"Das Denken ist eine ganz gefährliche Sache"

„SPERR-tage“: Sven Grunert und Julia Weigl zum ambitionierten neuen Volkstheater-Festival im kleinen theater im Interview mit Thomas Ecker

(In: Wochenblatt, 1. Juni 2016)

Von Freitag bis Sonntag, 17. bis 19. Juni, finden im „Kleinen Theater – Kammerspiele Landshut“ erstmals die Landshuter Sperr-Tage statt. Mehrdeutig benannt nach dem großen niederbayerischen Dramatiker Martin Sperr, beschäftigt sich das ambitionierte neue Festival mit kritischem Volkstheater und den zeitlosen Themen Heimat und der Verortung in sich selbst.

Wir sprachen mit dem Intendanten des Kleinen Theaters, Sven Grunert, und der Festival- Leiterin, Julia Weigl.

Wochenblatt: Wie kamen Sie auf die Idee, ein Festival für kritisches Volkstheater in Landshut zu installieren?

Sven Grunert: Die Idee geht auf die Wurzeln dieses Hauses und auch auf meine eigene Geschichte am Piccolo Teatro in Mailand zurück. Giorgio Strehler (legendärer italienischer Theaterleiter und Regisseur; Anm. d. Red.) hat immer von einem menschlichen Theater gesprochen. Menschliches Theater spielt sich in der Mitte der Bevölkerung ab. Das ist dieser Begriff von Volkstheater, vom Mensch in seiner Alltäglichkeit. Da soll er abgeholt werden. Aber nicht, dass er sich in seinem Wohlbefinden erlebt, sondern dass er ein bisschen gerüttelt wird. Wach gerüttelt. Das kritische Volkstheater der 60er und 70er Jahre war ja ein Versuch, um ein Theater und eine Dramatik zu entwickeln, das die Menschen in der Mitte der Gesellschaft abholt. Und das ist auch das Grundkonzept, das wir als Theater immer hatten.

Wie wurde Martin Sperr Bestandteil des Konzepts?

Grunert: Es war immer so eine Suche, wann kann ein Punkt in der Entwicklung unseres Hauses entstehen, dass wir jemand wie den Martin Sperr miteinbeziehen? In der Zeit, in der er in Landshut gelebt hat, war er sehr oft hier. Auch in meiner Biografie hat er eine ganz wichtige Rolle eingenommen durch ein Erlebnis, bei dem mir sein Stück „Jagdszenen aus Niederbayern“ in meiner persönlichen Entwicklung sehr geholfen hat. Und wenn man sich damit auseinandersetzt, welche Wirkungsgeschichte dieses Stück und der Film hatten, wenn sich die Mitte der Gesellschaft mit sich selbst begegnet, das war für uns hochinteressant.

Julia Weigl: Absolut. Zu sehen, dass in der Zeit damals, das ist ja jetzt schon 50 Jahre her, zum Teil Dinge angesprochen wurden, die auch in unserer heutigen Zeit präsent sind. Und das war für uns ein ausschlaggebender Grund, unseren Blick dahin zu wenden, um zu sehen, was wird da angesprochen, was wird da kritisiert, was wird da in die Öffentlichkeit gebracht. Und das war für uns der Anknüpfungspunkt, Parallelen zu ziehen, was heute in der Gesellschaft passiert.

„Die finsteren Seiten der menschlichen Natur“

In Ihrer Programmauswahl verknüpfen Sie traditionelle Autoren des kritischen Volkstheaters mit Künstlern der Gegenwart...

Grunert: Wir zeigen, dass es auch aktuell Autoren wie Albert Ostermaier oder Christoph Nußbaumeder gibt, die sich Themen widmen, die Achternbusch, Kroetz, Sperr oder Ödön von Horváth und Marieluise Fleißer beschäftigt haben. Das sind Themen, die den Menschen in einer tieferen Schicht sichtbar machen. Und zwar die finsteren Seiten unserer menschlichen Natur, die unabhängig von den konkreten politischen Ereignissen immer vorhanden waren: Neid, die Angst vor dem Verlust der Existenz, die Angst, weniger zu haben als der andere. Alles Themen, die psychologisch ganz stark in unserem Menschsein verankert sind und die dann so aufbrechen können, wie wir es momentan erleben. Es ist schon paradox, wenn man erlebt, dass es Menschen gibt, die selbst eine Biografie als Flüchtling haben, die in der 50er Jahren hergekommen sind und die jetzt das ausgrenzen, was ihnen als Mensch selbst widerfahren ist.

Weigl: Es geht auch um die Angst vor sich selber. Dass man sich darin gespiegelt sieht. Dass man Parallelen aufzeigt und die Debatte öffnet. Wir haben auf unserem Festival-Plakat ein Werk von Martin Kippenberger: „Die Kunst, ein Mensch zu sein“. Und das ist natürlich ein Slogan, mit dem wir spielen, den wir in unserem Programm aufgreifen.

Das Programm hat also ganz bewusst aktuelle gesellschaftspolitische Dimensionen?

