"Ein Raum, ein Schein­wer­fer" 

Sven Grunert im Interview mit Philipp Seidel
(in: Landshuter Zeitung, Sonderseite, vom 22. September  2017)

In­ten­dant Sven Gru­nert über die An­fän­ge des Klei­nen Thea­ters, ei­ne rotz­fre­che Spiel­zeit­er­öff­nung und ei­nen Spon­sor, der ab­sprang

Herr Grunert, wenn man die Entwicklungsphasen des Kleinen Theaters betrachtet, dann waren die ersten fünf Jahre im Hinterhaus in der Neustadt die Sturm- und Drang-Zeit, in der man sich ausprobieren konnte. Wie sah der Beginn aus ?

Die ersten fünf Jahre waren die Gründungsjahre, in denen wir uns behaupten und unser Konzept durchsetzen mussten, in denen die Schwierigkeiten mit der Finanzierung waren, die uns von Anfang an begleitet haben. Als wir angefangen haben, stand das Theater erst mal vor dem Aus.

Wie bitte ?

Ich hatte damals ein kleines freies Ensemble. Wir hatten gerade eine Produktion in Luxemburg hinter uns, da wurde ich zum künstlerischen Leiter für die Spielzeit 1992/93 in Landshut gewählt. Als wir alle Vorbereitungen getroffen hatten, bekam ich einen Anruf, dass ich gar nicht erst kommen sollte, weil alle Mittel gestrichen seien, das Theater entkernt worden und nur noch ein Scheinwerfer da sei. Aber eine Monatsmiete sei noch vorhanden. Odile Simon, Matthias Kupfer und ich hatten ein einwöchiges Arbeitstreffen hinter uns und kamen gerade wieder in Deutschland an. Da habe ich Odile gefragt: „Was sollen wir jetzt machen ?“ Odile sagte: „Du fährst da jetzt einfach mal hin, und dann schauen wir, was passiert.“

Und was passierte ?

Wir hatten ein ausgearbeitetes Konzept, ein volles Programm, erste Ideen zu den Besetzungen. Verträge waren verhandelt. Wir trafen uns im Büro von Lothar Reichwein, im engeren Kreis der Vertrauten und Ratlosen. Vor Landshut waren wir ein freies Theaterensemble mit Odile Simon, Yvonne Frey und Matthias Kupfer. Wir waren angefüllt mit unseren Theaterideen und Intentionen. Da habe ich gesagt: „Dann müssen wir eben unser eigenes Theater gründen.“ Eine Monatsmiete war ja noch gezahlt. Parallel zu den Proben haben wir den Raum in der Neustadt zum Kleinen Theater umgebaut. Mit Podesterie, Licht- und Tontechnik. Es herrschte große Euphorie, weil wir gesehen haben, dass sich da was bewegt durch Leidenschaft, Hingabe und Idealismus. Wir begannen, unsere Kreise zu ziehen.

Auch, weil Ihnen einige wichtige Menschen geholfen haben.

Wir hatten viel Unterstützung von Mitgliedern des Trägervereins wie Lothar Reichwein mit seiner Schreinerei, Roswitha Metz als Erste Vorsitzende mit ihrer Begeisterung, Helmut Wartner mit seinem grafischen Können, Manfred Beer mit seinem Architekturbüro, Liesl Weickmann mit ihrer Handwerkskunst. Wir brauchten ja wenigstens Scheinwerfer und einen Vorhang. Erwin Bachlinger besorgte für die Theaterleute eine Altbauwohnung, 250 Quadratmeter, unbeheizt, Altbau am Dreifaltigkeitsplatz, zum Abriss bereit.
Dann hatte ich erste Gespräche mit der Stadt, Oberbürgermeister Josef Deimer und Hauptamtsleiter Dieter Stetter waren unsere Vertrauenspersonen in der Stadt und unterstützen uns sehr. Ich sagte: Es ist unmöglich, aber lasst uns doch erst mal anfangen. Wenn es nicht angenommen wird, ziehen wir eben weiter. Jedes Experiment, das misslingt, ist gelungen. Es war immer unser Anliegen, einen freien künstlerischen Raum zu definieren, in dem wir uns – nach unseren ersten Erfahrungen an Stadttheatern – als freies Theater bewegen konnten. Selbstbestimmt in der künstlerischen Arbeit. So ein Theater entstand. Von einer Probe zur nächsten. Aus dieser Energie heraus haben wir es geschafft, es zur Premiere kommen zu lassen.

Wie lief die Premiere ?

