Interview von Julia Koschitz mit Philipp Seidel zu "BILDER DEINER GROSSEN LIEBE" - Inszenierung 2019


Mit Wut im Bauch und verloren in der Welt


Eine junge Frau flieht aus einer psychiatrischen Anstalt und macht sich barfuß auf den Weg durchs Land. In dem unvollendet nachgelassenen Roman „Bilder deiner großen Liebe“ erzählt Wolfgang Herrndorf die Geschichte von Isa, die in seinem Bestseller-Roman „Tschick“ schon als Nebenfigur auftritt. Robert Koall hat auch aus diesem Stoff eine Theaterfassung gemacht, die heute unter der Regie von Intendant Sven Grunert Premiere im Kleinen Theater in Landshut hat. Auf der Bühne steht Julia Koschitz, die dem Kleinen Theater schon einige Sternstunden beschert hat, unter anderem als Henrik Ibsens „Nora“, für die sie bei den Bayerischen Theatertagen 2006 den Darstellerpreis erhielt.

In der letzten Spielzeit hat Matthias Eberth am Kleinen Theater Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ inszeniert, in dem die Isa, gespielt von Ines Hollinger, auch vorkommt. Beziehen Sie sich auf diese Inszenierung?

Nein, ich habe sie nicht mal gesehen.

Sie machen also mit Sven Grunert etwas ganz Neues?

Ich gehe davon aus. Wir haben von Anfang an den Gedanken fallengelassen, dass ich glaubwürdig ein 14-jähriges Mädchen darstellen soll. Wir haben uns auf das Universelle im Text konzentriert, auf den Aspekt ihrer kindlichen Weisheit, ihrer Suche nach der Liebe zur Welt und zu sich selbst, und machen uns damit frei von jeglicher Altersbegrenzung.

In einem Gespräch mit Ihrer Kollegin Louisa Stroux haben Sie gesagt, dass Intendant Sven Grunert bei Ihrem ersten Vorsprechen am Kleinen Theater Ihre Wut testen wollte. Das passt gut zu der „Tschick“-Isa, die wir von der Bühne und aus dem Film kennen – sehr laut, sehr wütend. Ist Ihre Isa auch so?

Der Wutanteil an dieser Figur ist ganz wichtig und kommt bei uns natürlich auch vor. Aber ich finde ihre Empfindsamkeit und Verlorenheit genauso bedeutend, und ihre Anarchie und Gegenwehr zeigt sich ja auch in ganz anderen Farben. Ich nehme also an, dass es im Vergleich nicht ganz so laut bei uns zugeht. Ich finde, die Figur und ihre Reise haben so unterschiedliche Aspekte, dass es schade wäre, sie komplett in Wut zu tunken.

Isa flieht gleich am Anfang aus einer psychiatrischen Anstalt. Ihr erster Satz lautet: „Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“ Wie verrückt ist Ihre Isa?

Wir haben uns nicht auf den pathologischen Teil des Verrücktseins bezogen. Ihre schonungslose Auseinandersetzung mit sich selbst im Gegensatz zur Welt, die durch keine gesellschaftlichen Normen weichgespült ist, die sehr pur ist, führt doch zwangsläufig dazu, dass sie, oder im übertragenen Sinne man verrückt werden muss. In dieser schonungslosen Sicht liegt für mich eine Wahrheit, die wunderschön und schwer ertragbar zugleich ist. Das berührt mich so an diesem Text.

Worin zeigt sich diese Schonungslosigkeit?

Dass sie jede mögliche Frage zu unserer Existenz zur Disposition stellt, mit dem glasklaren Blick auf unsere Vergänglichkeit. Diese offene Sicht auf sich und sein Leben, auf sein Ich im und im Gegensatz zum Universum, die Frage, ob es dieses Ich überhaupt gibt, ob Erinnerungen wirklich sind, ob sie irgendwann zu einer reinen Projektion werden und was das eigentlich alles für einen Sinn macht – wenn man all diese Fragen wirklich lebt, ist es eine große Herausforderung. Ich weiß noch, als ich ungefähr sechs war, habe ich meinem Vater mal beim Abendessen all diese Fragen gestellt: Was war, bevor ich auf der Welt war, und was wird sein, wenn ich nicht mehr da bin? Wie groß das Universum ist, wo es aufhört und was dahinter ist? Und wann das Universum überhaupt angefangen hat, ein Universum zu sein, und wann es wieder aufhört? Weil, unendlich gibt es doch nicht. Mein Vater hat auf meinen Teller gezeigt und gesagt: Schau dir den Rand an – wo ist da der Anfang und das Ende? Ich sagte: Gibt es nicht. Er sagte: Genau.

