"Goethe ist einfach sexy" 

Sven Grunert im Interview mit Christian Muggenthaler
(in: Landshuter Zeitung, vom 16. Februar  2018)

Der Dichter Torquato Tasso wird am Hof des Fürsten von Ferrara gefeiert, hadert aber mit seiner Rolle als Unterhaltungskünstler. Mit dem Politiker Antonio kommt ein Konkurrent um die Macht an den Hof. Und dann ist da auch noch Prinzessin Leonore. Goethe hat in sein Schauspiel „Torquato Tasso“, das heute im Kleinen Theater Landshut Premiere feiert, wichtige Fragen von Kunst, Gesellschaft und Liebe gepackt. Regisseur Sven Grunert erklärt, warum es noch heute aktuell ist.

Warum haben Sie „Torquato Tasso“ auf den Spielplan gesetzt?

Der „Torquato Tasso“ ist eines der Dramen, in denen man sich auch mit sich selbst als Künstler befassen kann; das Thema hat mich also schon lange begleitet. Jetzt, zum 25. unseres Hauses, ist ein guter Zeitpunkt, einmal genau die Position des Künstlers in der Gesellschaft zu behandeln. Es geht in dem Stück ja nicht um ein Einzelschicksal oder die Pathologie eines ganz bestimmten Menschen. Sondern um Bruchstellen, um Konfliktlinien: eine Dramaturgie der Verletzungen. Die Titelfigur ist in diesem Sinn in der Tat eine vielfach gebrochene, rätselhafte Figur. Worin besteht das Interesse, sich gerade mit einer solchen Figur auseinanderzusetzen? Es besteht nicht zuletzt in der Entdeckung, wie viel von ihr wir auch in unserer Umgebung finden. Diese tiefe Sehnsucht nach Nähe, die in Tasso ist, verbunden mit einer gleichzeitigen irren Angst vor Intimität, das ist auch ein deutlicher Parameter des gegenwärtigen Zustands der Gesellschaft. Dieses Neurotische findet man als Konflikt in Tassos Innerem und im Inneren der heutigen Gesellschaft gleichermaßen. Das interessiert mich sehr.


Tasso ist ein Künstler, der sich ständig an der Macht reibt, vielleicht reiben muss. Ist dieser Konflikt Macht versus Kultur für Sie etwas Grundsätzliches?

Grundsätzlich ist die Frage nach dem Ausmaß von Freiheit, von der Tasso selbst sagt: „Der Mensch ist nicht geboren, um frei zu sein.“ Wie viel Freiheit also kann man überhaupt aushalten? Wie viel Freiheit braucht man? Wie viel Verantwortung hat man? Zwar sucht Tasso in seiner Kunst sein freies Wirken und sein kreatives Sein. Aber er muss auch erkennen, dass man ihm sein Werk entreißt und ihn mit seiner Abhängigkeit konfrontiert. Diese Erkenntnis der persönlichen Machtlosigkeit macht viel mit seinem Charakter. Das will ich zeigen.

Begegnet Ihnen dieser Konflikt persönlich auch?

Der begegnet einem doch ständig, das ist das tägliche Brot: dieser Kampf um Bedeutung, diese ständige Notwendigkeit der Aufklärungsarbeit. Kultur und Kunst sind Mittel, sich Vorurteilen, Geistlosigkeit, diesen ganzen Androiden, die uns derzeit umgeben, entgegenzustellen. Sie sind ein zwingend notwendiges Korrektiv.

Und muss man dazu dann auch wie Torquato Tasso als Künstler außerhalb der üblichen Normen der Gesellschaft stehen?

Ich denke, diese Art von Nonkonformismus wird von der Gesellschaft dann akzeptiert, wenn der Künstler aus seiner Suche, aus seiner inneren Emigration heraus mit einem Werk zurückkommt, das Akzeptanz schafft. Das ist ein ganz grundsätzlicher Widerspruch, aus dem Kunstschaffen besteht: sich außerhalb der Gesellschaft zu positionieren, um am Ende haargenau dieser Gesellschaft zu dienen.

Goethe spiegelt in dieser Frage und in diesem Widerspruch auch seine eigenen Erfahrungen als Dichter und zugleich Bestandteil des Weimarer Hofs. Wo verorten Sie diese Erfahrungen auf Ihrer Bühne?

Das Stück spielt in einem Lustschloss, also einem bewusst fiktiven Ort. Da wird ein freizügiges Leben geführt hinter dicken Mauern. Dahinter stehen auch Goethes Weimarer Erfahrungen mit einem freigeistigen Ort, an dem neue Lebensformen ausprobiert werden. Wir zeigen also keinen konkreten Ort in einer konkreten Zeit, eher einen mit hoher Künstlichkeit und auch Romantik. Romantik deshalb, weil Goethe mit dem Tasso auch eine sehr schöne, sehr tragische Liebesgeschichte geschaffen hat. Goethe ist einfach sexy: diese lyrische Sprache, diese Sprache, die einen regelrecht sprachlos beim Zuhören macht, feinsinnig und wuchtig zugleich. Goethe ist die beste Medizin gegen alle Tendenzen der Verrohung.


Interview: Christian Muggenthaler