"Der Sturm"

Sven Grunert im Interview mit Christoph Leibold zur Inszenierung von "Der Sturm"
(in: Radio Bayern2 - Kulturleben vom 28. Januar 2016)

Leibold: So kurz vor der Premiere, geht’s da in Ihnen auch noch stürmisch zu oder ist die Inszenierung auf Kurs, haben sich die Wogen der Proben schon geglättet?

Grunert: Die Wogen der künstlerischen Suche haben sich geglättet und jetzt geht es darum, die letzten Höhenmeter zu erreichen und das ist dann immer der spannenste Weg, weil man mit Ruhe und Gelassenheit arbeiten muss, um dann in den Feinheiten noch den letzten Schliff zu setzen.

Leibold: Prospero, der am Ende der Zauberei abschwört, in dem sehen viele Shakespeare selbst , der sozusagen den Dienst als Dramatiker quittiert. Haben Sie den Sturm auch ausgewählt, weil es einfach passt, sein letztes Stück im Gedenkjahr des vierhundertsten Todesjahres zu inszenieren oder was war für Sie ausschlaggebend für die Stückwahl?

Grunert: Das Stück ist etwas ganz besonderes, weil man weiß, es ist das letzte Werk von Shakespeare und es hat natürlich vieles, was er als Schriftsteller, als Dramatiker in seinem Werk entwickelt hat. Das hat er da auch einfließen lassen. Es ist sehr diffizil und in dem Formreichtum, in dem Wechselspiel zwischen Drama, Tragödie und Komödie hoch interessant und man muss eben aufpassen, dass das Feingeistige im Text und in der Literatur nicht verloren geht.

Leibold: Man muss jetzt Prospero nicht zwingend mit seinem Schöpfer Shakespeare gleichsetzen, aber „Der Sturm“ ist schon ein Stück über die Macht der Phantasie und wie ich Ihre Arbeit als Regisseur kenne und einschätze, wird das eine Rolle spielen bei Ihnen.

Grunert: Ja, ich versuche, dass es gewisse Möglichkeiten der Erfahrung auf der Bühne gibt, wo man merkt, man ist fast im Kopf ein Prospero. Und es ist tatsächlich so, auch den Ariel habe ich versucht so zu inszenieren, dass die Muse, seine Inspiration, sein äußeres Erleben von Prospero, was sich im Luftgeist Ariel verkörpert. Man kann sie eigentlich gar nicht trennen, das ist so ein bisschen wie und es hat so etwas von Faust und Mephisto und die verkörperte Form seines Erlebens hilft ihm, die Widersacher seines Lebens zurückzuholen. Er holt sie zurück in seine Welt und arbeitet sich an Ihnen ab, indem er seine Widersacher durch einen Parcour der Prüfungen wirft und sie mit den dunklen Seiten ihres Wesens konfrontiert werden und am Schluss auch teilweise dem Wahnsinn gegenüberstehen und dann Prospero die Genugtuung hat, und lernt zu vergeben und das ist das ganz Wichtige, dass wir erleben, wie dort ein Mensch es schafft, seine Wut und seinen Zorn und seine Verzweiflung abzuarbeiten, um am Schluss alle in Freiheit zu entlassen durch Vergebung. Das ist mein mentaler Ansatz gewesen, den ich versucht habe, in der Inszenierung umzusetzen.

Leibold: Prospero ist ja auch ein Exilant, einer, der auf einer Insel Zuflucht genommen hat. Gleichzeitig ist er auch ein Kolonisator, der sich Ariel und Caliban untertan gemacht hat . Da stecken auch viele Anknüpfungspunkte an das aktuelle Weltgeschehen drin. Viele Theatermacher suchen gerade händeringend nach solchen Bezügen in den alten Stoffen und Stücken. Das scheint mir aber bei Ihnen aber weniger eine Rolle zu spielen.

Grunert: Doch, es geht im Wesentlichen auch um die Usurpation. Es geht da drum, was passiert, wenn ich unrechtsmäßig die Herrschaft über Menschen ausübe, das kann aber auch die Herrschaft im Feinpsychologischem wie auch im alltäglichen Leben sein. Die Gier nach Kontrolle, was dann dazu führt, dass man mit der Macht und auch mit der dunklen Seite unserer Natur konfrontiert wird. Das wird sehr stark ausgeleuchtet und das sind Aspekte, die sind hochaktuell und sind dann spannend mit anzusehen.

Leibold: Nochmal zum Thema Tod. Prospero spricht im Stück ja berühmte Sätze, die eigentlich zum geflügelten Wort geworden sind, vom Stoff, aus dem die Träume sind , im Englischen „We are such a stuff as dreams are made on and our little life is rounded with a sleep.“ Engländer lassen sich das gerne auch den Grabstein schreiben. Ist es auch ein Stück über Tod und Abschied?

Grunert: Auf jeden Fall ist es auch ein Geheimnis. Man weiß ja nicht, was mit dem Prospero geschieht. Er wird die Insel verlassen. Das ist zumindest ein Tun seiner Identität, die er 15 Jahre auf der Insel getätigt hat. Natürlich, dieses Werk wirft uns auf ganz tiefe Lebensfragen zurück, die uns als Menschen ausmachen und das wird in dem Stück sehr stark ausgelotet und damit sind wir auch natürlich mit diesen großen Fragen konfrontiert von Abschied, Leben, Vergebung und Tod.