Da hat er sich elegant aus der Affäre gezogen.

Ja, Glück gehabt. An diesen Fragen, die wahrscheinlich jedes Kind irgendwann stellt, kann man doch eigentlich nur verrückt werden, oder?

Ja, das klappt auch bei Erwachsenen immer wieder gut.

Und das sehe ich in der Verrücktheit dieser Figur, es ist ihre pure und schonungslose Art, diesen Fragen wirklich zu begegnen.

Isa wird auch sexuell belästigt. Darauf reagiert sie erstaunlich nüchtern. Ist das ein Zeichen ihrer Verrücktheit, dass sie nicht einordnen kann, was es bedeutet?

Ich sehe es eher als eine noch unfertige Auseinandersetzung mit traumatischen Erlebnissen, frei von jeglichem Selbstmitleid, auf der Suche nach der Bedeutung. Ich finde, es ist eine ganz große Qualität dieser Erzählung und dieser Figur, dass sie es uns überlässt, was wir darüber denken sollen. Ich kann all diese Begegnungen und Geschichten mit mir in Verbindung bringen. Diese unsentimentale Art der Beschreibung gibt mir Raum für Identifikation.

Isa sagt, ihr Vater sei von einem Meteoriten erschlagen worden. Wie weit kann man denn Isa glauben? Was ist Wahrheit, was ist erfunden?

Die Frage stelle ich mir persönlich auch immer wieder. Erinnerungen, die mir sehr lebendig erscheinen, sind wie alles andere, was ich sehe, denke und fühle, ja nur Interpretationen von mir. Da wir Menschen voll sind von Erwartungshaltungen und Projektionen, Bedürfnissen, Sehnsüchten, Vermeidungsstrategien, stellt sich auch ganz ohne pathologisches Verrücktsein die Frage, wie sehr unsere Erinnerung mit den Fakten übereinstimmen. Eingefärbt sind sie allemal.

Es ist eine große Ausnahme, dass Sie Theater spielen. Zuletzt standen Sie vor einem Jahr in den Hamburger Kammerspielen auf der Bühne.

Ich habe mich auf den Film konzentriert, nicht weil mich das Theater nicht interessiert hätte, sondern weil die Angebote für mich zu spannend waren und es unmöglich war, beides organisatorisch zu vereinen. Sven Grunert und ich sind aber die ganze Zeit in Kontakt geblieben. Die Entscheidung, ein Ein-Personen-Stück zu spielen, hatte erst mal rein logistische Gründe, das hat uns das Maximum an Flexibilität gegeben.

Entwickelt man sich beim Theater eher weiter als beim Film?

Ich habe damals die Entscheidung für mich getroffen, nach der Schauspielschule erst mal ans Theater zu gehen, weil ich überzeugt war, dass ich nur dort lernen kann. Ich habe beim Film aber auch junge Leute, große Talente, kennengelernt, die keine Schauspielschule besucht haben, direkt angefangen haben zu drehen und durch die Arbeit vor der Kamera eine große Entwicklung gemacht haben. Es ist die Frage, was man sucht. Ich habe das Theater gebraucht, um mich erst mal freizuspielen, um zu begreifen, dass man, egal, welche Weltliteratur man vor sich liegen hat, seine eigene Interpretation, seinen Ausdruck finden muss. Dass man sich die Frage stellen kann und soll, was ich persönlich mit einem Text sagen möchte. Und man hat am Theater den Raum, sich auszuprobieren, mit den Kollegen und dem Regisseur. Man geht gemeinsam auf die Suche – ich empfinde das immer noch als ein Privileg.

Interview: Philipp Seidel in der Landshuter Zeitung vom 25. Januar 2019