Ganna Madiar im Interview mit Kerstin Petri zu "KTL on air"

„Wir erschaffen eine leere Bühne im Kopf“

Das Kleine Theater in Landshut sucht im Internet nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten

 

Foto: Ganna Madiar

Seit Mitte März ist das Kleine Theater in Landshut coronabedingt geschlossen. Pause machen die Theaterschaffenden um Sven Grunert aber nicht. Sie suchen nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten im Digitalen. Herausgekommen ist das Projekt „KTL – On Air“, bei dem Schauspieler täglich Lesungen und Performances zeigen. Dramaturgin Ganna Madiar erzählt, was sich dahinter verbirgt und wie es für das Kleine Theater während und nach der Krise weitergeht.

Frau Madiar, wie ist das Projekt KTL – On Air zustande gekommen?

Ganna Madiar: Ganz am Anfang der Corona-Pandemie hat Sven Grunert definiert, dass neue Inhalte, neue Formate, neue Gedanken zu entwickeln sind, die es ermöglichen, baldigst wieder Theater spielen zu können. Zusammen mit dem Videokünstler Hagen Wiel, der das Kleine Theater seit nun 15 Jahren künstlerisch begleitet, hat Sven Grunert ein Projekt konzipiert, dem die bisherige künstlerische Arbeit des Kleinen Theaters zugrunde liegt: das Kleine Theater als Ort, wo man eine neue Verortung der Imagination sucht – nun auch im digitalen Raum.

Welches Konzept liegt dem Projekt zugrunde?

Madiar: Das Projekt beschäftigt sich mit der Frage, wie man analoge Prozesse im virtuellen Raum für die Menschen erlebbar macht. Wir erschaffen eine leere Bühne im Kopf und treffen uns dort in der gemeinsamen Imagination. KTL – On Air ist ein transmediales Kunstprojekt über die aktuellen Themen, die unsere Gesellschaft in der Zeit der Pandemie prägen: Aufgeschlossenheit und Verbundenheit, Distanz und Nähe, Aktionismus und Ruhe, Gehorsamkeit und Protest. Wichtig ist die Nachhaltigkeit: Die Themen, die innerhalb des Projekts verhandelt werden, finden sich auch in unserer weiteren künstlerischen Arbeit wieder, digital oder analog.

Wie läuft die Produktion der Videos ab?

Madiar: Die Themen, mit den das Projekt sich beschäftigt, sind in einer gemeinsamen Konzeptionskonferenz per Skype klar definiert worden. Ich mache den Schauspielern Textvorschläge, treffe die endgültige Textauswahl und koordiniere die Herstellung des Videos. Die Schauspieler filmen die Videos zu Hause. Dabei bleibt Sven Grunert mit den Ensemblemitgliedern telefonisch im Kontakt und äußert seine Regiehaltung. Der Videokünstler Hagen Wiel bearbeitet das Video und ist jeden Tag für die Echtzeit-Übertragung zuständig.

Was sind dabei die Vorgaben an die Schauspieler?

Madiar: Außer den technischen Vorgaben ist die Interpretation des Textes relativ frei. Sven Grunert mit seinen Regieanweisungen begleitet die Schauspieler in ihrer Suche nach der Figur und Haltung. In gemeinsamen Brainstorming-Sessions entwickeln das Team und die Schauspieler eine gemeinsame Gestaltung der jeweiligen Videos.

Was ist das Ziel des Projekts?

Madiar: Unser Ziel ist, zu untersuchen, wie die zwei Medien, Theater und Internet, einander beeinflussen. KTL – On Air ist keine Notlösung in den Zeiten des Social Distancing und auf keinen Fall abgefilmtes Theater, sondern eine Suche nach neuer Sprache, neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Diese erlauben uns, analoge Theaterprozesse im neuen digitalen Raum zu erspielen und dadurch ein neues Publikum zu generieren.

Wie viele Zuschauer haben Sie bisher erreicht?

Madiar: In der ersten Woche des Projektes hatte allein unsere Facebook-Seite 20 000 Besucher.

Wie geht es nach dem Ende des Projektes beim Kleinen Theater weiter? Gibt es schon Ideen für neue Projekte dieser Art?

Madiar: KTL – On Air besteht aus 16 Shortcut-Premieren. Das letzte Video ist für 5. Mai geplant. Im neuen Kapitel des Projektes bereiten wir eine Retrospektive aus der Geschichte des Theaters vor: Dokumentationen über die Inszenierungen, Festivals etcetera. Nicht auszuschließen ist, dass wir unseren Zuschauern auch die Live-Lesungen in einem neuen, exklusiven Format anbieten. Bis Mitte Juni versuchen wir, eine Internet-Premiere mithilfe von Livestream und gegebenenfalls noch anderer digitaler Übertragungswege zu ermöglichen. Daran arbeiten wir mit Hochdruck.

Bleibt das digitale Format auch nach der Corona-Krise bestehen oder nur so lange, bis das Kleine Theater wieder vor physischem Publikum spielen kann?

Madiar: Unsere Suche nach neuen Formaten wird auch in der Zeit nach der Corona-Krise aktiv bleiben. Für die neue Spielzeit 2020/2021 arbeiten wir an zwei digitalen Formaten, die das analoge Bühnengeschehen in den digitalen Raum erweitern.

Kerstin Petri, Landshuter Zeitung, 1. Mai 2020