Audio-Beitrag von Roland Biswurm in B2 Kulturzeit vom 3. April 2019

Heimat und Heimatlosigkeit

 

Heute beginnen die Sperr-Tage im Kleinen Theater in Landshut. Julia Weigl hat das Programm zusammengestellt - Julia Weigl im Interview mit Philipp Seidel

Drei Tage lang soll es im Kleinen Theater in Landshut um Identität und Ausgrenzung, und Heimat und Heimatlosigkeit gehen. Die zweiten Sperr-Tage, die künftig als „Biennale Niederbayern“ alle zwei Jahre stattfinden sollen, werden heute um 18 Uhr eröffnet. Bis Sonntag stehen Lesungen, Theater- und Filmaufführungen und Diskussionen auf dem Programm, das Julia Weigl zusammengestellt hat.


Die Sperrtage im Kleinen Theater bieten eine große Vielfalt der Darstellungsformen – Theater, Lesung, Kunst –, und das alles unter dem Begriff „kritisches Volkstheater“. Wie weit fassen Sie diesen Begriff?


Wir sehen das kritische Volkstheater in diesem Fall mehr als Ursprung, sich mit bestimmten Themen kritisch auseinanderzusetzen, die vielleicht andernorts nicht angesprochen werden. Da ist die Idee kritisches Volkstheater – ob man es als Epoche und Ort sieht oder als Form von Theater – ein guter Anfang. In dem Begriff steckt auch, dass man sich mit seinem Volk, seiner Gesellschaft auseinandersetzt, mit dem, was unmittelbar um uns herum passiert. Und das findet im Theater statt. Wir wollen uns also kritisch mit bestimmten Themen befassen. Und da ist Martin Sperr, der Namensgeber des Festivals, als alter Niederbayer mit seinen ganzen Ideen und dem zentralen Stück „Jagdszenen aus Niederbayern“ ein guter Ausgangspunkt.


Mit Josef Bierbichler kommt ein prominenter Schauspieler von bayerischer Urwucht zu den Sperrtagen. Inwiefern setzt er sich mit unserer Gegenwart auseinander?

Er ist ein Tausendsassa, wie ja viele Vertreter des kritischen Volkstheaters auch, Sperr selber, der Schauspieler und Autor war, Achternbusch, der Filme und Theater gemacht und seine Texte selber geschrieben hat. Dann ist Bierbichler stark in Bayern verortet, hat mit vielen Vertretern des bayerischen Volkstheaters gearbeitet. Und er setzt sich in der gleichen Art und Weise mit Themen auseinander, wie wir es mit den Sperr-Tagen wollen. Im Roman „Mittelreich“ beziehungsweise dessen Verfilmung „Zwei Herren im Anzug“ wird ja eine bayerische Familiengeschichte erzählt, wenn auch in Oberbayern. Es ist auch seine eigene Lebensgeschichte, sehr persönlich, aber nicht immer positiv, sondern mit einem kritischen, manchmal süffisanten Unterton.


Und warum liest Herr Bierbichler aus dem Filmskript?

Bierbichler war mit dem Buch schon mal für eine Lesung im Kleinen Theater, und wir wollten nicht einfach die Lesung wiederholen. Es war seine Idee, aus dem Drehbuch zu lesen: An einem Abend setzt man sich mit der Entstehungsgeschichte des Films auseinander, bei dem Bierbichler ja Autor, Regisseur und Schauspieler war. Es soll eine Annäherung an das Thema werden mit Textbeispielen – und mit Bierbichler-Pfiff. Anschließend spricht Christoph Leibold mit Bierbichler über das kritische Volkstheater und seine eigene Person. Am Samstag und Sonntag ist dann der Film im Kinoptikum zu sehen.


Am Freitag kommt auch noch die junge Autorin Enis Maci mit ihrem Buch „Eiscafé Europa“ ins Kleine Theater.

Wir wollten auf keinen Fall etwas Altbackenes machen und uns nur mit der Geschichte der frühen 70er und 80er Jahre auseinandersetzen. Wir wollten die Themen Widerstand und Ausgrenzung in unsere Zeit holen und auch jungen Frauen eine Plattform geben und erfahren: Wie seht ihr das? Enis Maci setzt sich in ihren Geschichten mit Formen des weiblichen Widerstands auseinander.


Das Thema Ausgrenzung wird auch beim Puppenmusical „Isaak und der Elefant Abul-Abbas“ am Samstag aufgegriffen.


Wir wurden auf den Sammelband „Fremdgemacht & reorientiert: Jüdisch-muslimische Verflechtungen“, den Armin Langer mit einem Kollegen herausgegeben hat, aufmerksam und fanden die Herangehensweise enorm spannend, weil es einer der Kernkonflikte in unserer Gesellschaft ist. Die beiden sind sehr auf Brückenschlagen und Zusammenarbeit aus. Das ist ja auch das Thema unserer Kunstaktion „Über/Brücken“ mit Martina Kreitmeier. So wurden wir auch auf Shlomit Tulgan aufmerksam, die für den Sammelband kurze Anekdoten und Alltagszenen aus ihrem Leben als Jüdin in Deutschland geschrieben hat. Und Tulgan hat gerade an diesem Puppenmusical gearbeitet. Das passt auch gut zur Kinder- und Jugendsparte des Kleinen Theaters. Bei den 2. Landshuter Sperr-Tagen war es uns auch wichtig, Inszenierungen zu integrieren, mehr ins Theatrale zu gehen. Dazu gehört neben dem Puppenmusical auch die Achternbusch-Inszenierung „Arkadia“ am Sonntag.


Das ist eine Inszenierung ...

... von und mit Werner Waas. Ein Gastspiel. Der gebürtige Niederbayer Waas arbeitet als freier Künstler und Performer in Berlin.


Mit welcher Erkenntnis geht man im besten Fall aus diesen drei Tagen heraus?


Wir wollen einen Blick in unsere eigene Geschichte, aber auch in unsere eigene Heimat vermitteln. Der Heimatgedanke ist heute ja ziemlich negativ konnotiert. Was passiert eigentlich bei uns? Mit uns – auch im Umgang mit dem sogenannten anderen? Eine Erkenntnis soll auch sein, dass man gar nicht so weit rausgehen muss, um sich mit konkreter Ausgrenzung zu beschäftigen. Unser Kernziel ist es, ein Bewusstsein zu schaffen für neue Themen, einen Perspektivenwechsel, der auch für eine Stadt wie Landshut und eine Region wie Niederbayern wichtig ist.


Wie fügt sich der Geist der Sperr-Tage ins übrige Programm des Kleinen Theaters ein?


Der Intendant Sven Grunert hatte die Idee zu den Sperrtagen schon vor vielen Jahren. Die Grundwerte und die Themen, die an diesen Tagen verhandelt werden, sind ja Kernthemen des Theaters allgemein, vor allem auch des Kleinen Theaters. Eine der Schlüsselproduktionen der letzten Jahre ist Shakespeares „Sturm“: Prospero wurde von seinem eigenen Bruder auf eine Insel verbannt – ein Paradebeispiel für Ausgrenzung. Durch die Sperrtage versuchen wir, genauer hinzuschauen. Und wir versuchen, Menschen ans Theater zu binden, aber auch, Menschen, die dem Kleinen Theater verbunden sind, in die Sperrtage zu integrieren. Unser Credo ist: Raum und Zeit für Öffnungen. Und die Sperrtage sollen eine Spielfläche für Formen und Inhalte sein.

Interview: Philipp Seidel in der Landshuter Zeitung vom 5. April 2019