Die Premiere von „Liebe Jelena Sergejewna“ war ein riesiger Erfolg. Hannelore Meier-Steuhl hat damals im Feuilleton der Landshuter Zeitung geschrieben: „Die Premiere im ausverkauften Haus wurde zu einem Triumph für die junge Truppe, die sich vorgenommen hat, in Landshut sesshaft zu werden.“ Wir waren ausverkauft ohne Ende, und das war das Signal für die Stadt, uns weiter zu unterstützen.

Die erste Zeit war also vor allem Sturm und Drang, Kassenerfolg und Chaos ?

In „Landshut aktuell“ habe ich damals gesagt: „Als wir angefangen haben, war das wie eine Explosion an Möglichkeiten, jetzt ist es so, dass man sich nach einer solchen Zeit in der Professionalität beweisen muss.“ 1996 gab es den Beschluss vom Kultur- und Bausenat, den Rottenkolberstadel für die Zwecke des Kleinen Theaters zu sanieren. 1997 und 1998 war die Renovierung, neben unserem laufenden Spielbetrieb in der Neustadt, da habe ich sehr viel Raum bekommen von Oberbürgermeister Deimer, mit dem Architekten Andreas Hild von Hild und K in der Planung ein Theater im Stadel zu installieren, das unseren Ideen entsprach und in dem wir uns künstlerisch weiterentwickeln konnten. Kein Guckkasten, Arena mobil. Transparent. Offen. Unterbühne. Lichtbrücke.

Ein Luxus, den nur sehr, sehr wenige Intendanten haben.

Das hat mich zwei Jahre lang sehr motiviert. Die Eröffnung 1998 war der erste Schnitt, gleichzeitig kam die Befürchtung auf, dass wir unter städtischem Dach gefällig werden könnten. Das Theater, das wir machen wollten, war aber immer ein Theater der Auseinandersetzung, wir wollten emotionalisieren, aber es war kein Mainstream, kein konformistisches Theater. Ich habe das Haus dann mit zwei Stücken, „Hautnah“ und „Fette Männer im Rock“, eröffnet. Derb, frech, anstößig in Sprache und Spiel. Und bei der nächsten Kultursenatssitzung gab es einen Punkt auf der Tagesordnung, ob es okay ist, wenn der Grunert den Stadel mit solchen Stücken eröffnet. Wir hatten aber das Vertrauen von allen, die uns wichtig waren, die haben gesehen: Angepasst sind die nicht !

Und das Haus war voll.

Ja, die ersten zwei Jahre war es die Attraktion. Wir mussten uns zwei, drei Spielzeiten einarbeiten in die neuen Möglichkeiten, wir mussten uns entwickeln, weil der neue Raum andere Anforderungen an uns gestellt hat. Dann gab es zwei Jahre lang einen inhaltlichen Stillstand, wir suchten nach neuen künstlerischen Perspektiven. 2004 kam der wichtige Einschnitt: die Begegnung mit dem Bühnenbildner Helmut Stürmer und eine Inszenierung, die uns einen neuen Schub gegeben hat: „Tag der Gnade“ von Neil LaBute mit dem Debüt der jungen Julia Koschitz. Da ging ein Ruck durchs Haus! Dann kam die „Antigone“, da wurde noch einmal eine ganz andere Dimension dessen erreicht, was unser Theater bis heute ausmacht. Das Kleine Theater hat sich in seiner ästhetischen, visuellen, inhaltlichen, aber auch bildlichen Kraft kontinuierlich weiterentwickelt. Die Energie, die wir bis dahin gebraucht hatten, um ein Theater aufzubauen und einzurichten, wurde nun in Großprojekte wie „Antigone“ oder „Dreigroschenoper“ oder „Der Sturm“ gesteckt.

In welcher Phase sind Sie jetzt ?

Jetzt kommt eine neue Phase, für die ich das Motiv „25 Jahre Kleines Theater – ZwischenZeit“ gefunden habe. Der Spielplan, den wir für 2017/18 erarbeitet haben, gibt eine Richtung vor, die uns weiterführt. Er ist unheimlich komplex und mit seinen Projekten auch mutig, aber so, dass das Publikum sich abgeholt fühlen wird. Ich glaube, die Jubiläumsspielzeit wird uns noch mal einen ganz neuen Spin geben, uns noch mal neu ausrichten und nach vorn bringen !

In welche Richtung? Von „Tschick“ haben wir ja schon eine Voraufführung gesehen. Was noch?

Wichtig war für mich, ein Thema zu finden, das mich dazu bringt, über mein Tun und die Aufgaben der Kunst nachzudenken. Eigentlich wollten wir Samuel Becketts „Warten auf Godot“ machen, aber dann habe ich mich für „Torquato Tasso“ entschieden.

Wie hoch ist die Auslastung heute ?

