Interview mit Julia Koschitz und Sven Grunert zu "BILDER DEINER GROßEN LIEBE" - Inszenierung 2018

 

Kinostar Julia Koschitz spielt die Isa unter der Regie von Sven Grunert. Elke Krüsmann sprach mit ihnen über ihre gemeinsame Arbeit.


Wo seid Ihr Euch zum ersten Mal begegnet?

Julia Koschitz: Bei einem Vorsprechen am kleinen theater vor 14 Jahren, das dann auch zu mehreren gemeinsamen Produktionen geführt hat. Sven hat mich damals künstlerisch abgeholt und wurde in der Zeit für mich eine Art Mentor. Diffuse Ahnungen, die ich schon hatte, haben sich durch unsre Zusammenarbeit konkretisiert. Ich habe viel von ihm gelernt.


Sven Grunert: Ich war auf der Suche nach einer Darstellerin der Abby in Neil LaButes 9/11-Stück „Tag der Gnade“. Julia hat eine starke suggestive Kraft, die mir damals sofort auffiel, eine Vielschichtigkeit, die mich zum Träumen gebracht hat.


Wolfgang Herrndorf wird von vielen Lesern sehr geliebt.Wie geht es Euch mit seinen Texten?


SG: Die Dichte und Knappheit seiner Sprache entfaltet einen Sog. Du wirst ganz schnell auf eigene Bilderwelten zurückgeworfen. Du verstehst auf einmal den Himmel im Herzen.


JK: Alles was ich bisher von ihm gelesen habe ist von großer Klarheit, Klugheit und Komik. Das gilt auch für „Bilder deiner großen Liebe“. Ein Stoff, der sich, wie ich finde, mit den universellen Fragen des Seins auseinandersetzt.


Wie seht Ihr die Figur der Isa?


SG: Sie repräsentiert den kindlichen Anteil in uns. Bei Isa sehe ich immer diese russische Holzpuppe, diese Matrjoschka, vor mir. In der großen stecken viele kleinere. Zuerst hältst du die Oma in der Hand. Darunter kommt die erwachsene Frau zum Vorschein, dann die junge Frau und das Kind. Ich möchte mit dem arbeiten, was ein Schauspieler an biografischen Erfahrungen mitbringt, seinem Wesenskern. Regie zu führen bedeutet nicht, jemanden dazu zu bringen, sich zu verstellen. Kunst ist Enthüllung – nicht Verstellung.


JK: Mir geht es, eigentlich wie bei jeder anderen Rolle auch, eher um den „Isa-Anteil“ in jedem von uns. Dabei kann man sich in der Erarbeitung einer Figur entweder von außen nach innen oder von innen nach außen annähern. Entweder versuche ich, sie erstmal aus meinen persönlichen Erfahrungen heraus zu verstehen und finde daraus eine Form, oder ich komme über einen formalen Ansatz zum Kern der Figur.


Damit Kunst den Zuschauer mitten ins Herz trifft, darf man keine Kompromisse machen. Verbindet Euch diese Haltung mit Wolfgang Herrndorf?


JK: Ob man jemanden emotional oder intellektuell erreichen möchte – ich glaube, dass das Geheimnis die Genauigkeit ist. Die Genauigkeit eines Gedankens, den man vermitteln möchte. Die muss man sich erarbeiten. Sven ist ein Regisseur, der viele Umwege macht, um dann zu einer einfachen Lösung zu kommen. Die Reduktion, das scheinbar Einfache und Klare ist das Schwierigste, dafür braucht es genau diese Umwege.


SG: Damit diese Grenzgänge funktionieren, brauchst du intelligente Schauspieler, die emotional und mental ein starkes Gegenüber sind. Dann macht man gemeinsam Erfahrungen, die einen als Mensch weiterbringen. Eine kreative Leistung, die am Ende ganz einfach aussieht, entsteht in einem hoch komplexen Prozess.



Biografie JULIA KOSCHITZ


Ihre Spezialität: komplexe, facettenreiche Figuren. Julia Koschitz, geboren 1974, lernte ihr Handwerk auf der Bühne. Die vielseitige Verwandlungskünstlerin spielte in zahlreichen Fernseh- und Kinofilmen mit, u. a. in zwei „Tatort“-Folgen und in der Speed-Dating-Komödie „Shoppen“. Sie wurde für ihre Arbeit u. a. mit dem Bayerischen Fernsehpreis und dem deutschen Schauspielerpreis ausgezeichnet. Seit 2004 gastiert sie immer wieder am kleinen theater – KAMMERSPIELE Landshut. Dort feierte sie große Erfolge in den Inszenierungen von Sven Grunert, u. a. in „Antigone“ von Sophokles (eingeladen auf das Europäische Theaterfestival nach Hermannstadt) und als Titelheldin in Ibsens „Nora“. Für diese Rolle erhielt sie bei den Bayerischen Theatertagen 2006 den Darstellerpreis.