben. Sven Grunert und seiner Truppe gelang genau dies. Vor Beginn der neuen Spielzeit sprach Hans Sedlmaier mit Grunert über Theatervision und die alltägliche Arbeit.



Herr Grunert, am Samstag beginnt die neue Spielzeit im kleinen Theater mit der Premiere von „Die Schönheitskönigin“. Warum gerade dieses Stück?

Grunert
: Der Spielplan gestaltet sich auch immer aus der Frage heraus: Welche Schauspieler stellen wir uns vor? Diesmal waren wir auf der Suche nach einem Stück, in dem wir mit Léonie Thelen eine Schauspielerin verpflichten konnten, die für das „kleine Theater“ eine besondere Bedeutung hat.

Also erst die Besetzung und dann das Stück?

Grunert
: Ja, das ist bei uns schon wesentlich, dass wir fragen: Welche Besetzungsmöglichkeiten haben wir? und nicht umgedreht: Erst haben wir das Stück, und dann suchen wir die Schauspieler.

Und wie fand man die restlichen Stücke, die jetzt den Spielplan bestimmen?

Grunert
: Das hat sich wie ein Mosaik entwickelt. Wir suchten ein Stück für den Bereich Kinder- und Jugendtheater, ein thematisches Stück, am besten Generationen übergreifend. Dann etwas Leichtes, eher Kabarettistisches, so wie ´Frank und Stein´ oder ´John und Joe´. Und etwas Lyrisch-Poetisches, wie der Sommernachtstraum.

Wie wichtig ist Kontinuität in Ihrer Arbeit?

Grunert
: Sehr wichtig, aber das ist für mich vor allem eine intellektuelle, geistige Disziplin. Das bedeutet, dass man bestimmte Ansätze in sich sucht und begreift und versucht, darin einen deutbaren Weg für sich zu begründen.

Zählt für Sie auch personelle Kontinuität?

Grunert
: Als Theatermann stellt man sich am liebsten vor: Ich habe eine Familie, die bleibt so lange wie möglich zusammen, und wir gehen einen gemeinsamen Weg. Am besten fangen wir in der Jugend an, werden zusammen erwachsen und sterben dann zusammen (lacht) … Aber leider spiegelt das Theater auch Gesetzmäßigkeiten des Lebens wider. Und da muss man sich mit dem Prinzip des Abschieds früh genug anfreunden. Aber unser Bestreben ist es, Personen so lange wie möglich zusammenzuhalten. Und Kontinuität ist auch die Möglichkeit, Personen, die man sich wünscht, wieder holen zu können.

Bezahlen Sie noch immer bei jedem Stück mit Herzblut, wie Sie das mal formuliert haben?

Grunert
: Oh, ich glaube, das wird immer schlimmer. Die Angst vor der Herausforderung nimmt nicht ab, wenn man denkt: Jetzt weiß ich, wie ich einen Berg – oder ein Stück – zu erobern habe. Ich glaube, die Angst wird größer. Denn je mehr Erfahrung man hat, desto bewusster ist einem, wie kompliziert es ist, künstlerische Energien zu bündeln, und was schief gehen kann.

Angst vor der Herausforderung heißt ja auch: Angst vor dem Versagen. Gestehen Sie sich Niederlagen ein?

Grunert
: Ja, natürlich. Wir können an unseren Fehlern und Niederlagen nur wachsen, indem wir lernen, damit umzugehen, andere Interpretationen zu finden. Das Gefühl, gänzlich versagt zu haben, ist mir in meinem Leben bisher aber erspart geblieben.

Also nur kleine Niederlagen?

Grunert
: Das hat vielleicht aber auch damit zu tun, dass ich in jeder Niederlage den Triumph der Erkenntnis gesucht habe. In diesem optimistischen Erwartungshorizont bewege ich mich. Die Dinge ändern sich und wir uns mit ihnen.

Lassen wir vor dem Theatermann Grunert mal den Vorhang fallen. Ist der Mensch Sven Grunert eher Pessimist oder Optimist?

Grunert
: Solange der Vorhang sich hebt, verspricht die Welt, eine andere zu werden. Der Künstler Grunert ist ein Optimist und kann dem Pessimisten Grunert immer wieder vor Augen halten, dass es sich lohnt, eine Vision zu haben von der Tätigkeit, die man ausübt. Der Mensch Grunert zweifelt schon an dem Optimisten. Aber bisher war die Kunst immer stärker.

Kollidieren die beiden auch mal, der Künstler und der Mensch?

Grunert
: Ja schon. Als Künstler ist man immer hin und her geworfen – zwischen den Sehnsüchten, die man auf der einen Seite unerreichbar in der Kunst sucht und denen, die man sich auf der anderen Seite auch als Mensch erfüllen möchte. Wenn man beide zusammenbringen will, dann gibt es oft ziemliche Eruptionen im eigenen Leben. Ich bin ja für meine Ausgeglichenheit bekannt. (lacht)

Dichtung und Wahrheit, die obligatorische Frage zum Goethe-Jahr: Wieviel innere Wahrhaftigkeit muss man haben, um Theater machen zu können?

Grunert
: Der Kern, aus dem man Werke gedanklich, inhaltlich und emotional erspürt und sich erschließt – das muss aus einer Lebensnotwendigkeit heraus kommen. Dass es aber hin zur Realisierung dann eine Strategie gibt, die sehr viel mit Diplomatie und Fingerspitzengefühl zu tun hat und die Dinge verzaubert und verdreht, und dass auch der eine oder andere Trick nötig ist, um diese innere Wahrhaftigkeit zur Entfaltung zu bringen, das ist ganz richtig.

Sie segeln seit kurzem. Was fasziniert Sie daran?

Grunert
: Man muss sich übergeordnete Handlungen im Leben suchen, die einem helfen, Abstand zu den Dingen zu gewinnen. Und das Segeln erzählt einem viel über das Leben. Du bist gefordert, dich auf äußere Gesetze, wie Wasser, Wind und Himmel innerlich einzurichten. Wenn man dieses Gleichgewicht gefunden hat, stößt man auf bestimmte Gedanken.

Welche Gedanken?

Grunert
: Zum Beispiel: Wenn man in einem Boot sitzt, ist man noch lange keine Mannschaft. Was muss man tun, um eine Crew zusammenzuhalten?

Das „kleine Theater“ als Boot?

Grunert
: Ja, dieses Bild trifft schon auf uns zu. Man denke nur an die Uraufführung ´Columbus´- ein Stück, das wir hier entwickelt haben. Wir wollen ja mit Neugier und Mut und Phantasie neue Kontinente entreißen. So nehmen wir unser Publikum mit auf unsere Theaterreise.

Sie sind ein ausgewiesener Kenner zeitgenössischen Theaters. Daneben inszenieren Sie aber auch gern Stücke aus dem 18.Jahrhundert. Was fasziniert Sie an denen?


Grunert: Da gibt es zwei große Flügel, auf denen wir uns von Spielzeit zu Spielzeit schwingen. Zum einen: Die Untersuchung des Theaters in seiner zeitgenössischen Dimension ist für mich ein ganz wichtiger Bestandteil. Theater, das nichts über seine Gegenwart erzählt, ist armes und langweiliges Theater. Und dann der Gegenentwurf: Theater, in dem die Magie des Raumes, das spielerische Element im Vordergrund steht – das ist es, was mich als Theatermenschen ausmacht, warum ich den Theatergeruch so liebe, warum ich das Dunkel so liebe: Weil im Dunkel die Unbegrenztheit des Augenblicks liegt, und damit beginnt Theater.