Zwischen 75 und 85 Prozent. Und noch ein paar Zahlen: Wir hatten in der vergangenen Spielzeit 160 Vorstellungen von Eigenproduktionen, dazu kommen Gastspiele – wir kommen bestimmt auf 180 Veranstaltungen pro Spielzeit. In 25 Jahren kommt da einiges zusammen: 3700 Vorstellungen, 230 000 Besucher, 250 Theaterproduktionen, Gastspiele, Lesungen, Aktionen, Festivals. Einladungen zu 30 nationalen und internationalen Theaterfestivals, nach Augsburg, Hamburg, Bukarest, Ingolstadt, Klausenburg, Leipzig, Zagreb … Das war auch immer wichtig, dass wir von Anfang an auf Festivals präsent waren und von dort immer ein Renommee für die Stadt mitgebracht haben. Dies ist ein Imagegewinn für die Theaterstadt Landshut als kulturelles Zentrum Niederbayerns und stärkt das Selbstverständnis der Stadt und seiner Menschen.

Wie finanziert sich das Kleine Theater heute ?

Bis 2013 war das Theater in seiner Geschäftsform ein Verein, seitdem sind wir eine gemeinnützige GmbH. Das war eine Empfehlung vom Bayerischen Rechnungshof. Wir bekommen Unterstützung vom Freistaat, den größten Teil trägt die Stadt Landshut, und wir erwirtschaften einen beträchtlichen Betrag durch Theatereinnahmen, Stuhlpatenschaften und Sponsoren.

Wie haben sich die Sponsoren verändert ? In der Anfangszeit war Hitachi groß dabei, die Firma gibt es nicht mehr.

BMW ist unser Hauptsponsor. Ich bin sehr froh über diese gelungene Partnerschaft. Das muss auch zusammenpassen. Denn eigentlich könnte alles auch anders sein. Als wir angefangen haben und kein Geld da war, kam auf einmal ein Sponsor – das Atomkraftwerk! Die wollten mit einem hohen fünfstelligen Mark-Betrag einsteigen. Was sollte ich tun ? Ich konnte ja nicht sagen: Das mache ich nicht – wir waren quasi mittellos. Die Menschen, die für mich wichtig waren in Stadt, Ensemble und Verein, hätten das als Verrat an unserer Sache empfunden. Ich habe eine Pressekonferenz einberufen und gesagt, dass ich mich sehr freue über das Geld vom Atomkraftwerk. Aber man müsse wissen: Das Eröffnungsstück der nächsten Spielzeit werde „Totenfloß“ von Harald Mueller, und es erzählt die Geschichte von vier Personen nach einem Supergau – da sind sie abgesprungen. Daraufhin gab es in der Stadt die einhellige Meinung: Man kann ihm ja nicht sagen, was er zu machen hat. Das war für uns die Motivation, noch mehr zusammenzuhalten und noch mehr Engagement zu bringen und nach Geld zu suchen.

Das kleine K in der „ZwischenZeit“ – wie sieht das aus ?

Das kleine K ist ja kein Name, das ist eine Haltung. Der Name bezieht sich konkret auf das Piccolo Teatro in Mailand und auf eine Idee von offenem, freiem, künstlerischem Theater. Es gibt diesen Satz von Camus, auf den ich mich in meiner künstlerischen Arbeit immer beziehe: „Die Kluft zwischen der Gewissheit meiner Existenz und dem Inhalt, den ich der Gewissheit zu geben suche, ist nicht zu überbrücken. Und doch müssen wir uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.“ Das bedeutet, dass wir alle immer diesen Widerspruch in uns und in unseren Figuren aufzeigen müssen, zwischen Handeln und Denken, zwischen der Begründung der Existenz und dem Unverständnis, das man für diese Existenz hat. Die Suche nach diesem kritischen, zweifelnden, Vernunft suchenden Menschen ist für mich eine starke innere Hinwendung.

Als wir uns vor fünf Jahren zum 20-jährigen Bestehen des Kleinen Theaters getroffen haben, hatten Sie drei Wünsche: Sie wollten sich stets ein offenes Herz bewahren, Sie wollten Wedekinds „Lulu“ inszenieren, und Sie wollten ein neues Lichtpult. Haben Sie das Pult inzwischen?

Das Lichtpult ist da. Die Lulu ist eigentlich auch da, es gibt da aber noch Terminprobleme bei der Besetzung.

Und das Herz?

Das Herz hat zwei Herzkammern, die linke und die rechte, und ich glaube, die Verbindung hin zur linken und rechten Gehirnhälfte hat sich positiv weiterentwickelt. Und in diesem Sinne bin ich immer noch mit Herz und Verstand bei der Sache.

Interview: Philipp Seidel