Grunert: Ja, natürlich. Das Denken ist eine ganz gefährliche Sache. Und wo Gefahr ist, entsteht Spannung. Wenn man sich die Sperr-Texte „Jagdszenen aus Niederbayern“ oder „Landshuter Erzählungen“ genau anschaut, dann hat man das Gefühl, wir reden von heute. Da sind Menschen, die ausgegrenzt werden, Flüchtlinge, die man nicht haben will, weil man das Gefühl hat, die nehmen uns was weg. Eine Kultur, die sich uns annähert. Und auf einmal ziehen irgendwelche Menschen, die von außen kommen, unsere Trachten an. Diese Angst vor dem Fremden, diese Angst vor dem Anderen, das ist dann etwas, was jetzt in diesem Phänomen – wir müssen es nicht in irgendwelche Parteien manteln – zum Ausdruck kommt. Das ist natürlich auch eine Angst, die jeder kennt. Spätestens wenn ich das Gefühl habe, ich kann meine Kinder nicht mehr versorgen, werde ich mit diesem Reflex der Angst konfrontiert.

„Spannende Auseinandersetzung“

Was kann man tun?

Grunert: Man muss versuchen, dieses historische Ereignis, in dem wir aktuell sind, über Konzepte, über eine Analyse und über die Vernunft einigermaßen zu steuern, es zu gestalten und nicht diesem Reflex der Angst zu unterliegen. Und diesen Reflex kennen wir ja aus der deutschen Nachkriegsgeschichte, dass man in erster Linie an sich und seinen innersten Kreis denkt. Und alles andere, was dazu kommt und mir die Angst vermittelt, dass ich etwas verlieren kann, führt dazu, dass es Abgrenzung, Ausgrenzung, Diffamierung und Opportunismus gibt. Und deshalb wollen wir mit diesem Festival einen Boden schaffen für eine spannende Auseinandersetzung.

„Wir fangen jetzt schön klein an“

Den Titel „S P E R R-tage“ haben Sie ja nicht ohne Grund gewählt. Er ist doch sicher doppeldeutig zu verstehen?

Grunert: Mehrdeutig. Sperrig. Der Mut zur Zivilcourage, der Mut, sich gegen Strömungen der Gefälligkeit zu stellen, keine Angst zu haben, einer allgemeingültigen Meinung von Voreingenommenheit zu widersprechen. Diesen Mut hat Kroetz bewiesen, der es nicht ausgehalten hat, wenn Menschen anders dachten, als sie geredet haben. Verständnis bedeutet ja nicht, dass man der gleichen Meinung sein muss. Und verschiedene Perspektiven zulassen und einen Toleranzraum zu definieren, das wollen wir mit diesem kritischen Volkstheater-Festival so ein bisschen etablieren. Wir fangen jetzt schön klein an und dann würde ich mich freuen, wenn sich daraus etwas entwickelt, was dann noch mehr Schub bringt.

Ihr Festival ist also ganz am Puls der Zeit...

Grunert: Wir alle sind gefordert, in einer Zeit, in der es um Assimilierungskonzepte geht, wo es darum geht, wie Integration stattfinden kann. Integration ist immer etwas Beidseitiges. Ich gebe, aber der, der Hilfe bekommt, gibt mir ja auch etwas. Das muss eine kulturelle Begegnung sein. Und diese Verlinkung, die hätte ich jetzt gerne. Dass dieses Festival die Chance bietet, dem Fremden zu begegnen. Wenn wir eine Annäherung haben, dann haben wir auch einen großen Nutzen für eine gemeinsame Entwicklung. Wir wollen so weit wie möglich eine Öffnung schaffen, für den Gemeinsinn und für die Solidarität und auch den Mut, für die menschlichen Werte zu kämpfen, die wir uns in der europäischen Geschichte hart erarbeitet haben: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das sind politische Werte, das sind soziale Werte, das sind christliche Werte. Es ist doch gut, wenn unterschiedliche Betrachtungen aufeinander knallen, denn dann ist das ein Grund, sich selbst in seinem eigenen Blick noch einmal zu vertiefen.

„Republik ist kein geografisches Konzept“

Auf den Punkt gebracht. Was ist die Quintessenz Ihres Konzepts?

Grunert: Wir haben sehr oft über das Wort Republik nachgedacht. Republik ist ein Konzept, was wir von Anfang an hatten. „Das Kleine Theater – ein Ort der offenen Kommunikation“, das stand auf dem ersten Heft der Eröffnungsspielzeit. Es war immer so mein Bild, dass die Menschen sich begegnen, sich in ihren konkreten Anliegen austauschen. Letztlich bedeutet Republik zurück in die Öffentlichkeit. Republik ist kein geografisches Konzept, es ist ein Wertekanon, ein Versuch, alle Menschen zurück in eine gemeinsame Öffentlichkeit zu führen. Und da ist dieser Raum Volkstheater richtig und gut.

Weigl: Die Sperr-Tage sollen Raum für neue Öffnungen bringen. Dass man sich Gedanken macht, den verschiedenen Perspektiven einen Raum gibt und sie einander gegenüberstellt, um einfach diese Vielfältigkeit zu zeigen. Deshalb sind die Veranstaltungen auch nicht nur Theaterveranstaltungen, sondern ein ganz mannigfaltiges Angebot an Ausstellungen, Lesungen, Musikprogramm. Das war uns auch wichtig, dass es nicht nur konkret in eine Richtung geht und wir als Theater Theater machen. Auch da haben wir den Raum geöffnet und unterschiedliche Konzepte ins Festivalprogramm integriert.