Sarah Grunert über "Die Geschichte der Frau"

Ein neuer Blick auf Lore Lay und ihre Leidensgenossinnen
Sarah Grunert über „Die Geschichte der Frau“ von Feridun Zaimoglu, die sie am Sonntag als szenische Lesung im Kleinen Theater Landshut zeigt

In seinem Roman „Die Geschichte der Frau“ (2019) verleiht der Kieler Autor Feridun Zaimoglu teils realen, teils fiktiven Frauen, die bisher stumm waren, eine Stimme, er will sie hörbar machen. Die Schauspielerin Sarah Grunert hat aus dem Buch eine szenische Lesung gemacht. An diesem Sonntag um 19 Uhr ist Premiere am Kleinen Theater Landshut – Intendant des Hauses ist ihr Vater, Sven Grunert.

„Die Geschichte der Frau“ hat das Anliegen, kaum erhörten, unterdrückten oder getöteten Frauen der Vergangenheit eine Stimme zu geben. Feridun Zaimoglu lässt sie dafür allerdings in einer Sprache reden, die ein Kritiker als „künstlich hochgeschraubte, muskelbepackte Imponierprosa“ bezeichnet hat. Warum tun Sie sich das an?

Ich finde es spannend, zu schauen, welchen Blickwinkel die Frauen eingenommen hätten. Zaimoglu hat sich Frauen ausgesucht, die sich in einer Umbruchphase befinden. Sie durchschauen die Strukturen, in denen sie leben, können sich aber trotzdem ihres Schicksals nicht erwehren. Sie hätten vielleicht eine andere Geschichte schreiben können, wenn die Strukturen anders gewesen wären. Und das sind ja die Strukturen, aus denen unsere heutige Gesellschaft entstanden ist – und an denen arbeiten wir uns immer noch ab.

Wie viel Lesung gibt es, wie viel Spiel?

Es ist eine szenische Lesung im Raum, das Konzept ist eine Art Zeitreise, eine Spurensuche: Finde ich Spuren der beschriebenen Frauen im Heute wieder? Kann ich mich mit ihnen identifizieren?

Welche der Frauen haben Sie am meisten ins Herz geschlossen?

Ich mag die Passage von Lore Lay sehr gerne, weil ein es komplett anderer Blickwinkel auf die Sage ist – sie verschanzt sich mit Messern vor Clemens Brentano und sagt ihm, er soll weggehen, sie will überhaupt nicht zur Legende oder als schön besungen zu werden. Die Dichterfigur ist sehr schön karikiert.

Wie viel Einfluss hatte Ihr Vater auf die Inszenierung?

Die Idee für den Stoff kam vom Theater. Ich hatte bei der Lesung auf den dortigen Sperr-Tagen schon eine etwas performativere Lösung angedeutet, daraus ist dann mein Konzept der Zeitreise mit Hilfe eines Schranks entstanden. Alles, was ich von der Bühne aus nicht sehen kann, das überlasse ich meinem Vater.

Philipp Seidel, Landshuter Zeitung, 16. November 2019